Politik

Windeler stellt Vorsorge­untersuchungen infrage

Montag, 30. Dezember 2013

Berlin – Der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Jürgen Windeler, hat den Sinn vieler Vorsorgeuntersuchungen in Arztpraxen infrage gestellt. Nach wissenschaftlichen Kriterien seien unter anderem die Tast­untersuchung nach Prostatakrebs, der regelmäßige allgemeine Check-up und das Hautkrebs-Screening fragwürdig, sagte der Leiter des IQWIG der Berliner Zeitung vom Samstag. Die Patienten müssten sich darüber im Klaren sein, dass es dabei auch um handfeste ökonomische Interessen der Ärzte gehe.

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Windeler verlangte eine nüchterne Debatte über Sinn und Zweck der Angebote. „Den Versicherten wird mit einigen Kampagnen ja geradezu ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie nicht zu einer Früherkennung gehen. Prominente, die vermutlich nicht wissen, was sie da tun, werden für Werbung eingespannt", beklagte er. Nutzen und Schaden derartiger Untersuchungen lägen jedoch häufig dicht  beieinander. Daher sei es vor allem wichtig, dass über Vor- und Nachteile nüchtern und umfassend informiert werde. „Ob man das Angebot dann annimmt, sollte die souveräne Entscheidung eines jeden Einzelnen sein, ohne Druck und ohne Gewissensbisse."

Andere Kritiker argumentieren aber immer wieder, dass es bei Vorsorge­untersuchen auch zu Fehldiagnosen und schlimmstenfalls unnötigen Operationen komme, sich die Gesundheitskosten langfristig aber nicht senken ließen.

Das Bundesgesundheitsministerium verwies am Samstag darauf, dass der Gemeinsame Bundesausschuss entscheidet, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden. Dies geschehe auf wissenschaftlicher Grundlage.

Ein Sprecher der Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen sagte der, der Leistungskatalog der Kassen umfasse ein breites Spektrum an Vorsorge­unter­suchungen. „Das Problem bei vielen darüber hinausgehenden Zusatzleistungen von Ärzten ist, dass sie mehr dem Portemonnaie des Arztes dienen als der Gesundheit des Patienten.”

Die gesetzlichen Kassen übernehmen eine Reihe von Vorsorgeuntersuchungen, darunter diverse für Kinder und Jugendliche, alle zwei Jahre ein Hautkrebsscreening für Männer und Frauen ab 35 sowie verschiedene andere zur Krebsfrüherkennung. Anspruch auf einen allgemeinen Check-up haben Patienten ab einem Alter von 35 Jahren alle zwei Jahre. Darüber hinaus bieten viele Ärzte sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an, die Patienten selbst zahlen müssen.

Im Koalitionsvertrag verständigten sich CDU, CSU und SPD darauf, die  Früher­kennungs­untersuchungen bei Kindern und die ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen bei Erwachsenen zu „stärken”. Die Kassen sollen deutlich mehr für Vorsorge ausgeben als bisher. © dpa/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 1. Januar 2014, 13:37

IQWiG-Chef: Interview-Nachlese!

Wenn man das Interview in der BERLINER ZEITUNG (BZ) mit dem Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Prof. Dr. med. Jürgen Windeler, genau nachliest und Wort für Wort analysiert, bleibt nur der Schluss übrig, dass weder Kollege Windeler, noch sein Interviewpartner, der Journalist Timot Szent-Ivanyi, begreifen, worum es bei Vorsorge vs. Früherkennung von Krankheiten wirklich geht. Literarisch ausgedrückt: "Habe nun, ach! Medizin und Biometrie, ...Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor!" möchte man Professor Dr. med. Jürgen Windeler zueignen.

Semantisch, text- und subtextanalytisch ist aber der IQWiG-Kollege der Deutschen Sprachinhalte - wie leider viele Ärzte - kaum mächtig. Eine seiner Antworten aus dem Interview der BZ, übrigens mit dem bezeichnenden Zeitungs-Titel: IQWIG-LEITER JÜRGEN WINDELER - „Wir kennen die Tricks der Pharmaindustrie“, ist nämlich "Auf der einen Seite sind Früherkennungsuntersuchungen in der Bevölkerung enorm positiv besetzt. Wer will es schon versäumen, Krankheiten rechtzeitig vorzubeugen?"

