Politik

Je höher die Bettenauslastung im Krankenhaus, desto höher die Mortalitätsrate

Freitag, 2. Mai 2014

Berlin – Liegt die Bettenauslastung in einem Krankenhaus bei über 92,5 Prozent, steigt die Mortalitätsrate der Patienten. Das ist ein Ergebnis der Studie „Stress on the Ward: Evidence of Safety Tipping Points in Hospitals“, die zuerst in der Zeitschrift Management Science veröffentlicht wurde.

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Die Autoren der Studie haben die Daten von 82.280 Patienten aus 256 Abteilungen von 83 deutschen Krankenhäusern untersucht. 14.321 dieser Patienten lagen an Tagen im Krankenhaus, an denen die Bettenauslastung 92,5 Prozent überschritten hat – 541 von ihnen starben. Der Studie zufolge wären 14,4 Prozent dieser Todesfälle vermeidbar gewesen, wäre die Bettenauslastung weniger hoch gewesen.

„Das Personal eines Krankenhauses ist ausgelegt auf eine durchschnittliche Bettenauslastung von 85 bis 90 Prozent“, sagte einer der Autoren der Studie, Ludwig Kuntz von der Kölner Universität, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Es ist daher nicht verwunderlich, dass es bei einer Auslastung von 100 Prozent an einem bestimmten Tag nicht mehr die Zeit hat, alle Patienten auf hohem Niveau zu versorgen.“

Bei hoher Auslastung steigt der Druck auf Ärzte und Pflegekräfte
Bei einer sehr hohen Auslastung steige der Druck auf Ärzte und Pflegekräfte enorm und damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen Fehler unterlaufen, so Kuntz. Oder sie seien dazu gezwungen, bestimmte Leistungen bewusst zu unterlassen. „Liegt die Bettenauslastung über 90 Prozent, wird es für alle Patienten gefährlich“, meint der Professor für Health Care Management.

Lösen könne man das Problem „durch flexiblere Arbeitszeitmodelle. Auf diese Weise könnte man das Personal, das da ist, sinnvoller einsetzen“. Eine andere Möglichkeit sind der Studie zufolge Zusammenschlüsse von Krankenhäusern, die nah beieinander liegen und die einen gemeinsamen Mitarbeiterpool bilden. In Zeiten hoher Auslastung einzelner Krankenhäuser könnten diese dann auf Mitarbeiter der anderen Häuser zurückgreifen.

Gröhe will Zahl der Krankenhausbetten reduzieren
Über die richtige Zahl der Krankenhausbetten wird in Deutschland seit langem diskutiert. Erst vor kurzem hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) erklärt, deren Anzahl reduzieren zu wollen. Denn trotz steigender Patientenzahlen seien im Jahres­durchschnitt nur 77 Prozent der Kapazitäten in den Kliniken ausgelastet. Das bedeute, dass von den rund 501.000 Klinikbetten etwa 113.000 leer stünden. Man müsse fragen, ob diese hohe Bettenzahl notwendig sei, um die Versorgung der Patienten sicher­zustellen.

Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, hatte dem Minister widersprochen: „Wer so den Statistik-Hammer schwingt, geht den falschen Weg.“ In Westfalen-Lippe seien die 58.000 Krankenhausbetten zu 76,3 Prozent ausgelastet, dies liege leicht unter dem statistischen Bundesdurchschnitt. Ohne die Einbeziehung der Sams- und Sonntage seien die Krankenhäuser aber zu 85 Prozent belegt. „Das ist schon eine ganz andere Hausnummer“, so Windhorst. Zudem müsse bei den Kapazitäts­planungen der Kliniken berücksichtigt werden, dass es in Notfällen wie etwa Grippewellen oder Norovirus-Epidemien zu einer nicht vorhersehbaren Beanspruchung der Kliniken kommen könne.

Und der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Alfred Dänzer, hatte erklärt, dass Jahresdurchschnittszahlen für die Bettenauslastung mit der Wirklichkeit in den Kliniken nur wenig zu tun hätten, weil sie Ferienzeiten, Wochenenden und jahreszeitliche Schwankungen nicht berücksichtigten. Zudem wies er darauf hin, dass die Kranken­häuser in den vergangenen zehn Jahren bereits 600.000 Betten abgebaut hätten. © fos/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 4. Mai 2014, 19:01

Luft nach oben oder Luft nach unten?

