Ausland

Politik und Kirche kritisieren Ja zu Sterbehilfe für Kinder

Freitag, 14. Februar 2014

Berlin/Bonn – Vertreter von Kirche und Politik haben die Entscheidung des belgischen Parlaments für eine Ausweitung der aktiven Sterbehilfe auf Kinder kritisiert. Eine gesellschaftliche „Bankrotterklärung“ nannte der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand, der in der Unionsfraktion die Diskussion über ein Sterbehilfe-Verbot koordiniert, die Entscheidung in der Welt vom Freitag. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) sprach von einem „verantwortungslosen Tabubruch“. In Deutschland dürfe es eine solche Entwicklung nicht geben. Huml plädierte für eine klare Absage an eine aktive Sterbehilfe auch bei Erwachsenen. Stattdessen müssten Hospizversorgung und Palliativmedizin ausgebaut werden.

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Belgiens Abgeordnetenkammer hatte gestern dem umstrittenen Gesetz zur Sterbehilfe für Minderjährige zugestimmt. Damit sollen auch unheilbar kranke Kinder aktive Sterbehilfe bekommen können, wenn sie das ausdrücklich verlangen und zu einer Einschätzung in der Lage sind. Zudem muss der Wunsch des Kindes durch mehrere Experten bestätigt werden; auch die Eltern müssen der Entscheidung zustimmen.

Der Ausburger katholische Weihbischof Anton Losinger sprach heute von einem „ungeheuren Einbruch in die Kultur des Lebens mitten auf europäischem Boden“. Die christliche Aufgabe müsse darin bestehen, nicht Hilfe beim Sterben, sondern Hilfe zum Leben bereitzustellen. „Es geht um die letzte, vielleicht wichtigste Lebensphase, die ein Mensch in freiheitlicher und liebevoll begleiteter Umgebung verbringen können soll“, betonte der Weihbischof, der Mitglied im Deutschen Ethikrat ist.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) forderte wie Bayerns Ministerin Huml einen massiven Ausbau der Palliativmedizin. „Die Palliativmedizin in Verbindung mit der Hospizbegleitung muss von der heutigen Randexistenz in das Zentrum der Gesundheits­politik kommen“, sagte ZdK-Präsident Alois Glück in Bonn.

Glück appellierte an die Bundestagsparteien, nicht nur fraktionsübergreifend die notwendigen gesetzlichen Regelungen für ein Verbot der organisierten Sterbehilfe zu beschließen, sondern ebenso den Ausbau der Palliativmedizin. Nur so könne auf die in Umfragen hohe Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe reagiert werden.

Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) verurteilte das neue belgische Gesetz als „skandalös“ und als „Entscheidung gegen die Schwächsten in der Gesell­schaft“. Sie widerspreche „jeglicher Vorstellung von Mitmenschlichkeit“, sagte DHPV-Ge­schäftsführer Benno Bolze in Berlin: „Gerade Kinder brauchen einen besonderen Schutz, wenn sie krank sind. Die Tötung eines Kindes kann hier niemals die Lösung sein.“

Der Deutsche Kinderhospiz-Verein erklärte, gerade die Hospizarbeit für Kinder, Jugend­liche und junge Erwachsene zeige, wie lebensverkürzend erkrankte Menschen solida­risch und in mitmenschlicher Weise begleitet werden könnten. Und die Erfolge der Palliativmedizin belegten, wie man dieses Leben schmerzfrei gestalten könne. © kna/aerzteblatt.de

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sangoma
am Montag, 17. Februar 2014, 10:43

Danke @advokatus diaboli

Dank für viele unermüdliche Beiträge, die mich hoffen lassen, dass es noch mehr Ärzte gibt, für die die Selbstbestimmung des Menschen das höhere Gut im Vergleich zum Machtstreben selbsternannter Moralapostel oder Hospizbetreiber ist.
Rhiya
am Sonntag, 16. Februar 2014, 23:07

Gute Ansätze

„Hüte dich vor den Lehren jener Spekulanten, deren Überlegungen nicht von der Erfahrung bestätigt wird“, ließ das Universalgenie Leonardo da Vinci einmal verlauten.
Wenn Moral und Ethik grundlegend dafür da sind, um das "Richtige" zu tun, sollte man zu Beginn erst einmal einen Maßstab ansetzen, woran sich das "Richtige" als Maß überhaupt messen lassen kann. Es kommt der gesellschaftlichen "Norm" gleich, in der die Masse bestimmt.

