Medizin

„Stoffwechsel­krankheit“ Darmkrebs: Studie sieht Einfluss von Fettzellen

Montag, 17. Februar 2014

Potsdam-Rehbrücke – HDL-Cholesterin, Adiponectin und lösliche Leptin-Rezeptoren erklären einer Studie im International Journal of Cancer (2014; 134: 612-21) zufolge etwa die Hälfte aller übergewichtsbedingten Erkrankungen am Kolonkarzinom. Die Ernährungswissenschaftler betrachten das Krebsleiden deshalb als „Stoffwechsel­krankheit“.

Neben der familiären Häufung ist die Adipositas der wichtigste (bekannte) Risikofaktor für das Kolonkarzinom. Bislang wird die Assoziation auf die Nahrungsbestandteile zurück­geführt. Als schädlich gilt eine hohe Zufuhr von rotem Fleisch und Fleischwaren, während Ballaststoffe nach vielen aber nicht allen Studien eine protektive Wirkung haben. Die pathogenetischen Überlegungen betreffen die mit dem Fleisch, eventuell bedingt durch den Garprozess, zugeführten Karzinogene, die auf die Darmschleimhaut einwirken könnten.

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Eine Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke und des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch weist jetzt auf eine weitere Erklärungsmöglichkeit hin. Das Team um Krasimira Aleksandrova hat 66 Darmkrebspatienten aus der Potsdamer EPIC-Kohorte einer gleichen Zahl von gesunden Kontrollen gegenüber gestellt.

Dabei bestätigten die Forscher zunächst die bekannte, eher schwach ausgeprägte Assoziation mit dem Übergewicht. Frauen mit einem durchschnittlichen Taillenumfang von 93 cm hatten im Vergleich zu Frauen mit einem Umfang von etwa 72 cm ein um 67 Prozent erhöhtes Darmkrebsrisiko (relatives Risiko 1,67; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,09–2,56). Männer, deren Bauchumfang im Mittel bei 105 cm lag, hatten im Vergleich zu ihren Geschlechtsgenossen mit einem Taillenumfang von durchschnittlich 87 cm ein um 68 Prozent (RR 1,68; 1,06–2,65) erhöhtes Erkrankungsrisiko. Beides entspricht den bisher publizierten Ergebnissen, die allerdings die Adipositas eher als Begleitfaktor, denn als mögliche Ursache von Dickdarmkrebs betrachten.

Aleksandrova dagegen vermutet, dass die Fettmassen im Bauchraum eine kausale Rolle für das Krebswachstum im Dickdarm spielen könnten. Sie hat deshalb im Blut der Teil­neh­mer nach möglichen Substanzen gesucht, die eine Verbindung erklären würden. Tatsächlich waren drei von elf untersuchten Biomarkern invers mit dem Darmkrebsrisiko assoziiert.

Bei den Markern handelt es sich um das „gute“ HDL-Cholesterin, das niedermolekulare Adiponectin sowie den löslichen Leptinrezeptor. Eine inverse Assoziation bedeutet, dass hohe Konzentrationen der drei Biomarker vor einem Dickdarmkrebs schützen könnten, niedrige Werte würden das Krebswachstum begünstigen. Nach den Berechnungen der Forscherin würde eine Kombination aller drei Faktoren bei Männern 46 Prozent (37–57 Prozent) und bei Frauen 50 Prozent (40–65 Prozent) der Assoziation erklären.

Gemeint ist allerdings nur der Anteil der Darmkrebserkrankungen, die durch eine Adipositas bedingt sind. Dies dürfte insgesamt nur eine kleine Untergruppe aller Darmkrebserkrankungen sein (wegen des geringen relativen Risikos trotz eines großen Anteils von Adipösen in der Gesellschaft).

Beweisen lässt sich die Hypothese durch eine Fall-Kontroll-Studie allerdings nicht, wie auch die Pathomechanismen unklar bleiben. Aleksandrova vermutet jedoch, dass HDL-Cholesterin eine krebsschützende Wirkung haben könnte, weil es Entzündungs­prozessen entgegenwirke, einen regulierenden Einfluss auf das Zellwachstum habe und die Produktion von Adiponectin fördere.

Hierfür würden zumindest Ergebnisse von Tier- und Humanstudien sprechen, schreibt sie. Auch Adiponectin, ein Botenstoff, den die Fettzellen ins Blut abgeben, habe Eigen­schaften, die das Tumorwachstum hemmen könnten. Der lösliche Leptinrezeptor binde den von Fettzellen freigesetzten Botenstoff Leptin.

Die eigentliche Funktion von Leptin ist es, das Gehirn über die vorhandenen Energie­reserven zu informieren. Laut Aleksandrova fördert das Hormon jedoch auch das Wachstum von Zellen und die Neubildung von Blutgefäßen für Tumore. Eine gesteigerte Konzentration vom löslichen Leptinrezeptor könnte diese Wirkung hemmen.

Therapeutische Ansätze ergeben sich aus der Studie nicht. Zunächst müsste gezeigt werden, dass Wirkstoffe wie Niacin, die den HDL-Wert steigern, tatsächlich eine präven­tive Wirkung gegen Darmkrebs hätten. Medikamente die Adiponectin steigern oder Leptin hemmen, stehen derzeit nicht zur Verfügung.

Für Aleksandrova bleibt es deshalb bei dem allgemeinen Ratschlag, ein normales Körpergewicht anzustreben und hier insbesondere auf den Taillenumfang zu achten, um der Darmkrebserkrankung vorzubeugen – wofür streng genommen ebenfalls die wissenschaftliche Evidenz fehlt.

© rme/aerzteblatt.de

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