Politik

Neue zielgerichtete Therapien erreichen die Regelversorgung

Mittwoch, 30. April 2014

Düsseldorf – Erstmals in Deutschland wird es durch die Allianz einer Krankenkasse mit dem Netzwerk Genomische Medizin an der Universität Köln möglich, dass alle bei dieser Krankenkasse versicherten Patienten mit Lungenkrebs Zugang zu neuen zielgerichteten Substanzen haben, wenn deren Anwendung sinnvoll erscheint und die Patienten dies wünschen.

Das gilt auch für Substanzen, die noch nicht zugelassen sind, sondern sich noch in klinischer Prüfung befinden. Voraussetzung ist, dass die behandelnden Ärzte Biopsien vom Tumor an das Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln senden, wo das Institut für Pathologie der Universität eine molekularpathologische Diagnostik vornimmt. Auf Basis der molekularen Diagnostik geben die Ärzte des CIO eine Empfehlung ab, ob und wenn ja mit welchen zielgerichteten Substanzen eine Therapie sinnvoll wäre. Therapiert werden die Patienten vor Ort von den behandelnden Ärzten.

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3,5 Millionen Euro für den Aufbau der Forschungsplattform vom Land NRW
„Das Land Nordrhein-Westfalen hat den Aufbau der entsprechenden Forschungs­plattform mit 3,5 Millioen Euro gefördert“, erläuterte Svenja Schulze, NRW-Landes­ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung, bei der Vorstellung des Projektes in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Das Land wolle dazu beitragen, das wissenschaftliche Potenzial, das in der personalisierten Medizin stecke, frühzeitig für die Patienten nutzbar zu machen.

„Erstmalig finden solche neuen Therapieformen, für die es teilweise noch keine Zulassung gibt, ihren Weg in die Regelversorgung“, sagte Matthias Mohrmann von der AOK Rheinland/Hamburg. Die Krankenkasse zahle für die molekulare Diagnostik 1750 Euro pro Patient. Wolle dieser eine Zweitmeinung einholen, werde diese mit  200 Euro vergütet. Die Krankenkasse übernehme die Behandlungskosten, bei neuen, in klinischer Prüfung befindlichen Substanzen werden die Therapien durch die entsprechenden Hersteller mitfinanziert.

„Wir sind davon überzeugt, dass die personalisierte Medizin in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird“, sagte Mohrmann. Es gehe darum, den  Patienten unkompliziert die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen, was bei echten Innovationen nur qualitätsgesichert mit einem starken Partner aus der Forschung wie dem CIO möglich sei. Er hoffe, dass andere Krankenkassen dem Beispiel der AOK Rheinland/Hamburg folgten. Die Kasse rechne mit circa 2000 Patienten in ihrem Versichertenkreis.

Zielgerichtete Therapien verlängern die Lebenserwartung
Nach Angaben des Ärztlichen Leiters des CIO, Jürgen Wolf, lässt sich die Lebens­erwartung von Patienten mit Lungenkarzinom – sie haben nach der meist im fortgeschrittenen Stadium des Tumors erfolgenden Diagnose im Allgemeinen eine schlechte Prognose – durchschnittlich verdreifachen durch eine Anwendung zielgenauerer Therapeutika, sofern die Anwendung möglich ist.

„Unter einer Chemotherapie beträgt die durchschnittlich Lebenserwartung 10 bis 12 Monate, bei den zielgerichteten Behandlungen sind es durchschnittlich bis zu drei Jahren“, sagte Wolf. In den vergangenen Jahren seien zahlreiche genetische Aberra­tionen in Lungentumoren entdeckt, denen eine klinische Relevanz zukomme, so genannte Treibermutationen.

Zu den wichtigsten gehören die EGFR-Gen-Mutationen oder Veränderungen, die das ALK-Gen betreffen. Für 16 bis 17 Prozent der Bronchialkarzinome gebe es zugelassene zielgerichtete Medikamente. Um Patienten auch  mit Treibermutationen im Tumor personalisiert behandeln zu können, für die es noch kein zugelassenes, aber in klinischer Prüfung befindliches Medikament gibt, wurde innerhalb des Schwerpunktes Lungenkrebs im CIO eine Studienplattform aufgebaut, die für alle Treibermutationen entsprechende klinische Studien anbietet.

Netzwerk soll sich von Knotenpunkten aus in die Fläche verbreiten 
In Köln würden jedes Jahr circa 3.500 Gewebeproben von Bronchialkarzinomen molekulardiagnostisch untersucht – das entspreche circa sieben Prozent der Lungenkrebsneuerkrankungen in Deutschland, sagte der Direktor des Instituts für Pathologie der Uniklinik Köln Reinhard Büttner.

Damit sei an der Uniklinik Köln die europaweit größte molekulare Diagnostikplattform entstanden, sagte Büttner. In das von Köln aus aufgebaute Netzwerk seien inzwischen 70 bis 80 Prozent der regionalen Krankenversorger von Lungenkrebspatienten integriert. „Wir wünschen uns, dass es ähnlich wie bei erblichem Brustkrebs einige Knotenpunkte in Deutschland gibt, die auf die molekularpathologische Diagnostik spezialisiert sind und Befunde und Empfehlungen an die peripher versorgenden Ärzte und Zentren weitergeben“, sagte Büttner.

Im Jahr 2010 sind nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 35.000 Männer und 17.000 Frauen an Lungenkrebs neu erkrankt und 29.400 Männer und 13.600 Frauen daran gestorben. Bronchialkarzinome sind bei den Männern die häufigste tumorbedingte Todesursache und bei den Frauen die zweithäufigste (nach Brustkrebs). © nsi/aerzteblatt.de

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