Medizin

2013: Neue Krebstherapien, Darmbakterien als Helfer und Viren als Bedrohung

Donnerstag, 2. Januar 2014

Köln – Das Wissenschaftsmagazin Science erklärte am Jahresende die Krebsimmun­therapie zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres 2013. Dabei ist der Ansatz, den Krebs mit den Waffen des Immunsystems zu bekämpfen, keineswegs neu. Im weitesten Sinne gehören auch die monoklonalen Antikörper dazu, die in den letzten Jahren eingeführt wurden. Auf Rituximab (1998) folgten Trastuzumab, Alemtuzumab (2001), Ibritumomab-Tiuxetan (2004), Cetuximab (2004), Bevacizumab (2005), Panitumumab (2006) und Ofatumumab (2010). Sie alle greifen den Tumor (oder seine Blutversorgung) direkt an und übernehmen damit teilweise die Aufgabe des Immunsystems.

Der 2011 eingeführte Antikörper Ipilimumab versucht dagegen, die körpereigene Immunabwehr zu stärken, indem er eine „eingebaute Bremse“ löst. Diese Bremse, das Protein CTLA-4 (Cytotoxic T-Lymphocyte Antigen-4) hält normalerweise T-Zellen im Zaum. Wahrscheinlich ist es ein natürlicher Schutzmechanismus gegen Autoimmun­erkrankungen. Ipilimumab löst eine enthemmte Immunabwehr aus.

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Beim malignen Melanom, dem bösartigsten Tumor mit der kürzesten Überlebenszeit im metastasierten Stadium, ist dank Ipilimumab erstmals ein Langzeitüberleben möglich. Einige Patienten haben ihr Melanom dank Ipilimumab seit mehr als zehn Jahren überlebt, wie die Teilnehmer des European Cancer Congress in Amsterdam im Septem­ber erfuhren (bei anderen wirkt das Medikament nicht, weshalb die medianen Überlebensraten weniger beeindruckend sind).

Die Wirkung von Ipilimumab kann durch Gabe eines weiteren Antikörpers verstärkt werden. Nivolumab löst durch Bindung an PD-1 (programmed death 1) eine weitere Blockade des Immunsystems. Erste Ergebnisse einer Phase-I-Studie beim Melanom, die im Juli veröffentlicht wurden, sind vielversprechend. Eine Besonderheit der neuen Antikörper ist, dass ihre Wirkung nicht sofort eintritt. Häufig vergehen Wochen oder auch Monate, bevor sich der Tumor verkleinert. Manchmal ist dies erst nach dem Ende der Therapie der Fall. Erklären lässt sich dies durch den Wirkungsmechanismus.

Der Erfolg der Wirkstoffe ist davon abhängig, dass das Immunsystem die sich eröffnende Chance auch ergreift. Dies kann früher oder später der Fall sein oder auch gar nicht. Der Erfolg der Krebsimmuntherapie mit den neuen Antikörpern scheint mehr oder weniger vom Zufall abzuhängen.

Darauf will sich eine weitere Form der Immuntherapie nicht verlassen. Bei der CAR-The­ra­pie werden T-Zellen im Labor mit den Waffen ausgerüstet, die sie nach ihrer Rückkehr in den Körper zu beharrlichen Jägern von Tumorzellen machen. Die Waffen bestehen aus dem Gen für einen chimärischen Anti­gen­rezeptor (CAR), der spezifische Merkmale auf Krebszellen erkennt.

Bei B-Zell-Tumoren, zu denen auch die chronisch lymphatische Leukämie (CLL) gehört, bietet sich CD19 an, ein für B-Zellen typisches Oberflächenprotein. Nach der Re-Infusion vermehren sich die T-Zellen, was bei den ersten klinischen Versuchen bei Patienten mit CLL, die auf eine Chemotherapie nicht (mehr) ansprachen, zu erstaunlich langlebigen Remissionen geführt hat. Klinische Studien mit CAR werden derzeit auch bei soliden Tumoren durchgeführt.

