Politik

Behandlungsfehler: Krankenhäuser weisen Zahlen der AOK zurück

Freitag, 24. Januar 2014

Berlin – Deutlichen Widerspruch erhält der AOK-Bundesverband auf seine im Kranken­hausreport 2014 vorgestellten Thesen. Der Verband hat unter anderem erklärt, pro Jahr würden in deutschen Krankenhäusern 19.000 Menschen infolge eines Behandlungs­fehlers versterben.

„Die im Report behauptete Zahl kann nur eine wissentliche Falschangabe sein“, meinte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Alfred Dänzer. In unverant­wortlicher Weise werde offensichtlich das Ziel verfolgt, die Leistungen der Krankenhäuser und ihrer über eine Million Mitarbeiter zu verunglimpfen und die Patienten zu verunsichern.

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Die DKG kritisiert insbesondere, dass die Zahlen der AOK auf Analysen aus dem Jahr 2007 beruhten. Seither „hat sich die Bedeutung des klinischen Risikomanagements völlig verändert, zahlreiche Maßnahmen zur Risikominimierung sind in dieser Zeit eingeführt worden“, heißt es in einer Bewertung der DKG. Die Annahmen hätten daher heute keine Gültigkeit mehr.

Die DKG hat zudem die Daten der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern sowie die Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenver­sicherung (MDK) ausgewertet. Erstere hätten im Jahr 2012 1.889 Behandlungsfehler als Ursache für einen Gesundheitsschaden ermittelt, der in 82 Fällen zum Tode geführt habe. Der MDK habe darüber hinaus 2.582 Behandlungsfehler in Krankenhäusern bestätigt. „Selbst unter der Annahme einer hohen Dunkelziffer kommt man bei Weitem nicht auf die von der AOK genannten 19.000 Toten durch Behandlungsfehler“, resümiert die DKG.

Auch der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), Josef Düllings, kritisiert die Veröffentlichung der AOK als „unseriös“. Zudem ignoriere die AOK, was in den vergangenen Jahren an Anstrengungen in den Kliniken unternommen worden sei, die Qualität auf allen Gebieten erheblich zu verbessern. Düllings verwies auf „flächendeckend“ eingeführte Risikomanagementsysteme und höhere Hygiene­standards. So ließen zertifizierte Zentren ihre Qualität im externen Vergleich regelmäßig messen und würden durch jährliche Audits nach strengen Kriterien geprüft.

„Ob es der AOK wirklich um die Sache geht, darf bezweifelt werden“, erklärte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Vielmehr handle es sich wohl um das durchsichtige politische Manöver, das Thema mit Negativschlagzeilen zu besetzen. Die deutsche Ärzteschaft sei das Problem jedoch frühzeitig und offensiv angegangen.

„Auf vielen Ärztetagen haben wir uns intensiv mit der Patientensicherheit auseinander­gesetzt. Wir waren Initiatoren und sind Protagonisten dieses Themas“, so Montgomery. „Es wäre deshalb sehr bedauerlich, wenn die AOK das Thema Patientensicherheit erneut missbraucht, um dem Thema ‚Pay for Performance‘ eine kassenseitige Wendung zu geben.“ © fos/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 27. Januar 2014, 16:35

Endlich kommt Bewegung in die Sache!

Ungewöhnlich, dass der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Alfred Dänzer, eine AOK/WIdO-Publikation "Krankenhausreport 2014" erst so spät kommentiert. Auch von den Klinikkollegen/-innen, den öffentlichen und gemeinnützigen Krankenhausträgern der Stadt- und Landkreise, den privaten Klinikkonzernen, den Chefärzten, von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), der Politik und der Bundesärztekammer (BÄK) hätte ich unmittelbar i n h a l t l i c h begründete Kritik statt eher von Eigeninteressen geprägten Lobbyismus-Smalltalk erwartet.

Ist es nicht geradezu unerträglich, dass ausgewiesene "Gesundheits"-Ökonomie-Experten und Gesundheits-System-Forscher im gemeinsamen Chor mit der AOK-"Gesundheitskasse" einen aktuell publizierten "Krankenhausreport 2014" herausgeben? Um mit angeblich empirisch-epidemiologisch belastbaren Klinik-Personal-Patientendaten bzw. willkürlichen Hochrechnungen auf jährlich 19.000 tödliche verlaufende ärztliche Behandlungsfehler in Deutschen Krankenhäusern zu kommen? Es blieb nicht bei der u. U seriösen Interpretation von Ursachen, Wirkungen, Kausalitäten und Konsequenzen bei real existierenden Missständen, Versorgungsdefiziten und Problemen im stationären Krankenversorgungsbereich. Ein konstruktiver, sinnvoller Ist-Soll-Vergleich in der klinischen Versorgungsforschung wäre eine Chance für konkrete Verbesserungen gewesen.

Doch das
• Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen AOK (WIdO),
• Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO,
• Prof. Dr. Max Geraedts, Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung an der Universität Witten/Herdecke, und
• Prof. Jürgen Wasem vom Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie der Universität Duisburg-Essen,
versuchen dagegen allen Ernstes gemeinsam mit Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes, diese jährlichen 19.000 Todesfälle in Beziehung setzen zu wollen mit den ca. 4.000 Verkehrstoten, die pro Jahr bei 2,4 Millionen polizeilich erfassten Verkehrsunfällen (2011) in Deutschland zu beklagen sind.