Eine Erfahrung solchen Ausmaßes kann eben nur jener erlangen, der dieses Leid gerade durchleben muss. Es mag daher in so manchen Ansichten fruchten, dass diesem alleine die Entscheidung obliegt, wie er aus dem Leben scheiden möchte. Es ist unmöglich, einem jeden Individuum eine Entscheidung oder Gesetzesklausel um die Ohren zu schlagen, wenn man eine Entscheidung (ob die eigene oder die des Gegenübers) nicht mit sich selbst vereinbaren kann.

Da ich selbst noch keine Medizinerin bin, sondern lediglich solches anstrebe, kann ich nicht fachsimpeln, allerdings sollte man sich womöglich mit der Grundlage eines Lebewesens beschäftigen.

Ich bin ehrenamtlich in der Seelsorge tätig und traf mich vor einigen Jahren mit einem jungen Mann, völlig gesund, der auf Grund privater Probleme aus dem Leben scheiden wollte. Die Sterbehilfeorganisationen Dignitas und Exit (Schweiz) lehnen grundsätzlich Menschen ab, die gesund sind oder eine Chance auf Heilung besteht. Ich traf in psychosomatischen Kliniken Menschen, die ihrem Leben ein Ende bereiten wollten und sogar schon Versuche diesbezüglich unternommen hatten. Man kann nun auf Grund der letzten Aussage diskutieren, à la "Wer sterben will, der stirbt auch", dass jene Personen letztlich nicht aus dem Leben scheiden wollten. Fakt ist, nehmen wir als Beispiel Robert Enke, dass es für den Lokführer ein Trauma bis an sein Lebensende bleiben wird und das ist hier nur ein Beispiel, wenngleich man dies nicht mit dem Todeswunsch eines Todkranken vergleichen kann.

Da dieses Thema ohnehin wie so viele andere Themen stets zwei Meinungen beherbergen wird, ist es fraglich, ob solche Diskussionen jemals ein Ende finden werden. Grundsätzlich, ob Gott nun ein erfundener Trost der Menschen ist oder nicht, besitzt letztlich noch immer der Mensch selbst das Recht mit seinem Leben tun und lassen zu können, was er für richtig hält. Problematisch wird es bei einer fortgeschrittenen Krankheit, in der sich der Mensch nicht mehr zu bewegen vermag. Zusätzlich ist die Gesellschaft ein sehr großes Problem. Ob physisch oder psychisch krank, Selbstmörder werden degradiert und brüskieren, laut Aussagen, ihre eigenen Familien. Dieser schlechte Stellenwert jener Krankheiten wird nicht ernst genug genommen, stattdessen debattiert man über Moral und Ethik, statt einmal in den eigenen Reihen zu schauen, was man tun kann, um Hilfesuchenden eine wirkliche Hilfe sein zu können.

Eine Bekannte, die bereits Ärztin ist, gab einmal zu bedenken, dass in manchen Forschungsinstitutionen sich jene Forscher gegenseitig in Reagenzgläser spucken. Ist es nicht die Missgunst und der Egoismus, der die Gesellschaft und damit das Leben so mancher Menschen verdirbt? Wer über Moral und Ethik glaubt sprechen zu wollen, muss sich zwingend Gedanken um den Auslöser machen und das ist nach wie vor der Mensch selbst. Da wo manch Kranker hofft, dass womöglich zu seinen Lebzeiten noch ein Heilmittel gefunden wird, unwissend, was teilweise mit den Forschungsgeldern in so manchen Institutionen geschieht, verschlägt es mir manches Mal selbst die Sprache.