Darmbakterien als Helfer und Krankheitserreger
Es gibt im Darm etwa zehnmal mehr Bakterien als der gesamte menschliche Körper an Zellen besitzt. Dank der Fortschritte in der Gensequenzierung ist heute eine wenn auch noch grobe Inventur der Darmflora möglich. Dies hat in den letzten Jahren zu neuen Erkenntnissen zur Symbiose von Mensch und Darmflora geführt. Die Art der Darmbak­terien entscheidet manchmal auf kuriose Weise über Gesundheit und Krankheit. So erkrankten im Jahre 2008 in China schätzungsweise 300.000 Säuglinge an Nieren­steinen, weil die Hersteller die Trockenmilch für Babynahrung mit Melamin gestreckt haben. Nicht alle Kinder erkrankten. Zu Nierensteinen kam es nur, wenn der Darm mit Klebsiellen besiedelt war. Diese Bakterien bauten Melamin in Cyansäure ab, das dann in den Nieren die Konkremente bildete.

Darmbakterien können einen Menschen verhungern lassen. Bei einigen Kindern mit der Hungerkrankheit Kwashiorkor kommt es zu einer Fehlbesiedlung des Darms mit Bakterien. Sie verhindern, dass die therapeutische Nahrung RUTF („Ready-to-Use Therapeutic Food“) vom Darm resorbiert wird. Etwa 5 bis 10 Prozent der mangeler­nährten Kinder sterben so unter den Händen der Entwicklungshelfer. Eine Antibiotika­therapie, die die lästigen Bakterien beseitigt, hat in einer Studie die Überlebenschancen der Kinder deutlich verbessert.

Darmbakterien können aber auch dick machen. Die Zusammensetzung der Darmflora erklärt möglicherweise, warum manche Menschen gute Futterverwerter sind, andere aber trotz hoher Kalorienzufuhr schlank bleiben. Zu den potenziellen Schlankmachern gehört Akkermansia muciniphila. Mäuse, deren Darm mit diesem Bakterium besiedelt wurden, blieben in Experimenten schlank, auch wenn sie hoch kalorisch ernährt wurden. Sie erkrankten nicht an Diabetes.

Die Darmverkürzung, in der viele Adipöse ihre letzte Chance auf eine Gewichtsreduktion sehen, könnte ihre Wirkung wenigstens teilweise den Darmbakterien verdanken: Laut einer im März veröffentlichten Studie verändert sich nach der Operation die Darmflora. Zu den Bakterien, die sich nach der Operation vermehren, gehörte erneut Akkermansia. Eine Transplantation der Darmbakterien könnte sogar eine Alternative zur Operation sein, vermuteten die Forscher (der klinische Beleg fehlt allerdings noch).

Falsche Bakterien im Darm machen krank. Eine im April publizierte Studie machte Darmbakterien sogar für die Entwicklung der Atherosklerose verantwortlich. Laut den Befunden verstoffwechseln die Bakterien Carnitin (aus rotem Fleisch) und Lecithin (aus Eiern) in Trimethylamin (TMA), dessen Anstieg im Blut in zwei Studien mit einem erhöhten Risiko von Herz-Ereislauf-Ereignissen assoziiert war.

Darmbakterien könnten auch erklären, warum Patienten mit Colitis ulcerosa häufiger an Darmkrebs erkranken. Die entzündliche Darmerkrankung geht mit einer stärkeren Besiedlung des Darms mit Fusobakterien einher und zwei Forschergruppen berichteten im Oktober, dass sie genau diese Bakteriengruppe (oder besser deren Gene) in Darmkrebstumoren gefunden hätten.

