Politik

Reform der Aus- und Weiterbildung: Konträre Positionen bei KBV-Versorgungsmesse

Donnerstag, 27. März 2014

Berlin – Zu verfolgen, wie die medizinische Aus- und Weiterbildung in verschiedenen Ländern Europas organisiert wird, kann inspirierend sein. Doch Deutschland wird bei Reformen in diesem Bereich seinen eigenen Weg gehen müssen, der zahlreiche Herausforderungen bereithält. Dieses Fazit lässt sich nach zwei Diskussionsrunden am Mittwoch zum Auftakt der diesjährigen Versorgungsmesse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ziehen.

„Wir werden in absehbarer Zeit die flächendeckende Versorgung mit haus- und fachärztlichen Grundversorgern nur sehr schwer sicherstellen können“, erklärte KBV-Vorstand Regina Feldmann. Die KBV sei bei einer Analyse der Gründe dafür zu dem Ergebnis gelangt, dass es in allen Bereichen Defizite gebe, angefangen von der Auswahl der Medizinstudierenden über den Ablauf des Studiums und die Weiterbildung bis hin zu den Rahmenbedingungen der ambulanten Tätigkeit. Die Suche nach Lösun­gen zur Überwindung der Defizite könne „die KBV nicht allein bewältigen, sondern nur in Zusammenarbeit mit anderen“.

Heyo K. Kroemer Lopata

Medizinische Fakultäten geben sich große Mühe bei der Nachwuchsauswahl
Heyo K. Kroemer, Präsident des Medi­zinischen Fakultätentags, konsta­tierte, die Diskussion um Verbesserungen bei der Aus- und Weiterbildung habe „inzwischen ein Niveau erreicht, das dem Problem gerecht wird“. Er ging auf häufig gemachte Vorwürfe ein wie den, die Universitäten suchten die falschen Leute für das Medizinstudium aus, und stellte klar, dass es nirgendwo an den Universitäten einen anderen Bereich gebe, „der sich solch eine Mühe mit der Auswahl seiner Studenten gibt wie die Medizinischen Fakultäten“.

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Diese müssten sich aber auch an Vorgaben für die Auswahl halten und berücksichtigen, dass zahlreiche Anwälte darauf spezialisiert seien, Studierende einzuklagen. Insgesamt bilde man in ausreichender Zahl aus, so Kroemer. Eine Erhöhung der Medizinstu­dierendenzahlen hält er für akzeptabel, sofern sie „moderat“ ausfalle und finanziert werde.

„Wir haben keinen generellen Ärztemangel“, befand auch Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM). Es gebe aber eine „doppelte Fehlverteilung“: zu viele Fachärzte und zu wenig Hausärzte und eine Konzentration von Ärzten in den Ballungszentren anstelle ihrer bundesweiten Verteilung nach dem Versor­gungsbedarf. Den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft, so Gerlach, werde man mit 90 Prozent Spezialisten unter den Ärzten und nur zehn Prozent Generalisten aber nicht gerecht werden können.

Gerlach: Pflichtquartal Allgemeinmedizin – aber dann keine Pflichtfamulatur mehr
Er erneuerte zudem die Forderung der DEGAM, ein Pflichtquartal Allgemeinmedizin im praktischen Jahr einzuführen – was auf dem Podium teilweise auf Widerspruch stieß. „Studierende haben das Recht, auch in der Primärversorgung ausgebildet zu werden“, so Gerlach. Im Gegenzug zu einem Pflichtquartal könne man ja die Pflichtfamulatur in Allgemeinmedizin streichen. Eine mehrmonatige Auseinandersetzung mit der Allgemein­medizin komme allen Studierenden zugute, zeigte sich der DEGAM-Präsident überzeugt: Schließlich hätten Fachärzte aller Richtungen später im Beruf mit Hausärzten zu tun und könnten dann von ihren Einblicken profitieren.

Hans-Jochen Heinze, Vorsitzender des Ausschusses Medizin des Wissen­schaftsrates, vertrat die Auffassung, man dürfe „auf keinen Fall“ Abstriche bei der Qualität der Ausbildung machen, nur damit es am Ende ausreichend versorgende Ärztinnen und Ärzte gebe. „Die Wissenschaftskompetenz muss eher gestärkt werden“, betonte Heinze mit Hinweis auf den anhaltenden Wissenszuwachs in der Medizin. Er sprach sich zwar für eine Stärkung allgemeinmedizinischer Inhalte im Studium aus, sagte aber, entscheidend für die spätere Berufswahl seien die Rahmenbedingungen in der ambulanten Versorgung.

Als eine Lösung für die Nachwuchsprobleme kommt für Heinze eine Akademisierung eines Teils der Gesundheitsfachberufe in Frage, „nicht um sie weg zu qualifizieren von den Patienten, sondern damit sie besser als heute mit Ärzten in interprofessionellen Teams arbeiten können“. Diese können seiner Meinung nach zur Entlastung von Ärzten und Ärztinnen beitragen und die ambulante Versorgung so attraktiver machen.  

15 Fakultäten weiterhin ohne einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin
Ähnlich argumentierte Kroemer. Er ging auf die „massiven Probleme gerade im ländlichen Raum“ ein und nannte als Beispiel Mecklenburg-Vorpommern. Dort gibt es zwei Lehrstühle für Allgemeinmedizin, die beide einen sehr guten Ruf genießen ­– doch es fehlen Hausärzte im Land. Kroemer konstatierte: „Sie werden junge Leute nur ganz schwer dazu kriegen, ein alleinkämpfender Landarzt zu werden.“ Eine Lösung könne darin bestehen, für junge Ärztinnen und Ärzte attraktive Systeme zu schaffen, möglicherweise in Anlehnung an die früheren Polikliniken, sagte er.

Das Beispiel Mecklenburg-Vorpommern reizte KBV-Vorstand Feldmann zum Wider­spruch. Die beiden Lehrstühle seien spät eingerichtet worden, einer davon auch nur nach finanzieller Unterstützung durch die dortige Kassenärztliche Vereinigung, gab sie zu bedenken. In Thüringen habe sie selbst erlebt, wie zäh sich der Prozess gestalte, Lehr­stühle für Allgemeinmedizin zu gründen, und wie schlecht diese häufig finanziell ausgestattet würden. Ein Zuhörer gab ihr recht: Schon vor 40 Jahren habe man argumentiert, die Allgemeinmedizin gehöre gestärkt, erinnerte er. „Dass wir im Jahr 2014 noch 15 Fakultäten haben, an denen es keinen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt, ist irre.“

Vorstoß für die kleinen Fächer
„Ich halte es für richtig, dass es an jeder Fakultät einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt“, stellte Kroemer klar. Wenn man aber mehr Stunden für dieses Fach in der Ausbildung vorsehen wolle, müsse man sie „jemand anderem wegnehmen“. Kleine Fächer seien auch wichtig, betonte der Präsident des Medizinischen Fakultätentages. Kürze man die wenigen Stunden beispielsweise im Bereich der Hals-Nasen-Ohrenkunde oder anderer kleinerer Fächer, bestehe die Gefahr, dass diese irgendwann ganz wegfielen.

Die KBV veranstaltet ihre Versorgungsmesse auch in diesem Jahr erneut gemeinsam mit der Agentur deutscher Arztnetze. Im Mittelpunkt von Podiumsdiskussionen und Fachforen stehen die Themen Qualität, Kooperation und Diversifizierung. Rund 50 Aussteller präsentieren ihre Projekte und Kooperationen. © Rie/aerzteblatt.de

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