Gewiss ein anderes Thema, aber zwangsläufig kommt es darauf hinaus.
advokatus diaboli
am Sonntag, 16. Februar 2014, 19:34

Ärzte als „Straßenfeger“?

Ob das „wahre Leben“ sich dadurch auszeichnet, in dem gläubige Zeitgenossen sich in der „Liebe zu Gott“ und zu den „Mitmenschen“ auszeichnen, mag „nur“ für den nachvollziehbar sein, der dem christlichen Menschenbild und dem damit verbunden Glauben an eine höhere Instanz, die nicht von dieser Welt stammt, wenn nicht unbedingt frönt, so doch zumindest zu „glauben“ bereit ist.

Es mag auch angehen, dass der vermeintlich „gute ärztliche Paternalismus“ mit dem Bestreben, seinen Mitmenschen etwas „Gutes“ tun zu wollen, einhergeht und dass im Zweifel hierfür ein besonderer Lohn zu erwarten ansteht, wenn nicht hier auf Erden, so doch vielleicht im Himmel oder in einer wie auch immer gearteten transzendenten Welt.

Indes hilft uns dieser Ansatz in einer säkularen Gesellschaft nicht weiter, die vor allem durch eine Wertepluralität und damit durch unterschiedliche „Bilder“ von Menschen gekennzeichnet ist.

Diejenigen, die da meinen, ein „Leben in Gottesferne“ führen zu müssen, sind nun wahrlich nicht die schlechteren „Humanisten“ und sofern diese „Ungläubigen“ und „Zweifler“ sich überdies durch die besondere Tugend der Toleranz auszeichnen, kämen diese kaum auf die Idee, einen „Glaubenskrieg“ gegen die Gläubigen zu führen, die ihrerseits von einem ganz zentralen Grundrecht, namentlich der Religionsfreiheit, aktiv Gebrauch machen und hiernach ihr Leben ausrichten, mag es auch angesichts so mancher Zentraldogmen etwa der verfassten Amtskirchen fremdbestimmt sein.

Mit Blick auf den Diskurs freilich kommen wir nicht umhin, uns an einem „Wertesystem“ zu orientieren, welches gleichsam als „ethisches Minimum“ Geltung beansprucht. Dieses Wertesystem besteht zuvörderst – wenn auch nicht allein – aus den subjektiven Freiheitsrechten.

Ob Kinder keinen freien Willen haben, steht – je nach Reifegrad – durchaus zu bezweifeln an, wenngleich natürlich dem Kommentator durchaus zuzugeben ist, dass die Sterbehilfe gerade bei Kindern besonders problematisch ist und die Anforderungen hieran sehr hoch anzusetzen sind.

Die allgemeine moralische Entrüstung mag nachvollziehbar, ist doch das Thema bei Kindern besonders emotional aufgeladen.

Gleichwohl wird Deutschland und damit auch die deutsche Ärzteschaft gut beraten sein, sich nicht ernsthaft als „moralisches Gewissen“ Europas zu präsentieren, hegen doch die Belgier und andere europäischen Nachbarstaaten ein anderes Verständnis von „Freiheit“, welches – dies gebe ich unumwunden zu – durchaus meinen Vorstellungen einer liberalen Gesellschaft mit freien und selbstbestimmten Bürgerinnen und Bürgern entgegenkommt.

Der Preis des Selbstbestimmungsrechts ist durchaus hoch: er wird maßgeblich durch die hohe Selbstverantwortung geprägt und die recht verstandene Autonomie ist nicht darauf angewiesen, Grenzen aus einer transzendenten Welt, einer Religion oder auch nur einer „Weltanschauung“ zu internalisieren, so dass die „Freiheit“ ihres wesentlichen Kerns beraubt wird.