Darmbakterien können aber auch zum Helfer in der Krebs­therapie werden. Bei einer experimentellen Immuntherapie mit CpG-Oligonukleotiden wurden sie benötigt, um das Immunsystem zur Bildung von Tumornekrosefaktor zu stimulieren. Auch das Zytostatikum Oxaliplatin scheint auf die Mitarbeit aus dem Darm angewiesen zu sein. Eine begleitende Antibiotikatherapie hat in tierexperimentellen Studien zum Versagen der Krebstherapie geführt. Cyclophosphamid wirkt besser, wenn es zu einer Mukositis kommt, da dann durch die Störung der Darmbarriere Bakterien in die Blutbahn gelangen, was auf rätselhafte Weise die Therapiewirkung verstärken könnte.

Weitere Studien haben im letzten Jahr die rheumatoide Arthritis mit dem Darmkeim Prevotella copri in Verbindung gebracht, während Lactobacillus johnsonii im Darm Hunde vor Allergien schützte. Die Behandlung mit anderen Bakterien hat in einer weiteren Studie Mäuse vor „autistischen“ Verhaltensstörungen bewahrt.

Viele dieser Experimente wurden an Tieren durchgeführt. Welche therapeutischen Konsequenzen sich für den Menschen daraus ergeben, ist unklar. Die guten Erfahrungen, die mit der Fäkaltransplantation zur Darmsanierung bei Clostridium-difficile-assoziierter Diarrhö (CDAD) gemacht wurden, lassen jedoch hoffen, dass sich die eine oder andere Anwendung ergeben wird.

Bedrohung durch neue und altbekannte Viren
Zwei neue „emerging“ Viren betraten 2013 die Bühne, ohne allerdings die zunächst befürchtete Epidemie auszulösen. Anfang April meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass das unter Vögeln verbreitete Influenza-Virus H7N9 erstmals Menschen infiziert hat. Es blieb in der Folge jedoch bei vereinzelten Erkrankungen. Bis Dezember erkrankten nur 143 Patienten, von denen aber 45 starben. Das Virus ist demnach hoch-pathogen, aber nicht sehr ansteckend. Eine Übertragung unter Menschen ist selten, so dass die Vorraussetzungen für eine ernsthafte Epidemie bislang nicht gegeben sind.

Auch das Middle East respiratory syndrome oder MERS-Coronavirus, das erstmals im September 2012 beobachtet wurde, hat sich nicht ausgebreitet. Die WHO zählte bis Ende Dezember 170 Erkrankungen, von denen 70 tödlich endeten. MERS scheint häufiger als H7N9 von Mensch zu Mensch übertragen zu werden. Auch ein Super­spreader, der gleich mehrere Personen angesteckt hat, konnte identifiziert werden. Insgesamt wird die Gefahr einer anhaltenden Epidemie jedoch als gering angesehen. Die meisten Patienten haben sich wie bei H7N9 bei Tieren angesteckt. Als das wahrscheinlichste Reservoir gelten derzeit Dromedare oder bestimmte Arten von Fledermäusen, die nur auf der arabischen Halbinsel heimisch sind, wo alle bisherigen Erkrankungen ihren Ursprung hatten.

Zu den älteren Viren gehört das Poliovirus. Die Rotarier haben sich zum Ziel gesetzt, den Erreger der Kinderlähmung nach dem Vorbild des Pockenvirus weltweit auszurotten. Der Global Polio Eradication Initiative ist es zu verdanken, dass die Erkrankungszahlen in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken sind. Eine Eradikation ist seit 2001 in Sicht, doch seither erleidet die Initiative immer wieder neue Rückschläge.

Im Jahr 2013 gelang es zwar, die Erkrankungszahlen in zwei der drei verbliebenen Endemieländer zu senken, es kam aber in Somalia und den angrenzenden Ländern zu einer neuen Epidemie. Der Erreger wurde im Lauf des Jahres auch in Syrien nachgewiesen, wo die Impfkampagnen durch den Bürgerkrieg stark behindert werden. Zuletzt wurde das Poliovirus in Israel in Abwässern nachgewiesen. Es kam dort zwar zu keinen Erkrankungen, da die Impfquote hoch ist. Israel musste jedoch vorübergebend die Schluckimpfung wieder einführen. Wegen der engen Beziehungen erscheint eine Einschleppung nach Europa und Deutschland nicht ausgeschlossen.