Für einen gestandenen Politiker und Mannsbild wie Bundesgesundheitsminister (BGM) Hermann Gröhe von der CDU ist mit seinem Mini-Haus-Etat von knapp 1,8 Cent pro Tag und Einwohner in Deutschland sicher noch reichlich "Luft nach oben". Insbesondere, wenn er mit seinem Ministerium mehr erreichen will, als das Verteilen von Hochglanz-Broschüren und das Erteilen guter Ratschläge.

Betrachtet man das Organigramm seines Gesundheitsministeriums, wird klar, warum der BGM immer so sach-, fach- und kenntnisfremd daherkommt: Keiner seiner Staatssekretäre und Abteilungsleiter sind oder waren gestandene Mediziner. Seine parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz hatte nach acht Jahren Studium der Politik- und Rechtswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen nicht mal einen akademischen Abschluss geschafft.

Wer jedoch in Klinik und Praxis jemals ärztlich tätig war, weiß, wie knapp die Luft nach oben ist und wie sehnlichst auf Luft nach unten mit Reserve- und Notfall-Kapazitäten von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewartet wird. Wer kennt nicht die Probleme mit "last minute"-Patientinnen und Patienten, kennt die Schwierigkeiten mit "just-n o t-in-time"-Notfällen und die schwierige Jonglage zwischen Aufnahme,- Pflege-, Funktions- und Interventions-Bereichen im Wettstreit zwischen Realität und Rentabilität, Kapazität, Kompetenz, State-of the-Art, Leitlinienversorgung und gelebter Versorgungswirklichkeit.

Und mitten in den eklatanten Widerspruch zwischen medizin-ethisch gerade noch verantwortbarer Versogungsrealität mit Not- bzw. Flurbetten, Selbstausbeutung bei Helfer-Syndromen in Pflege- und Versorgungsbereichen in Klinik und Praxis oder gar "Burn-Out-Syndrom", platzt das Studienergebnis: "Liegt die Bettenauslastung über 90 Prozent, wird es für alle Patienten gefährlich", so der Professor für Health-Care Management, Ludwig Kuntz, von der Kölner Universität.

Ärztinnen und Ärzte, auch mit geringer Berufspraxis, wissen, dass die überfüllte Notaufnahme, das dazu geschobene Bett, die Notoperation oder der unvorhersehbare Reanimationsfall mit CPR die Fehlerquote allein durch Mehrbelastung, die Unmöglichkeit von grenzenlosem "Multitasking" und den Mangel an rekreativen Möglichkeiten des Personals anschwellen lässt. In Haus-, Fach- und Spezial-Arztpraxen sind Fehler und Ausfallquoten bei Urlaubsvertretungen und unvorhersehbaren Erkrankungen der Nachbarkollegen, bei eigener, selbst therapierter Erkrankung und konditioneller bzw. konstitutioneller Schwächung im Hamsterrad von Rentabilität und Innovationsgeschwindigkeit vorprogrammiert.

Und dann kommt ein ebenso empathie-, schwingungs- und ahnungsloser BGM daher, der sowieso von abgebrochenen Lehrern, Juristen, WISOWI-Absolventen und Studienabbrechern dirigiert wird, und will uns, die wir in der realen stationär-ambulanten Versorgungswelt stehen, etwas von Bettenüberkapazitäten und -abbau erzählen? Dass die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland reduziert werden müssten? Dass trotz steigender Patientenzahlen im Jahresdurchschnitt nur 77 Prozent der Kapazitäten in den Kliniken ausgelastet seien? Dass von den rund 501.000 Klinikbetten etwa 113.000 leer stünden?

Mein konkreter Vorschlag zur Güte: Der BGM besucht alle von ihm herbeigezauberten 113.000 leer stehenden Betten, begrüßt die darin n i c h t liegenden Patienten mit einem infektiologisch bereits beängstigenden Handschlag und wünscht ihnen von ganzem Herzen gute Besserung für Krankheiten, die sie n i c h t haben. In einer anschließenden Pressekonferenz verurteilt er dann ebenso pauschal wie entrüstet d i e Ärzte, die ständig versuchen würden. nicht vorhandene Patienten mit nicht vorhandenen Erkrankungen und nicht erforderlichen Leistungen, unnützen Eingriffen und wirkungslos-teuren, innovativen Medikamenten zu traktieren. Dann wären doch alle Beteiligten zufrieden, oder etwa nicht?

Mf+kG, Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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