Politik

Bundesregierung fördert neues Forschungsnetz zu psychischen Erkrankungen

Montag, 17. Februar 2014

Berlin – Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert ein neues Forschungsnetz zu psychischen Erkrankungen. „Psychische Erkrankungen zählen zu den Volkskrankheiten, gegen die wir mit unserem Rahmenprogramm Gesundheits­forschung angehen wollen“, sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka heute in Berlin. In Deutschland litten mindestens 40 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Erkrankung. Diese seien außerdem der häufigste Grund für Frühverrentungen.

„Mit dem neuen Forschungsnetz setzen wir wichtige Akzente zur Erforschung psychischer Erkrankungen. Wissenschaftler aus ganz Deutschland werden gemeinsam daran arbeiten, diese Krankheiten besser zu verstehen. Aus diesem Wissen sollen neue und wirksamere Therapien entstehen", sagte Wanka. Ziel sei es, Ergebnisse aus der Forschung schneller für die Patienten nutzbar zu machen.

„Wir haben eine große Chance, etwas für die Behandlung von psychischen Erkran­kungen zu tun“, betonte der Sprecher des Forschungsnetzes, Andreas Meyer-Lindenberg, Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Mannheim. Er selbst leitet den Forschungsverbund Schizophrenie, der neue Präventions- und Behandlungsansätze erforschen soll. Es werden 30 universitäre und außeruniversitäre Forschungs­einrichtungen an der Erforschung von Depression, Angststörungen, Sucht, Schizophrenie, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus zusammenarbeiten.

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Ein internationales Gutachtergremium hat die neun beteiligten Forschungsverbünde zur Förderung vorgeschlagen. Das Forschungsnetz, für das das BMBF bis 2018 rund 35 Millionen Euro bereitstellt, soll ab Sommer seine Arbeit aufnehmen.

Neue Therapien erproben
Wichtigstes Ziel der Forschungsverbünde ist die Erprobung neuer Therapien: So werden etwa neue medikamentöse Wirkstoffe klinisch getestet, zum Beispiel Minocyclin. Dieses Antibiotikum wird gegen Infektionen eingesetzt, ist aber auch für die Behandlung von Depressionen in den Fokus der medizinischen Forschung gerückt. Damit wird sich der Forschungsverbund Depression an der Universität Regensburg (Rainer Rupprecht) beschäftigen.

Der Forschungsverbund Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) am Zentralinstitut in  Mannheim (Tobias Banaschewsky) will gestufte Präventions- und Behandlungsprogramme über die Lebenspanne erforschen. „ADHS ist eine der häufigsten Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter und führt unbehandelt im Erwachsenenalter zu beeinträchtigenden Störungen“, erläuterte Meyer-Lindenberg.

Weitere Forschungsverbünde:

Verbesserung der Erfassung und Versorgung von bipolaren Störungen (Michael Bauer, Technische Universität Dresden);

Effektive Versorgung und Behandlung von Angststörungen (TU Dresden);

Suchterkrankungen: Früherkennung und Intervention über die Lebensspanne (Andreas Heinz, Charité, Universitätsmedizin Berlin);

Autismus-Spektrum-Störungen über die gesamte Lebensspanne: Vom ätiologischen Verständnis durch valide Diagnosen zu einer effektiveren Versorgung (Inge Kamp-Becker, Universität Marburg)

Psychotische Störungen: Antipsychotika-induzierte strukturelle und funktionelle Gehirnveränderungen (Frank Schneider, RWTH Aachen)

Krankheitsübergreifende Therapien: Gehirnstimulation bei psychischen Erkrankungen (Frank Padberg, LMU München)

Die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer, zeigte sich „sehr erfreut“ über das neue Forschungsnetz. „Aus Sicht der Kassen ist es besonders wichtig, der Frage nachzugehen, wie man psychisch kranke Menschen durch neue Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten besser versorgen kann beziehungsweise wie man durch geeignete Präventions­maßnahmen der Erkrankung vorbeugen kann“, betonte sie.

Denn deren Bedeutung sei immens: Die Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen hätten von 2002 bis 2012 um nahezu 67 Prozent zugenommen. Ein Krankheitsfall dauere im Schnitt zudem 35,7 Tage im Gegensatz zu 12,7 Tagen bei somatischen Erkrankungen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt die so entstandenen Produktionsausfälle zum Beispiel für das Jahr 2011 auf 46 Milliarden Euro.

Als „Schritt in die richtige Richtung“ begrüßt auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) das neue Forschungsnetz. „Allerdings müssen diese  Bestrebungen auch in der Zukunft fortgesetzt werden“,  forderte DGPPN-Präsident Wolfgang Maier. 

Die zunehmende Bedeutung psychischer Erkrankungen erfordere die Bündelung der verfügbaren Kräfte in Gesundheitsforschungszentren, wie sie die Bundesregierung für die somatischen Volkskrankheiten längst ins Leben gerufen habe. „Eine nachhaltige strukturelle Förderung sollte deshalb in einem Deutschen Zentrum für psychische und psychosomatische Erkrankungen münden“, forderte Maier. © pb/aerzteblatt.de

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