Bei HIV erscheint eine Eradikation derzeit ausgeschlossen zu sein, da es weiterhin keinen wirksamen Impfstoff gibt. Die weltweite Zahl der Infizierten dürfte 2013 erneut um mehrere Millionen angestiegen sein (2012: plus 2,3 Millionen). Das Ansteckungsrisiko kann jedoch durch eine konsequente Therapie der Infizierten deutlich verringert werden. Dies war einer der Gründe, warum die Weltgesundheitsorganisation im Juni die Therapie­empfehlungen deutlich ausgeweitet hat. Begonnen werden soll jetzt bereits bei einem Abfall der CD4-Zellen auf unter 500.

Die Medikamente können die Viren nicht vollständig aus dem Körper eliminieren. Eine Ausnahme bilden vielleicht Patienten, die in der Frühphase der Infektion behandelt werden, bevor sich die Viren in ihren Reservoiren im Immunsystem festgesetzt haben. Eine Elimination gelang bisher nur bei einigen Patienten der Visconti-Kohorte, die bereits in der Akutphase behandelt wurden, sowie bei einem Neugeborenen im US-Staat Mississippi. Dort erzielte eine antiretrovirale Therapie in den ersten Lebenswochen eine „funktionelle Heilung“.

Zu den weltweit unterschätzten Viren gehören die Erreger des Dengue-Fiebers. Die Zahl der Erkrankten ist nach einer Studie vom April mit 390 Millionen Menschen dreimal so hoch wie bisher vermutet, und britische Forscher befürchten, dass im nächsten Jahr auch einige Besucher der Fußball-WM in Brasilien Bekanntschaft mit den Viren machen könnten.

Schlaf – eine lebensnotwendige Medizin
Die Forschung ist weit davon entfernt die elementaren Funktionen des menschlichen Körpers erklären zu können. So ist weiterhin rätselhaft, warum der Mensch – und auch die meisten anderen Wirbeltiere – etwa ein Drittel ihrer Lebenszeit im Schlaf verbringen. Allgemein werden Regeneration (der Körperkräfte), Kalibrierung (der Körperfunktionen) und auch die Verarbeitung von Erinnerungen (Gedächtnisbildung) als Gründe genannt.

US-Forscher konnten im letzten Jahr nachweisen, dass der Schlaf auch eine Entgiftungsfunktion hat. Während der nächtlichen Ruhephase weiten sich die interstitiellen Räume im Gehirn zu einem „glymphatischen“ System, über das toxische Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn entfernt werden. Zu den Abfällen gehören auch Beta-Amyloide, deren Akkumulation im Gehirn bekanntlich Auslöser des Morbus Alzheimer ist. Die Studienergebnisse könnten erklären, warum Senioren mit Schlafstörungen vermehrt Ablagerungen von Beta-Amyloiden im Gehirn haben.

Ein erholsamer Schlaf ist jedenfalls wichtig für den Erhalt der Gesundheit. Andere Studien im letzten Jahr haben gezeigt, dass Schlafstörungen die innere Uhr stören, den Herzmuskel schädigen und das Risiko auf eine Herzinsuffizienz erhöhen. Wer sich zu wenig Schlaf gönnt, steigert damit den Appetit und fördert mit der Adipositas die Entwicklung eines Schlaf-Apnoe-Syndroms, das die Schlafqualität weiter herabsetzt. Diesen Kreislauf kann eine Schlafhygiene und vielleicht auch Entspannungsübungen wie Yoga besser durchbrechen als die Einnahme von Schlafmitteln.

