Medizin

HIV: „Geheilte“ Boston-Patienten erleiden Rückfall

Montag, 9. Dezember 2013

Miami – Die zwei HIV-positiven Patienten einer Bostoner Klinik, die nach einer hämato­poetischen Stammzelltherapie über mehrere Wochen virusfrei blieben, haben beide ein Rezidiv erlitten. Dies gaben die behandelnden Ärzte auf einem International Workshop on HIV Persistence in Miami bekannt. Damit haben sich die Hoffnungen zerschlagen, dass eine Graft-versus-Host-Reaktion eine HIV-Infektion kurieren könnte.

Mit Spannung haben HIV-Experten in den letzten Monaten auf weitere Berichte zu zwei Patienten gewartet, die sich wie der „Berlin-Patient“, der 2007 als erster Mensch von einer HIV-Infektion geheilt wurde, einer allogenen Stammzelltherapie unterzogen hatten. Für diese Therapie werden in einer sogenannten Konditionierung zunächst die Abwehr­zellen im gesamten Körper zerstört, darunter auch die CD4-Zellen, in denen sich HI-Viren vermehren. Danach erhielten beide Patienten allogene hämatopoetische Stammzellen, die ein neues Immunsystem aufbauen, einschließlich (zunächst) nicht-infizierter CD4-Zellen.

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Da im Prinzip nur eine einzige infizierte Zelle des alten Immunsystems die Konditionierung überleben muss, um die Viren an CD4-Zellen des neuen Immunsystems weiterzugeben, musste mit einem Rückfall gerechnet werden. Bei dem „Berlin-Patient“ blieb sie aus, da die transplantierten Stammzellen aufgrund der Mutation CCR5delta32 eine „angeborene“ Resistenz gegen eine HIV-Infektion hatten. CCR5 ist ein Co-Rezeptor von Abwehrzellen, den die HI-Viren benötigen um an den CD4-Zellen anzudocken.

Das Team um Timothy Henrich und Daniel Kuritzkes vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, wo die beiden Patienten behandelt wurden, hatte jedoch gehofft, dass eine Graft-versus-Host-Reaktion die Weitergabe der Viren verhindern würde. Bei diesem Kampf zerstört das neue Immunsystem die Reste des alten Immunsystems und damit vielleicht auch die letzten HIV-infizierten Zellen, die die Konditionierung überlebt haben.

Im Frühjahr diesen Jahres wagten die beiden Patienten, die ihre Stammzelltherapie bereits 2008 und 2010 erhalten hatten, einen Auslassversuch. In den ersten Wochen nach dem Absetzen der antiretroviralen Medikamente blieben sie ohne Virusnachweis im Blut. Auf der Tagung der International Aids-Society in Kuala Lumpur sprachen Henrich und Kuritzkes vorsichtig von einer möglichen Heilung der HIV-Infektion, zu voreilig, wie sich bald herausstellte. Im August waren die Viren bei einem Patienten wieder nachweisbar. Bei dem anderen kehrten sie im November zurück. Beide werden heute wieder antiretroviral behandelt und befinden sich nach einer Stellungnahme der Ärzte bei guter Gesundheit.

Mit dem Rezidiv der HIV-Infektion bei den Patienten ist damit eine Therapieoption gescheitert, die im klinischen Alltag niemals zur Routine geworden wäre. Hämatologische Stammzelltherapien sind eine für die Patienten nicht ungefährliche Behandlung, die deshalb nur bei lebensbedrohlichen Erkrankungen als Ultima Ratio eingesetzt werden. Die HIV-Infektion gehört nicht mehr dazu, seit es Medikamente gibt, mit denen sich die Virusvermehrung chronisch unterdrücken lässt. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 10. Dezember 2013, 15:08

"Den Tag nicht vor dem Abend loben"?

Thimothy Henrich et al. haben noch am 1.6.2013 in Journal of Infectious Diseases (JID) unter dem Titel "Long-Term Reduction in Peripheral Blood HIV Type 1 Reservoirs Following Reduced-Intensity Conditioning Allogeneic Stem Cell Transplantation" unter "Conclusions" sehr verklausuliert behauptet: "Die Fähigkeiten von Spenderzellen, sich o h n e Evidenz einer fortbestehenden HIV-Infektion einzupflanzen, legt nahe, dass die HIV-1-Replikation während der kombinierten antiretroviralen Therapie (cART) völlig unterdrückt sei und n i c h t zur Aufrechterhaltung von Virus-Reservoiren im peripheren Blut bei unseren Patienten beiträgt. Hämatopoetische Stammzell-Transplantationen (HSCTs) mit dem Wildtyp von CCR5+Spenderzellen können zu einer nachhaltigen Reduktion in der Größe des peripheren Reservoirs von HIV-1 führen" (Übersetzung d. d. Verfasser) ["The ability of donor cells to engraft without evidence of ongoing HIV-1 infection suggests that HIV-1 replication may be fully suppressed during cART and does not contribute to maintenance of viral reservoirs in peripheral blood in our patients. HSCTs with wild-type–CCR5+ donor cells can lead to a sustained reduction in the size of the peripheral reservoir of HIV-1"].

Wesentlich verhaltener haben sich da die behandelnden Kollegen des „Berlin-Patienten“, der 2007 als erster Mensch nach einer allogenen Stammzelltherapie von einer HIV-Infektion geheilt wurde, geäußert. Gero Hütter et al. aus der Charité Universitätsmedizin und dem Robert Koch Institut, Berlin: "Long-Term Control of HIV by CCR5 Delta32/Delta32 Stem-Cell Transplantation."
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa0802905#t=article
Die Berliner Forscher und Hämatologen haben den Fall detailliert im "New England Journal of Medicine" der Öffentlichkeit vorgestellt - und ihren Erfolg relativiert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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