Ob die gesetzliche Regelung in Belgien „geglückt“ ist oder ob die eine oder andere weitere Voraussetzung hätte normiert werden sollen, soll hier nicht diskutiert werden, da es in erster Linie darum geht, dringend davor zu warnen, dass die „Deutschen“ sich als „Moralapostel“ erproben, obgleich doch hierzulande nicht selten ein höchst gespaltenes Verhältnis zu den in der Verfassung verbrieften Freiheitsrechten zu verzeichnen ist.

Die deutsche Ärzteschaft ist so frei eben nicht und sie lebt von „moralisch-ethischen“ Ansprüchen insbesondere der Ärztefunktionäre, die da meinen, ihre individuelle Werthaltung – im Zweifel auch die „Liebe zu Gott“ – zum Maßstab einer allgemeinverbindlichen Berufsethik erheben zu können, obgleich wir doch aus der Geschichte heraus wissen, dass gerade im Namen „Gottes“ auch ungeheures Leid über die Menschen gebracht wurde und – sofern wir dies auf die „Ärzte als Götter in weiß“ bildlich übertragen, auch Hippokrates oder Hufeland sich im Zweifel den Vorwurf gefallen lassen müssen, ihre Kolleginnen und Kollegen für ihre Zwecke instrumentalisiert zu haben, ohne deren „Freiheit“ dem Grunde nach anzuerkennen.

Die nach Freiheit strebenden Ärztinnen und Ärzte mit ihren höchst persönlichen Gewissensentscheidungen anzuraten, sich doch künftig als „Straßenfeger“ zu verdingen, offenbart das große Dilemma in der intraprofessionellen Debatte der Ärzteschaft: einige Kolleginnen und Kollegen scheinen von der Vorstellung „beseelt“ zu sein, ihre andersdenkenden Kolleginnen und Kollegen „moralisch und ethisch“ erziehen und im Zweifel auch disziplinieren zu wollen, ohne hierbei zu erkennen, dass mit einem solchen moralischen Autoritätsgehabe lediglich das Maß der eigenen Intoleranz offenbart wird, mal ganz davon abgesehen, dass Straßenfeger durchaus einen sinnvollen Dienst versehen und es keiner Stigmatisierung dieses Berufsstandes bedarf.

Und in der Tat: wir sollten das Vermächtnis – geschrieben durch die eigene Geschichte – ernst nehmen und nicht der Botschaft der „ethischen und moralischen Überzeugungstäter“ aufsitzen, wonach die „Ethik frei macht“, die allein deshalb um Beachtung heischt, weil diese in einem Berufsrecht einstweilen verankert wurde, ohne hierbei im Ansatz die Reichweite der Grundrechte auch für die deutsche Ärzteschaft erkannt zu haben.

Die „ethische Basta-Politik“ nicht nur der BÄK, sondern auch die der verfassten Amtskirchen und mancher „Lebensschützerfraktionen“ ist so ethisch eben nicht – so wir denn gewillt sind, uns auf die Grundrechte zu besinnen und endlich damit aufhören, einer vermeintlichen berufsspezifischen „Einheitsethik und -moral“ das Wort zu reden, welche im Begriff ist, das „nicht von Gott“ gegebene Verfassungsrecht in Teilen außer Kraft zu setzen.

Wer die „Ethik“ und damit den „Geist“ des Grundgesetzes nicht fühlen will, muss halt das „Recht“ spüren und insofern bleibt es einstweilen sicherlich noch ein „frommer Wunsch“, dass hochrangige Ärztefunktionäre von ihrer Mission Abstand nehmen, ihre Kolleginnen und Kollegen in die kollektive „ethische Zwangshaft“ nehmen zu wollen, ist doch das große „Ethikkartell“ geschmiedet worden, welches es gilt, alsbald zu entflechten und daran zu erinnern, dass gerade wir Deutschen die Errungenschaften in Gestalt unser aller Freiheitsrechte nicht aufzugeben bereit sind, „nur“ weil ethische Überzeugungstäter mit viel Pathos ethische Nebelbomben zünden und sich des Beifalls so manch wertkonservativer Christen und politisch Verantwortlicher gewiss sein können.
chinamed
am Sonntag, 16. Februar 2014, 12:29

