Medizin

Krebsüberlebensraten in Europa weiter gestiegen

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Mailand/Rom – Die Überlebenszeiten von Krebspatienten haben sich in den letzten fünf Jahren in ganz Europa verbessert. Es gibt jedoch nach wie vor erhebliche regionale Unterschiede, wie die jüngsten Publikationen des EUROCARE 5-Projekts zu Erwachsenen und Kindern in Lancet Oncology (2013; doi: 10.1016/S1470-2045(13)70546-1 und 70548-5) zeigen. Deutschland liegt weiter in der Spitzengruppe. In Osteuropa versterben die Patienten bei einigen Krebserkrankungen deutlich früher an ihrer Erkrankung.

Zum fünften Mal hat das 1989 ins Leben gerufene EUROCARE 5-Projekt Vergleichs­daten zu den 5-Jahresüberlebensraten von Krebserkrankungen in Europa veröffentlicht. Die Datenqualität hat sich erneut verbessert. Hatte die erste Auswertung gerade einmal 800.000 Patienten aus 12 europäischen Ländern eingeschlossen, so sind es jetzt 8,6 Millionen Patienten aus 29 Ländern, darunter 750.000 aus Deutschland.

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Insgesamt 21 Länder erfassen mittlerweile alle Krebspatienten. Deutschland zählt mit einem Anteil von gerade einmal 23 Prozent übrigens nicht dazu. Eine hohe Datenqualität schließt indes Fehlinterpretationen nicht aus, wie Alastair Munro von der Universität Dundee in einem Editorial anmerkt. Munro muss sich erneut mit dem schlechten Abschneiden Großbritanniens auseinandersetzen, das wieder nur einen Mittelplatz belegt, während die Ergebnisse im übrigen Nord- und Zentraleuropa deutlich besser sind.

Dies hatte bereits bei der letzten Auswertung vor 4 Jahren am britischen Selbstwert­gefühl genagt und die Frage aufgeworfen, ob der staatliche Gesundheitsdienst mit seinen langen Wartezeiten vielleicht das Leben der Krebspatienten verkürzt. Auch in EUROCARE 5 liegen die 5-Jahresüberlebensraten auf den britischen Inseln bei Krebserkrankungen in Kolon (52 versus 57 Prozent), Ovar (31 versus 38 Prozent) und Nieren (48 versus 61 Prozent) unter dem Durchschnitt.

Munro weist jetzt auf andere Erklärungsmöglichkeiten hin. Ein Grund für die schlechten Ergebnisse könnte sein, dass die bevölkerungsweiten britischen Krebsregister auch die Patienten aus den verarmten Stadtteilen beispielsweise in Glasgow erfassen, während die lückenhaften französischen Register die Pariser Banlieues vielleicht nicht in gleicher Weise erreichen.

Munro wundert sich auch über die relativ hohen 5-Jahresüberlebensraten beim Lungenkrebs in Österreich, Deutschland, Belgien und der Schweiz. Dies seien gleichzeitig die Länder mit dem höchsten Migrantenanteil in Europa. Einige Migranten könnten es nach einer Lungenkrebsdiagnose vorziehen, zum Sterben in ihre alte Heimat (oder die ihrer Vorfahren) zurückzukehren, mutmaßt Munro, was die Ergebnisse in den „Gastländern“ beschönigen könnte - vor allem bei einem Tumor mit einer schlechten Prognose wie dem Lungenkrebs.

Deutschland liegt in der Spitzengruppe
Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg kann dagegen auf die guten Ergebnisse aus dem eigenen Land hinweisen. Bei den 5-Jahresüberlebensraten liegt Deutschland tatsächlich überall in der Spitzengruppe. Beim Magenkrebs überleben 31,3 Prozent (europaweit 25,1 Prozent), beim Kolonkarzinom sind es 62,2 Prozent (europaweit 57,0 Prozent), beim Rektumkarzinom 60,2 Prozent (europaweit 55,8 Prozent).

Lungenkrebs wird zu 15,6 Prozent (europaweit 13,0 Prozent) über 5 Jahre überlebt, Melanome 89,4 Prozent (europaweit 83,2 Prozent). Beim Brustkrebs liegt die 5-Jahres­überlebensrate bei 83,6 Prozent (europaweit 81,8 Prozent), beim Ovarial­karzinom sind es 40,3 Prozent (europaweit 37,6 Prozent). Auch bei Prostatakrebs mit 89,4 Prozent (europaweit 83,4 Prozent), beim Nierenkrebs mit 70,2 Prozent (europaweit 60,6 Prozent) und beim Non-Hodgkin-Lymphom mit 63,5 (europaweit 59,4 Prozent) ist Deutschland auf den vorderen Rängen. Auch bei krebskranken Kindern ist die 5-Jahresüberlebensrate mit 81 Prozent höher als der europäische Durchschnitt (78 Prozent).

Vergleichsdaten ungenau
Von einer Pisa-Mentalität raten die meisten Onkologen jedoch ab. Dazu sind die Vergleichsdaten zu ungenau. Da keine Daten zum Stadium der Erkrankung in die Analyse einfließen, lässt sich nicht klären, ob das gute Abschneiden in West- und Nordeuropa im Vergleich zu Osteuropa allein auf die besseren Behandlungs­möglichkeiten zurückzuführen sind oder ob ein früherer Diagnosezeitpunkt eine Rolle spielt.

Er könnte bei einigen malignen Tumoren die 5-Jahresüberlebensrate steigern, ohne die langfristige Prognose zu verbessern. Auf diesen möglichen Lead-Bias macht Alice Nennecke als Sprecherin von der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland in der Pressemitteilung der Universität Lübeck aufmerksam.

Begrenzte finanzielle Ressourcen wirken sich aus
Andere Unterschiede erscheinen jedoch plausibel. Für Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum werden die schlechteren Überlebensraten von krebskranken Kindern und von Lymphompatienten in Osteuropa durch die begrenzten finanziellen Ressourcen erklärt. Bulgarien bildet mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von 70 Prozent (Mitteleuropa 90 Prozent) bei der akuten lymphatischen Leukämie und von 60 Prozent bei Hirntumoren (Mitteleuropa über 80 Prozent) das „Schlusslicht“ in Europa. Noch gravierender sind die Unterschiede beim Non-Hodgkin-Lymphom im Erwachsenenalter. Hier leben 5 Jahre nach der Diagnose in Bulgarien nur noch 37,8 Prozent der Patienten, beim Spitzenreiter Island sind es mit 74,1 Prozent annähernd doppelt so viele.

Weitaus größer als die regionalen sind die “biologischen“ Unterschiede, die sich aus der Art der Krebserkrankung ergeben: Bei Hoden-, Schilddrüsen-, Prostata- und Brustkrebs, Melanomen und Hodgkin-Lymphomen überleben mehr als 80 Prozent der Betroffenen die ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Bei Lungen-, Leber, Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs sind es weniger als 15 Prozent.

Es gibt aber auch positive Nachrichten. Im Vergleich zu früheren  EUROCARE-Analysen haben sich die Überlebenschancen für die meisten Krebsarten deutlich verbessert. So ist die 5-Jahres-Überlebensrate seit den 90er Jahren beispielsweise für Darmkrebs europaweit von 52 auf 58 Prozent oder für das Non-Hodgkin-Lymphom von 54 auf 60 Prozent gestiegen. Hier hat es fast überall in Europa Verbesserungen gegeben. © rme/aerzteblatt.de

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