Intelligente Prothesen und andere maschinelle Hilfen
Roboter und Prothesen können verloren gegangene Fähigkeiten nicht vollständig ersetzen, sie können aber eine wichtige Hilfe sein. Im Dezember 2012 hatten US-Mediziner gezeigt, was mit einer Gehirn-Computer-Schnittstelle heute im Prinzip möglich ist. Einer tetraplegischen Frau gelang es mittels ihrer Gedanken, die über zwei epidurale Hirnimplantate abgelesen wurden, die Hand eines Roboters zu bewegen und einfache Handlungen durchzuführen.

Im September 2013 stellte eine andere Gruppe eine myoelektrische Beinprothese vor, die intendierte Bewegungen in Knie- und Fußgelenk ermöglicht. Ein oberschenkel­amputierter Patient konnte mit der Prothese problemlos Treppen steigen, schräge Ebenen bewältigen und (allerdings auf einem Stuhl sitzend) einen zugespielten Fußball wegkicken. Im November wurden dann ein „Tongue Drive System“ vorgestellt, das es einem tetraplegischen Patienten ermöglichte, durch Zungenbewegungen einen Rollstuhl zu steuern. Die „Schnittstelle“ von Körper und Maschinen übernahm hier ein magnetisches Zungenpiercing.

In der Grauzone zwischen Science-Fiction und Realität anzusiedeln ist das Projekt, Sinnes- und Nervenzellen mit einem Piezo-Drucker, wie er auch in Tintenstrahl-Druckern verwendet wird, zu einer Netzhaut zusammenzufügen. Damit könnte Patienten mit Retinitis pigmentosa oder anderen degenerativen Erkrankungen der Netzhaut die Sehkraft zurückgegeben werden. Eine britische Forschergruppe konnte zeigen, dass die Zellen den Druckprozess überleben. Ein erster, kleiner Schritt hin zu einer thera­peutischen Anwendung.

Die Herstellung komplexer Organe überfordert derzeit noch die Bioingenieure. Stammzellen sind ihnen hier überlegen. Was die Forscher sich mühsam erarbeiten müssen, ist den Stammzellen ins Erbgut geschrieben. Gezielte Anstöße zur richtigen Zeit in einem Bioreaktor genügen, und die Urzellen des menschlichen Körpers beginnen von ganz allein, kleine Organe zu formen.

Forscher aus Österreich ließen sich auf diese Weise von den Heinzelmännern der Embryogenese sogar ein Mini-Gehirn basteln. Nur mangels der geeigneten Blutver­sorgung kam die Entwicklung im frühen Embryonalstadium ins Stocken. Gehirne gehören ohnehin nicht zu den therapeutischen Zielen der Forschung. Mit einer Leber oder auch Niere wäre aber vielen Patienten auf der Warteliste der Transplantationszentren bereits geholfen. Ob und wann die Stammzellen dazu angestiftet werden können, ist derzeit allerdings noch ungewiss.

Neue Impfstoffe „Made in China“
Die Entwicklung neuer Impfstoffe ist längst nicht mehr eine Domäne westlicher Wissenschaftler. China und auch Indien haben in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, die Bevölkerungen vor Krankheiten zu schützen, die in den asiatischen Ländern verbreitet sind. Im Oktober empfahl die WHO erstmals einen Impfstoff „Made in China“. Die Vakzine schützt vor der Japanischen Enzephalitis, die auch außerhalb Japans in Ostasien verbreitet ist. In Kürze könnte eine weitere Vakzine gegen die Hepatitis E folgen.

Chinesische Forscher haben im letzten Jahr auch erfolgreich einen Impfstoff gegen das humane Enterovirus 71 getestet, der zu den Auslösern der Hand-Fuß-Mund-Krankheit gehört. An ihr erkranken in China jedes Jahr mehr als eine Million Menschen, einige hundert sterben daran. Im Mai kündigte eine indische Firma einen Impfstoff gegen Rotaviren an, der statt 1.000 nur 54 Rupien (umgerechnet 1 Euro) kosten soll und der damit auch für die Länder in Afrika und Südasien, in denen der Durchfallerreger die meisten Todesfälle fordert, erschwinglich wäre.

