Medizin

MODY 2: Lebenslange Hyperglykämie ohne Diabetes­komplikationen

Mittwoch, 15. Januar 2014

Exeter – Menschen mit einem Defekt im Glukokinase-Gen haben lebenslang leicht erhöhte Blutzuckerwerte. Doch ihre Diabetesvariante „MODY 2“ führt einer Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2014; 311: 279-286) zufolge nicht zu Spätkom­plikationen an Herz, Gefäßen oder Nieren. Auch die Krankheitsfolgen an den Retina waren deutlich geringer ausgeprägt als beim Typ 2-Diabetes.

Der Typ 2-Diabetes mellitus ist Folge einer Insulinresistenz, die zu dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten führt. Das therapeutische Ziel besteht in einer Senkung des Blut­zuckers, von der eine Reduktion der Diabetesspätkomplikationen erhofft wird. Als Ziel wurde lange Zeit ein Normalwert des HbA1c-Wertes ausgegeben, der bei Gesunden bei unter 6,0 Prozent liegt.

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Die ACCORD-Studie zeigte dann jedoch, dass bereits eine Senkung auf 6,4 Prozent (die bei Typ 2 Diabetikern nur schwer zu erreichen ist) mit Risiken verbunden ist. Das Sterberisiko war gegenüber höheren HbA1c-Werten von 7,5 Prozent erhöht und es kam tendenziell zu mehr kardiovaskulären Ereignissen (NEJM 2008; 358: 2545-2559).

Viele Diabetologen begnügen sich deshalb mit einem HbA1c-Zielwert von 7,5 Prozent, und die Ergebnisse einer Querschnittsstudie aus England liefern Argumente für die Einstellung. Anna Steele von der Universität Exeter und Mitarbeiter verglichen den Gesundheitszustand von 83 typischen Typ 2-Diabetikern mit 91 Gesunden und 99 Patienten mit MODY 2.

Dieser „Maturity Onset Diabetes of the Young“ wird durch Mutationen im Gen für die Glukokinase ausgelöst. Das Enzym fungiert in den Beta-Zellen des Pankreas als Glukosesensor. Wenn das Enzym infolge eines Gendefekts in der Funktion gestört ist, wird Insulin erst bei höheren Blutzuckerwerten ausgeschüttet. Die Patienten haben deshalb lebenslang leicht erhöhte Blutzuckerwerte. Bei den 99 Patienten, die Steele und Mitarbeiter untersuchten, lag der HbA1c-Wert bei 6,9 Prozent. Aufgrund der genetischen Störung ist davon auszugehen, dass die Patienten lebenslang erhöhte Blutzuckerwerte haben.

Die Patienten der Studie waren im Durchschnitt 49 Jahre alt, und bisher hat die milde Hyperglykämie keine Folgeschäden hinterlassen: Keiner der Patienten hatte eine Proteinurie entwickelt, keiner litt unter einer Claudication intermittens, es gab keine Amputationen und keine Schlaganfälle, die Zahl der Herzinfarkte war altersentsprechend und nicht höher als in der Vergleichsgruppe der gesunden Probanden gleichen Alters.

Einzige Folge der lebenslangen Hyperglykämie war eine erhöhte Rate von Retino­pathien, die allerdings deutlich schwächer ausgeprägt waren als in der Gruppe der Typ 2-Diabetiker. Obwohl diese „erst“ seit 17 Jahren unter erhöhten Blutzuckerwerten litten (aktueller HbA1c 7,8 Prozent) hatten sie bereits die typischen Folgeschäden der Makro- und Mikroangiopathie an Herz, Gefäßen, Nieren und Augen entwickelt: 29 Prozent der Typ 2 Diabetiker hatte eine periphere Neuropathie (2 Prozent der MODY 2-Patienten). 28 Prozent hatten bereits Lasertherapien der Netzhaut erhalten (0 Prozent der MODY 2-Patienten).

Die Unterschiede zwischen den beiden Diabetesformen waren so frappierend, dass es nach Ansicht des Editorialisten Jose Florez vom Massachusetts General Hospital in Boston noch andere Ursachen für die Spätkomplikationen des Typ 2-Diabetes geben muss als die höheren Blutzuckerwerte.

Ein Vergleich der anderen Gesundheitsdaten zeigt, warum die MODY 2-Patienten gesünder waren: Sie waren schlanker (BMI 26,1 versus 32,2), hatten niedrigere systolische Blutdruckwerte (125 versus 135) und weniger Triglyzeride im Blut (85 versus 131 mg/dl), ihr HDL-Cholesterin war höher (62 versus 42 mg/dl) als bei den Typ 2-Diabetikern. Außerdem gab es mehr lebenslange Nichtraucher (59 versus 28 Prozent).

Kurzum: Die MODY-Patienten entsprachen gar nicht dem typischen Bild des übergewichtigen Diabetikers mit metabolischem Syndrom. Eine Widerlegung der „Glukose-Hypothese“ sieht Florez jedoch nicht. Der frühe Beginn der Hyperglykämie könnte bei Patienten mit MODY 2 „kompensatorische Antworten“ ausgelöst haben, die sie vielleicht unempfindlicher gegen die „Glukotoxizität“ mache, vermutet der Diabe­tologe. Ein Verzicht auf eine blutzuckersenkende Therapie bei Typ 2-Diabetikern kommt für Florez deshalb nicht infrage. Er sieht aber ein, dass der erhöhte Blutzucker nicht das einzige Problem der Patienten ist. © rme/aerzteblatt.de

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