Politik

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen mahnt zielführende Präventions­strategien an

Dienstag, 22. April 2014

Berlin – „Wir haben keine positiven Nachrichten, denn der Drogenkonsum in Deutsch­land ist hoch wie nie“, sagte Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bei der Vorstellung des Jahrbuch Sucht 2014 heute in Berlin. Die Regierungskoalition würde sich, ebenso wie die Bundesregierungen zuvor, auf Verhaltensappelle beschränken, zielführende Präventionsstrategien jedoch nicht ausreichend umsetzen. „Seit Jahrzehnten wird weiter gemacht wie bisher“, kritisierte Gaßmann.

Im Jahr 2013 trank jeder Deutsche 9,5 Liter Reinalkohol, nur geringfügig weniger als 2012. Enthalten war diese Menge in durchschnittlich 105,5 Liter Bier, 20,4 Liter Wein und 5,4 Liter Spirituosen.

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Deutschland liegt beim Alkoholkonsum unter den ersten fünf von 34 OECD-Staaten: Nur in Luxemburg, Frankreich, Österreich und Estland wird mehr getrunken. Die direkten Kosten für das Gesundheitswesen, für Sachschäden in Betrieben, Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum und Verkehrsunfälle beziffert die DHS 2011 bei 10 Milliarden Euro - dem ständen nur 3,3 Milliarden Euro staatlicher Einnahmen aus Alkoholsteuern im Jahr 2012 gegenüber.

Alkoholsteuer in Deutschland niedriger als im EU-Durchschnitt
„Alkohol ist in Deutschland so billig, dass es fast nichts kostet, sich ins Koma zu trinken“, sagte Gabriele Bartsch, stellvertretende Geschäftsführerin der DHS. Das wirksame Instrument der Preiserhöhung durch Anhebung der Alkoholsteuer werde kaum umge­setzt. Die Steuer sei in Deutschland niedriger als im EU-Durchschnitt. Weitere sinnvolle Präventionsstrategien seien die zeitliche Begrenzung des Verkaufs, effektive gesetzliche Regulierungen der Werbung sowie Zufallskontrollen der Promille im Straßenverkehr, so die DHS.

Beim Konsum illegaler Drogen liege Deutschland ­ im europäischen Vergleich unter der Prävalenz in anderen europäischen Ländern – mit Ausnahme von Cannabis. Nach Schätzungen des Epidemiologischen Suchtsurveys liegt für 4,5 Prozent der 18 bis 64-Jährigen eine Cannabisabhängigkeit oder ein problematischer Konsum vor.

Zahl der Erstkonsumenten an Crystal um sieben Prozent gestiegen
Problematisch sei auch der Anstieg der Konsumenten von kristallinem Methamphetamin, dem sogenannten Crystal Meth. Die  Zahl der Erstkonsumenten stieg 2013 um sieben Prozent an. Das hatte die Bundesdrogenbeauftragte in der vergangenen Woche bekannt gegeben. „Es gibt aber immer noch keine repräsentativen Daten darüber, wie verbreitet Crystal Meth wirklich ist, auch weil keine Differenzierung zum Konsum von Ecstasy stattfindet“, sagte Bartsch. Hier besteht nach Ansicht der DHS Handlungsbedarff. © pb/aerzteblatt.de

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Practicus
am Freitag, 30. Mai 2014, 12:47

Sekundärprävention nicht vergessen!

Ein beschränkter Zugang zu Alkohol über eingeschränkte Verkaufszeiten, Spirituosenverkauf nur über lizenzierte Liquor-Stores, beschränkte Abgabemengen für Einzelpersonen sowie ein Konsumverbot auf öffentlihen Straßen und Plätzen, ein öffenliches Klima, das Alkoholkonsum ablehnt (hat beim Rauchen prima funktioniert) sowie Alkoholsteuern auf den enthaltenen Reinalkohol tragen nicht nur dazu bei, den Einstieg zu erschweren, sondern auch dazu, die überraschend häufige Remission der Alkoholkrankheit zu unterstützen. Bis zu 75% der nach heutiger Definition Abhängigen erreichen nämlich Abstinenz oder Rückkehr zu einem unbedenklichen Umgang mit Alkohol (70% davon ohne spezifische Therapie). Dieser günstige Verlauf könnte durch präventive Maßnahmen ebenfalls unterstützt und gefördert werden.
Die Zahlen sehen bei genauer Betrachtung noch dramatischer aus: Auf Alkoholkonsum entfallen jährlich 72.000 vorzeitige Todesfälle, die wirtschaftlichen Schäden durch Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung, Arbeitslosigkeit und Krankenbehandlung überschreiten den Gesamtumsatz der deutschen Alkoholindustrie, dabei sind die "Kollateralschäden" für die Familien, insbesondere zerstörte Biografien der Kinder und die Unterhaltskosten für die Familien nach der Scheidung noch gar nicht eingerechnet!
Insbesondere die Medien sind da angesprochen - schon im Nachmittagsprogramm bringen sich Shopping-Queens mit Sekt in Stimmung, in vielen Serien besteht der Teamgeist aus Weingeist, Fernsehkommissare saufen sich nach Dienstschluss regelmäßig zu, in den rauchfreien Talkrunden wird dafür ordentlich mit Bier und Wein gebechert, und ausgerechnet Sportereignisse werden von massiver Bierwerbung umrahmt....
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