Einen Impfstoff gegen die wichtigste Tropenerkrankung, die Malaria gibt es derzeit noch nicht. Der von der Firma GlaxoSmithKline entwickelte erste Impfstoff hat nur eine begrenzte Wirkung. Er könnte dennoch 2014 zugelassen werden.

Ende des Jahres stellten chinesische Wissenschaftler einen oralen Impfstoff gegen Helico­bacter pylori vor, der bei Mäusen eine gute humorale und lokale Immunität erzielte. Sollte sich die Vakzine auch beim Menschen als sicher und effektiv erweisen, wäre er auch für die westlichen Länder interessant. Die Hälfte der Menschheit soll mit H. pylori infiziert sein. Das Bakterium verursache nicht nur Gastritis und peptische Ulzera, es ist auch für Magenkarzinom und MALT-Lymphome verantwortlich und wird deshalb als Karzinogen der Gruppe 1 eingestuft.

Wie erfolgreich Impfstoffe in Entwicklungsländern sein könnten, zeigen die Erfahrungen des Meningitis Vaccine Project, die den speziell für Afrika entwickelten Meningitis-Impfstoff MenAfriVac im Tschad untersucht hat. Die Zahl der Erkrankungen ging um 94 Prozent zurück.

Impfungen haben manchmal unerwartete Folgen. Der Selektionsdruck kann zur Entwicklung neuer Erregervarianten führen, gegen die der Impfstoff seine Wirkung verliert. Diese Entwicklung droht derzeit bei Bordetella pertussis, dem Erreger des Keuchhustens. In den USA breiten sich Erreger aus, denen das Protein Pertactin fehlt, einem zentralen Bestandteil der in den 90er Jahren eingeführten zellularen Vakzinen. Impfexperten fragen sich, ob die Mutationen für die jüngst wieder aufgetretenen schweren Keuchhusten-Epidemien verantwortlich sind, zu denen es 2010 in Kalifornien und 2012 in Washington kam. In China hat die routinemäßige Impfung von Kindern gegen Hepatitis B zur Ausbreitung von Mutanten des Virus geführt, bei denen der derzeitige Impfstoff nicht mehr wirkt.

DSM-V: Inhaltliche und fundamentale Kritik an der US-Psychiatrie-Bibel
Im Mai wurde in den USA die fünfte Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) veröffentlicht. Im Vorfeld hagelte es reichlich Kritik. Sie betraf nicht nur die Aufnahme und Definition einzelner mentaler Erkrankungen wie Borderline-Syndrom und ADHS, die immer auch sozialen Normen folgen, in denen sich die USA oft von Europa unterscheiden. Einige Kritiker vermissten auch das Burnout-Syndrom oder die Internetabhängigkeit, andere rieben sich daran, dass das Asperger-Syndrom zu den Autismus-Spektrum-Störungen geschlagen wurden.

Die heftigste Kritik kam allerdings vom Direktor des National Institute of Mental Health, der in seinem blog dem DSM-V jegliche Validität absprach. Das DSM-V sei keineswegs die Bibel der Psychiatrie, als welche sie oft bezeichnet werde, schrieb Thomas Insel. Sie sei bestenfalls ein „Wörterbuch“, das bestimmte Erkrankungen definiere, ohne dafür eine biologische Basis anzugeben.

Insel erwartet, dass Forschungs­ergebnisse in den nächsten Jahren die Psychiatrie vom Kopf wieder auf eine biologische Basis stellen. Was damit gemeint ist, zeigten einige im letzten Jahr publizierte Studien. So kam eine genomweite Assoziationsstudie zu dem Schluss, dass Major-Depression, Bipolare Störung, Schizophrenie, Autismus­spektrumstörung und das Aufmerksamkeits­defizit-/Hyper­aktivitätssyndrom gemeinsame genetische Wurzeln haben. Eine andere Studie deutet auf eine genetische Verwandtschaft zwischen Schizophrenie und Fragilem-X-Syndrom hin.