Bereits Schulkinder wissen, dass man mit "Krankheiten rechtzeitig vorzubeugen" im Sinne von V o r s o r g e eher die E n t s t e h u n g von Krankheiten überhaupt verhindern will. Dagegen stellen Früherkennungsuntersuchungen die F r ü h d i a g n o s e von bereits präformierten Morbiditäten dar. Wer das nicht begreift und unterscheidet, hat wissenschafts- und erkenntnistheoretisch kaum ausreichende analytische Kompetenz.

Wer, wie Prof. Windeler, pädiatrisch krude postuliert: "Wenn Kinderärzte dringend eine weitere Vorsorgeuntersuchung fordern, dann wollen sie damit auch erreichen, dass mehr Kinder in die Praxis kommen", übersieht, dass gerade Kinder mit den s c h l e c h t e s t e n bio-psycho-sozialen Voraussetzungen und mit den h ö c h s t e n Krankheitsrisiken eine pädiatrische Praxis kaum von innen sehen. Und gerade im e r s t e n Lebensjahrzehnt sind die Möglichkeiten einer echten p r i m ä r-präventiven Krankheitsverhinderung durch Vorsorge wesentlich größer als die "Früherkennung" beim 60-jährigen intermittierend Alkohol-intoxikierten Kettenraucher mit Adipositas, Muskelschwund, Diabetes, Hyperurikämie und hypertensiver Herzkrankheit. Dort sind in der Tat nur noch "Späterkennungs"-Untersuchungen möglich.

Windelers knappe Antwort "Gar keine" auf die Frage: "Welche der übrigen Vorsorgeuntersuchungen würden Sie empfehlen?" ist u. a. deshalb aufschlussreich, weil dem BZ-Interviewer Timot Szent-Ivanyi s e l b s t gar nicht klar war, dass er eigentlich nach klassischen Früherkennungsuntersuchungen gefragt hatte.

Bezeichnender Weise blieb die kombinierte Darmkrebsfrühdiagnostik und -Prävention in Form der präventiven Koloskopie und Polypektomie präkanzeröser Stadien o h n e Krankheitsanlass mit 55 und 65 Jahren ausgespart. Denn hier gibt es internationale Studien, die einen Rückgang von Morbidität u n d Mortalität belegen.

Stutzig machen auch die paradoxen Aussagen Windelers im Trend von lieber "undertreated" als "overdiagnosed", wenn gefordert wird, "dass über Vor- und Nachteile nüchtern und umfassend informiert wird." Dies würde z. B. auch das Impfmangement zur bewährten Primärprävention einer Vielzahl von Infektionskrankheiten in Frage stellen. Denn hier handelt es sich um eine ausschließlich vorteilhafte und n i c h t nachteilige Form der effektiven Krankheitsvorsorge durch aktives, entschiedenes Eintreten f ü r eine Krankheits-Primärprävention.

Auch O. Wegwarth und der vielzitierte G. Gigerenzer vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigen Medizinferne und Bildungslücken bei Mammografie und PSA-Tests: Dramatisierende Aufklärung über "Overdiagnosis"-Risiken macht bei n e g a t i v e m Screening-Ergebnis keinen Sinn: Der Behandlungsfall ist mit dem sehr häufigen Normalbefund bei der Früherkennung für Arzt und Patient abgeschlossen. Dieselben Bildungsforscher hatten übrigens bei rein retrospektiver online-Befragung von 317 US-Amerikanern zwischen 50 und 69 Jahren nicht mal so viel gastroenterologisches Halbwissen, dass eine "Sigmoidoskopie" eine inadäquate Darm-Krebsvorsorge und Früherkennungsmaßnahme ist, weil das ganze Colon damit ausgespart bleibt (vgl. Odette Wegwarth, Ph.D., and Gerd Gigerenzer, Ph.D. JAMA Intern Med. Published online October 21, 2013. doi:10.1001/jamainternmed.2013.10363).

Prof. Windeler kommt mir in etwa so hilflos vor, wie ein Sozialarbeiter ohne Armbanduhr, der im Jugendzentrum nach der Uhrzeit gefragt, nur noch sagen kann: "Keine Ahnung, aber iss gut, dass wir darüber gesprochen haben."

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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