Null Toleranz für Menschentötung

@diabolus (nomen est omen?) Zitat: „selbstbestimmte Entscheidung am Lebensende "kämpfen" müssen.“
Lieber Herr Diabolus, niemand muss in Deutschland für eine selbstbestimmte Entscheidung „kämpfen“ wenn er sterben möchte. Er hat immerhin die freie Möglichkeit sich einer Schweizer Sterbehilfeorganisation oder einer Holländischen anzuschließen. Niemand sollte einen Todessehnsüchtigen davon abhalten aus der Welt zu gehen.
Doch nun zum Thema: Kinder haben keinen freien Willen, sie sind in großem Maße fremdbestimmt und fremdgesteuert. An sie sind andere Maßstäbe anzulegen, als an erwachsene Menschen.
Die Todesstrafe ist eine Anmaßung eines Richters sich an Gottes Stelle zu setzen, so wie die Sterbehilfe die Anmaßung eines Arztes ist sich an Gottes Stelle zu setzen.
Wer natürlich meint ein Leben in Gottesferne zu führen und als Diabolus durchs Leben zu gehen, den wird niemals interessieren, was das wahre Leben ausmacht: die Liebe zu Gott und den Mitmenschen. Das meint jedoch nicht frömmelndes Dummtun und Anbetung des (angeblichen) Teufels, sondern das Tun des Guten für andere Menschen und das ist genau dass, was ich möchte, dass andere auch für mich tun, wenn ich es denn benötigen würde.
Ein Arzt, der Sterbende begleitet und viel Anstrengung darauf verwendet diesen armen Menschen das Leben so erträglich wie möglich zu gestalten, wird nicht bereit sein seinen Anvertrauten tödliche Gifte zu verabreichen. Wenn er es dennoch macht, hat er seinen ärztlichen Auftrag nicht verstanden und sollte besser Straßenfeger werden.
Das gilt umso mehr, wenn Kinder davon betroffen sind. Und die Gefahr der Gewöhnung und Ausweitung der Tötung von Menschen ist in Deutschland ein besonders ernst zu nehmendes Problem. Es kommt immer schlimmer, als sich alle Beteiligten vorstellen können.
Niemals sollte mehr von Deutschen Boden ein Krieg ausgehen,
niemals sollte mehr von Deutschen Kriminellen das Töten von Menschen ausgehen.
Erinnern wir uns an das Vermächtnis unserer Vorfahren und nehmen es ernst.
advokatus diaboli
am Freitag, 14. Februar 2014, 18:42

Mehr Toleranz von den Deutschen ist zu fordern!

Mit Verlaub: Hierzulande sollten wir uns etwas bescheiden und davon Abstand nehmen, unsere europäischen Nachbarstaaten über Gebühr ethisch und moralisch disziplinieren und schlimmer noch, als „kranke Gesellschaften“ diskreditieren zu wollen.

Ob der Weg in eine „zutiefst inhumane Gesellschaft“ geebnet wird, steht zu bezweifeln an, steht und fällt doch diese moralische Werturteil mit den zugrundegelegten Prämissen und Wertentscheidungen, die eine Gesellschaft und ihr folgend im Zweifel der parlamentarische Gesetzgeber für besonders dringlich und schützenswert erachten.

Ohne Frage kommt dem Selbstbestimmungsrecht auch der schwersterkrankten und sterbenden Kindern ein immens hoher Wert zu und wir sollten uns davor hüten, ähnlich wie bei den Erwachsenen den freien und nachvollziehbaren Willen dieser Kinder schlicht zu pathologisieren.