Vorsätzlich unterschlagen wird dabei von „Gesundheitswissenschaftlern“ und ihrem „AOK-Echo“, dass es sich bei Krankenhauspatienten um kritisch Kranke handelt, eine gegenüber i. d. R. gesunden Straßenverkehrsteilnehmern überalterte Klientel mit vitalen körperlichen, mentalen, kognitiven und perzeptiven Defiziten bzw. Risikofaktoren: Akut und/oder chronisch multimorbide Patienten mit erhöhter Dekompensations-, Sturz- und Mortalitätsgefahr. Selbst palliativ, präfinal oder terminal Kranke werden mit hohem Mortalitätsrisiko stationär therapiert, deren Teilhabe am Straßenverkehr a priori ausgeschlossen ist.

Alte, chronische und krisenhaft kritische Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK), Myokardinfarkt (MI), Schlaganfall (Stroke), Krebs, Metastasen, Infektionen, Sepsis, Asthmastatus, COPD-Exazerbation, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK), Rheumaschüben, Kollagenosen, Systemerkrankungen, degenerativen und entzündlichen Gelenkerkrankungen, hypertensiven Krisen, Herz-, Nieren-, Leber-, Pankreas-Insuffizienz, Diabetes, Darmerkrankungen, Beatmungspflichtigkeit und Multiorganversagen müssen ebenso stationär versorgt werden wie Selbst- und Fremdgefährdung, Suchtkrankheiten, Suizidalität, Psychosen, Neurosen, Drogen- und Alkoholabhängigkeit, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Zwangskrankheiten. Nicht zu vergessen Unfall-, Verletzungs- und Verbrennungsopfer bzw. alle interventionellen Patienten der verschiedenen operativen Fachdisziplinen. Sie alle müssen mit hohem Personaleinsatz in Pflege und Medizin auf Intensivstationen (ICU), Intermediate Care (IMCU), Stroke Unit (SU), Katheterlabor, Endoskopie, OP, Wachstation, Funktions- und Versorgungsabteilungen prä-, peri- und postinterventionell krankenpflegerisch und ärztlich versorgt werden.

Dagegen sind Straßenverkehrsteilnehmer durchschnittlich wesentlich jünger und i. d. R. im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte unterwegs. Die meisten Verkehrsunfälle mit möglicherweise tödlichem Ausgang ereignen sich nach kriminellem, vorsätzlichem, grob fahrlässigem oder nachlässigem Fehlverhalten bzw. nachweisbaren Regelverstößen bei oft grundsätzlich mit höherem Unfallrisiko agierenden Verkehrsteilnehmern. Dank moderner, protektiver Fahrzeugtechnik und aktivem Insassenschutz, verbesserter Verkehrs-Infrastrukturen, intelligenter Notfall- und Rettungssysteme, kardiopulmonaler Reanimation (CPR) und einer hochentwickelten Traumatologie/Unfallchirurgie ist die Zahl der Verkehrstoten von jährlich 19.000 in 1970 auf etwa 4.000/Jahr (2011) zurückgegangen. Nur zur Vermeidung weiterer abwegiger Analogieschlüsse im „Krankenhausreport 2014“ des WIdO der AOK sei hier betont, dass die überwiegende Mehrheit der Verkehrstoten Dank moderner Rettungs-Verbundsysteme die Kliniken noch lebend erreichen und dort e n t g e g e n allen medizinischen und pflegerischen Bemühungen, Notfall-OP und Intensivmaßnahmen Trauma-bedingt versterben, und nicht, w e i l man mit so hoher F e h l e r q u o t e im Krankenhaus um das Leben jedes Einzelnen gekämpft hat.

Ich fordere hiermit die Autoren und Verantwortlichen des „Krankenhausreport-2014“ (Klauber/Geraedts/Friedrich/Wasem (Hrsg.): Krankenhaus-Report 2014, Schwerpunktthema: Patientensicherheit; Schattauer-Verlag, Stuttgart 2014; broschiert; 54,95 €; ISBN 978-3-7945-2972-8) auf, ihren einfältigen, nach den allgemeinen Sätzen der Logik unhaltbaren Analogieschluss zwischen jährlich 19.000 tödlich verlaufenden ärztlichen Behandlungsfehlern in Deutschen Krankenhäusern und den 4.000 Verkehrsunfalltoten/Jahr (2011) zurückzunehmen und sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller stationären klinischen Einrichtungen für diesen unangemessenen Vergleich öffentlich zu entschuldigen. Der Generalverdacht ä r z t l i c h e r Behandlungsfehler fällt in kollegialer Teamarbeit auf a l l e Beschäftigten und Beteiligten im Gesundheits- und Krankheitswesen zurück und ist ein durchsichtiger Versuch, die Belegschaften in Kliniken mit ärztlichem und nicht-ärztlichem Personal gegeneinander auszuspielen.

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen,
Dr. med. Thomas G. Schätzler,
Facharzt für Allgemeinmedizin, Dortmund
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