Medizin

Lungenkrebs: Häufige Überdiagnose durch CT-Screening

Dienstag, 10. Dezember 2013

Durham – Bis zu 18 Prozent aller Lungenkarzinome, die in einer US-Screeningstudie mittels Computertomographie entdeckt wurden, hätten Gesundheit und Leben nicht gefährdet, wenn auf eine Früherkennung verzichtet worden wäre. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung in JAMA Internal Medicine (2013; doi: 10.1001/jamainternmed.2013.12738) zur möglichen „Überdiagnose“ von Lungenkrebs durch die Computertomographie.

Seit der US-National Lung Cancer Screening Trial zu dem Ergebnis kam, dass eine niedrig-dosierte Computertomographie (gegenüber einer Röntgenreihenuntersuchung) das Risiko von starken Rauchern, an einem Lungenkrebs zu sterben, um 20 Prozent senkt (NEJM 2011; 365: 395-409), wird über die Einführung der Früherkennung diskutiert. Ein wichtiger Aspekt ist die Gefahr der Überdiagnose.

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Gemeint ist die Entdeckung von Tumoren, die sich nur langsam oder gar nicht vergrößern oder sogar spontan wieder verschwinden und damit das Leben der Betroffenen niemals gefährden würden. Die Entdeckung dieser Tumoren würde die Patienten nicht nur psychisch belasten. Sie hätten auch körperliche Nachteile durch die Lungenkrebsoperation, die den Gesundheitszustand belasten und – in seltenen Fällen von tödlichen Operationskomplikationen – sein Leben gefährden können.

Schon in der Originalpublikation wurde auf die Möglichkeit einer Überdiagnose hingewiesen. Der Krebsforscher Edward Patz von der Duke University School of Medicine in Durham/North Carolina wagt jetzt aufgrund einer neuen Analyse eine Schätzung. Ihr liegen die Daten zu den Lungenkrebsdiagnosen während der drei jährlichen Screening-Runden und einer anschließenden etwa 5-jährigen Nachbeobachtungszeit zugrunde.

Während dieses Zeitraums waren im Computertomographie-Arm 1.089 Lungenkrebs­erkrankungen diagnostiziert worden (davon 649 im Screening entdeckt) gegenüber 969 in der Kontrollgruppe. Das ergibt eine Differenz von 120 potenziell überdiagnostizierten Tumoren (minus einer nicht bekannten Zahl von frühzeitig entdeckten Tumoren, die erst nach dem Ende der Beobachtungszeit gefährlich werden, sogenannter Lead-Time Bias).

Der Anteil dieser Überdiagnosen an den im Screening entdeckten Tumoren beträgt 18,4 Prozent (120 dividiert durch 649). Beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, der mit Abstand häufigsten Diagnose beträgt der Anteil der Überdiagnosen 22 Prozent und beim bronchio­loalveolären Karzinom, einer seltenen Variante des Adenokarzinoms, die für ihr langsames Wachstum bekannt ist, waren es sogar 78,9 Prozent.

Eine weitere Berechnung betrifft die Anzahl der Todesfälle. Die Originalpublikation war zu dem Ergebnis gekommen, dass 320 Personen mit hohem Risiko (starke Raucher mit 30 Packungsjahren oder mehr) regelmäßig gescreent werden müssten, um einen Todesfall am Lungenkrebs zu verhindern. Konkret war es im CT-Screening-Arm zu 443 Lungen­krebs­todesfällen gekommen gegenüber 356 in der Kontrollgruppe. Das ergibt eine Differenz von 87 Todesfällen. Damit entfallen auf die 320 Patienten, die gescreent werden müssen, um einen Todesfall zu verhindern 1,38 Überdiagnosen (120/87), argumentiert Patz.

Für Mitchell Schnall, den Co-Vorsitzenden der ECOG-ACRIN Cancer Research Group, einer Initiative von US-Onkologen und US-Radiologen, ist die Rate der Überdiagnosen im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen relativ niedrig. Schnall, ein Radiologe an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia, spricht sich für die Einführung des Lungen­krebsscreenings aus, auch wenn weiter daran gearbeitet werden müsse, die Rate der Überdiagnosen zu verringern. Bislang gibt es aber keine Methode, indolente Tumoren, die den Patienten nicht gefährlich werden, im Screening von anderen Tumoren zu unterscheiden. © rme/aerzteblatt.de

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