Die gleichen Genvarianten scheinen die Krankheitsanfälligkeit auf unterschiedliche psychiatrische Erkrankungen zu begünstigen. Welche Symptome auftreten, könnte nach der neuen Denkweise zunehmend nebensächlich werden. Eine andere Studie zeigte, dass jeder zehnte Schizophrenie-Patient Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren im Blut hat. Wenn sie für die Psychose verantwortlich wären, müsste die Schizophrenie künftig mit der Lupus erythematodes und Rheuma in die Gruppe der Autoimmunerkrankungen eingeordnet werden.

US-Empfehlungen: Mehr Statine – weniger Blutdruckmedikamente
Sofern US-Leitlinien eine Signalwirkung für deutsche Ärzte haben, dürfte die Zahl der Statinverordnungen in den nächsten Jahren steigen. Das American College of Cardiology und die American Heart Association verzichten in ihren im November veröffentlichten Empfehlungen erstmals auf spezielle Cholesterin-Zielwerte. Die US-Kardiologenverbände möchten alle Erwachsene, deren 10-Jahresrisiko auf ein kardiovaskuläres Ereignis über 7,5 Prozent liegt, mit Statinen behandeln - und dies ausdrücklich auch dann, wenn der Cholesterinwert gar nicht erhöht ist. Die zugrunde liegende Rationale, die die US-Verbände auf 84 Seiten ausbreiten, leuchtet deutschen Fachverbänden nicht ein. Sie kritisierten unisono die neuen US-Empfehlungen, die zur Folge hätten, dass 44 Prozent aller Männer und 22 Prozent aller Frauen mit Statinen behandelt werden müssten.

Die im Dezember veröffentlichten US-Leitlinien zur Blutdrucktherapie dürften dagegen mittelfristig die Zahl der Patienten senken, denen Antihyper­tensiva verordnet werden. Die frühere Forderung, den systolischen Blutdruck bei Patienten mit zusätzlichen Risiken wie Diabetes oder Nierenfunktionsstörungen auf unter 130 mm Hg zu senken, wurde fallen gelassen. Für die meisten Patienten liegt die Obergrenze jetzt bei 140 mm Hg, bei älteren Patienten dürfen es auch 150 mm Hg sein. Im Gegensatz zu der Cholesterin-Leitlinie verlassen sich die Experten der Hypertonie-Leitlinie nicht auf epidemiologische Studien, in denen niedrigere Zielwerte mit einem geringeren kardiovaskulären Risiko assoziiert sind. Das ist (in gewissen Grenzen) auch beim Blutdruck so. Es konnte allerdings nicht belegt werden, dass die Senkung auf die Normalwerte das Risiko der Patienten tatsächlich senkt.

Knieband und Leberhormon: Neuer Lernstoff für Medizinstudenten
Der enorme Lernstoff in der präklinischen Ausbildung kann Medizinstudenten schnell den Eindruck vermitteln, dass die Bestandteile und Funktionen des menschlichen Körpers lückenlos bekannt sind. Weit gefehlt. Im April beschrieben US-Forscher ein bisher nicht bekanntes Hormon in der Leber.

Es stimulierte im Pankreas die Neubildung von Insulin-produzierenden Beta-Zellen. Eine deutsche Firma möchte die Entdeckung zur Entwicklung eines neuen Antidiabetikums nutzen. Im November deuteten belgische Chirurgen die Funktion eines Ligaments im Kniebereich, das ein französischer Chirurg 1879 beschrieben hatte, dessen Funktion (und Existenz) jedoch bisher umstritten war. Das anterolaterale Ligament verläuft vom Epicondylus lateralis des Femurs zur Tibia und könnte eine wichtige Aufgabe zur Stabilisierung des Kniegelenks haben.

© rme/aerzteblatt.de

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