Ohne Frage ist ein „Aufschrei“ der Ärzte auch hierzulande dringend erforderlich, zumal in Deutschland einige handverlesene „moralische Autoritäten“ sich anmaßen, die Gewissensentscheidung ihrer eigenen Kolleginnen und Kollegen durch berufsrechtliche Zwangsdiktate zu beugen. Insbesondere die deutschen ärztlichen Selbstverwaltungskörperschaften sollten sich von ihrer Vorstellung verabschieden, über eine bessere, weil Hippokrates und Hufeland wohlgefälligere Arztethik zu verfügen, die sie in den Stand versetzt, ganz Europa ethisch und moralisch zu erziehen, und – sofern notwendig und angezeigt – im Zweifel auch noch zu disziplinieren.

Dass diese „Idee“ schon in manchen „Köpfen“ reift, dokumentiert das Statement der Patientenschutzorganisation Deutsche Stiftung Patientenschutz, wo Eugen Brysch meint, „Berlin“ zum Handeln aufrufen zu müssen. Fehlt „nur“ noch, dass die BÄK eine „Sondersitzung“ einberuft, um den scheinbaren „Wertverfall“ der „guten, alten überlieferten Arztethik“ in Belgien oder anderenorts öffentlichkeitswirksam rügen zu müssen.

Abermals mit Verlaub: Wir sollten nicht den „Stein“ auf Andere werfen, da wir hierzulande einen Weg in eine inhumane Gesellschaft zu beklagen haben, in dem der schwersterkrankte und sterbende Patient mit seinem nachvollziehbaren Wunsch nach einem frei bestimmten Tod nicht wahrhaftig ernst genommen wird und überdies die „freie“ (?) Ärzteschaft mittels Verbote auf ethischem Grundkurs einiger ethischer „Überzeugungs- und Gesinnungstäter“ gehalten werden soll.
Wenn ein „Aufschrei“ anzumahnen ist, dann doch wohl eher hierzulande!

Fassungslosigkeit muss sich dort einstellen, wo „Oberethiker“ ungestraft ihren neopaternalistischen Kurs fortsetzen können, ohne hierbei auch nur ansatzweise den wahren Wert unsere Freiheitsrechte – also auch solche der Ärzteschaft – zu erkennen!

Die Deutschen sind weder die besseren Ärzte noch Politiker und es ist auf Dauer mehr als nur beschämend, wenn wir glauben, unsere europäischen Nachbarn für ihren liberalen Weg schelten zu müssen!

Derartige Schelte ist vielmehr "verantwortungslos" und offenbart den Macht- und Herrschaftsanspruch der Deutschen auch in moralischen und ethisch höchst umstrittenen Fragen, die ein Jeder für sich selbst beantworten muss.

Europa würde gut daran tun, sich nicht in die "ethische und moralische Geiselhaft" einiger Oberethiker nehmen zu lassen, wobei hierzu auch die verfassten Amtskirchen zählen, da diese letztlich seit Jahrzehnten ein höchst seltsames Verhältnis zur Bedeutung der in einem säkularen Verfassungsstaat verbürgten Grundrechte hegen.

Insofern ist von den deutschen Politikern und anderen Persönlichkeiten mehr Respekt und Toleranz gegenüber den europäischen Nachbarstaaten einzufordern, da diese einen Weg beschreiten, der durchaus als human bezeichnet werden kann, während wir hierzulande nach wie vor um eine selbstbestimmte Entscheidung am Lebensende "kämpfen" müssen!

Auch das deutsche Staatsvolk ist entschieden und wie sagte es einmal W. Brandt: Ein bißchen mehr Demokratie wagen!

Dies kann für den leidenschaftlich geführten Diskurs "nur" bedeuten, sich an dem ethischen Standard des Grundgesetzes mit seinen Grundrechten zu orientieren und hier sich in Toleranz zu üben! Scheinbar ist dies den ethischen Überzeugungstätern nicht möglich und da fragt man/frau sich schon in einer stillen Stunde, wessen Geistes Kind diejenigen sind, die da von sich aus den vermessenen Anspruch erheben, nicht nur das deutsche Staatsvolk ethisch zu bevormunden, sondern gleich ganz Europa!

Mir persönlich graust es bei so viel Intoleranz in einer Debatte, die nicht nur soziologisch unterbelichtet zu sein scheint!
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