Medizin

Studie: Stillen schützt vor Typ 2-Diabetes

Montag, 5. Mai 2014

Potsdam – Stillen kann nach einer Schwangerschaft eine dauerhafte Gewichtszunahme verhindern und die Stoffwechsellage verbessern. Beides erklärte in einer prospektiven Kohortenstudie in Diabetologia (2014; doi 10.1007/s00125-014-3247-3), warum stillende Mütter später seltener an einem Typ 2-Diabetes erkranken.

Für den Stoffwechsel der Mutter endet die Schwangerschaft nicht mit der Geburt des Kindes, sondern nach dem Abstillen. Eine jüngst von US-Forschern aufgestellte „Reset“-Hypothese sieht das Stillen als eine Übergangsphase, in der sich der weibliche Organismus wieder daran gewöhnt, nicht mehr „für zwei“ zuständig zu sein. Viele Frauen zehren während der Stillzeit – bei der sie beim vollen Stillen fast 500 Kilokalorien pro Tag extra benötigen – von Fettreserven, die sie beispielsweise an den Oberschenkeln angelegt haben.

Anzeige

Das Stillen könnte es deshalb den Frauen erleichtern, nach der Schwangerschaft ihr früheres Gewicht wieder zu erlangen. Neben diesem Effekt auf den Body-Mass-Index (der in epidemiologischen Studien nicht immer nachweisbar war) könnte sich das Stillen auch auf den Energiestoffwechsel günstig auswirken, wie ein Team um Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke in einer Auswertung der Potsdamer Kohorte der Prospective Investigation into Cancer and Nutrition“ oder EPIC-Studie herausgefunden hat.

Die Studie basiert auf den Daten von 1.262 Müttern, die mit Fragebögen zur Stilldauer und zum Lebensstil befragt worden waren. Die Forscher hatten auch die Körpermaße der Studienteilnehmerinnen ermittelt und in Blutproben verschiedene Biomarker zu Stoffwechsel und Entzündungsprozessen im Körper bestimmt.

Die Auswertung ergab, dass Frauen, die ihr Kind nach der Geburt mindestens 6 Monate gestillt hatten, zu fast 40 Prozent seltener an einem Typ-2-Diabetes erkrankten (Hazard Ratio 0,62; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,43-0,88). Teilweise war dies auf den erhöhten Body-Mass-Index zurückzuführen. Doch auch nach Berücksichtigung dieses Faktors (und einer Reihe anderer Faktoren) erkrankten Frauen, die ihre Kinder gestillt hatten zu 23 Prozent seltener an einem Typ 2-Diabetes (Hazard Ratio 0,77; 0,47-1,25).

Dieser Effekt konnte in einer weiteren Analyse auf Biomarker des Energie- und Fett­stoffwechsels zurückgeführt werden. So hatten Frauen, die lange gestillt haben, im Schnitt niedrigere Blutfettwerte und höhere Adiponectin-Spiegel. Adiponectin ist ein vom Fettgewebe freigesetztes Hormon, das sich günstig auf den Fett- und Zuckerstoffwechsel auswirkt, indem es beispielsweise die Insulinempfindlichkeit der Körperzellen verbessert. Eine gestörte Insulinempfindlichkeit, die Insulinresistenz, gilt als wesentliche Ursache für den Typ 2-Diabetes.

Die Studie liefert deshalb eine biologisch plausible Erklärung für das erhöhte Diabetesrisiko, das in einer anderen Analyse abhängig von der Dauer des Stillens war. Diese „Dosis-Wirkungsbeziehung" ist in epidemiologischen Studien ein Hinweis darauf, dass die gefundene Assoziation kausal ist.

Ähnliche Effekte waren zuvor bereits in den beiden amerikanischen „Nurses’ Health Studies“ und in der chinesischen Shanghai „Women’s Health“ Kohorten aufgefallen. In einer gemeinsamen Auswertung aller vier Studien ermittelt Schulze erneut eine protektive Wirkung: Frauen, die während ihres Lebens über 6 bis 11 Monate gestillt hatten, erkrankten zu 11 Prozent seltener an einem Typ 2-Diabetes (Hazard Ratio 0,89; 0,82-0,97). © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

26.08.16
Diabetes Typ 1-Früherkennung: Sachsen startet bundesweites Angebot für Neugeborene
Dresden - Nach der Früherkennungsstudie in Bayern namens „Fr1da“, folgt Sachsen mit einem bundesweiten Screening auf Diabetes Typ 1 für Neugeborene: Freder1k. Im Gegensatz zu der bayerischen Studie......
25.08.16
Diabetes: Zahl der Sehstörungen und Erblindungen ist weltweit gestiegen
Cambridge - Die Zahl der Menschen, die aufgrund einer Diabetes-Erkrankung schwere Sehstörungen entwickeln oder sogar erblinden, hat weltweit stark zugenommen. Dies zeigt eine Analyse der Global Burden......
24.08.16
Typ-2-Diabetes: Studie stellt Blutdruckziele infrage
Göteborg – Menschen mit Typ-2-Diabetes erleiden seltener einen Herzinfarkt oder andere Herz-Kreislauf-Ereignisse, wenn ihr systolischer Blutdruck unter 120 mm Hg liegt. Dies zeigt die Auswertung des......
24.08.16
Ärzte fordern gesetzliche Maßnahmen gegen überzuckerte Lebensmittel
Berlin – Ärzte verschiedener Fachrichtungen haben Konsequenzen aus der jüngsten Untersuchung der Verbraucherorganisation Foodwatch gefordert. Laut dieser heute erschienenen Marktstudie enthalten 59......
22.08.16
Pädiatrie: Häufige Antibiotika-Behand­lungen fördern Typ 1-Diabetes bei Mäusen
New York – Eine wiederholte kurzzeitige Behandlung mit Antibiotika, wie sie in vielen Ländern Kinder in den ersten Lebensjahren erfahren, hat in einem Mäusemodell des Typ 1-Diabetes in Nature......
21.08.16
Künstliches Pankreas verbessert Blutzuckerkontrolle in der Schwangerschaft
Cambridge – Ein sogenanntes „Closed-Loop“-System, das die Insulindosis regelmäßig an den aktuellen Blutzuckerwert anpasst, hat in einer randomisierten Studie im New England Journal of Medicine (2016;......
19.08.16
Niedersachsen soll Muttermilchbank erhalten
Hannover – Niedersachsen soll als drittes westdeutsches Bundesland eine Muttermilchbank erhalten. Nach der ersten Lesung im Landtag zeichnete sich ein parteiübergreifendes Bündnis für einen......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige