Ärzteschaft

„Viele Patienten werden von schmerzmedizinischen Angeboten nicht erreicht“

Donnerstag, 22. Mai 2014

Köln - Der 117. Deutsche Ärztetag in Düsseldorf wird sich intensiv mit der Versorgung schmerzkranker Menschen befassen. Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK), erläutert unter anderem, warum die BÄK das Thema „Schmerzmedizinische Versorgung stärken“ auf die Tagesordnung gesetzt hat.

5 Fragen an Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen

DÄ: Frau Dr. Wenker, warum hat die Bundesärzte­kammer das Thema „Schmerzmedizinische Versorgung stärken“ auf die Tagesordnung des diesjährigen Deutschen Ärztetages gesetzt?
Wenker: Schmerzen, insbesondere chronische Schmerzen, gehören zu den großen Gesundheits­problemen in Deutschland. Circa sieben Prozent der Erwachsenen geben starke und im Alltag beeinträchtigende chronische Schmerzen an, welche nicht nur erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben, sondern auch volkswirtschaftlich relevant sind.

Die aufgrund von Arbeitsunfähigkeitszeiten und Frühberentungen auf dem Boden chronischer Schmerzen anfallenden Gesamtkosten werden auf mehr als 20 Milliarden Euro jährlich geschätzt. In den letzten Jahren sind durch Verbesserungen der Strukturen zur Versorgung von Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen bereits spürbare Erfolge erzielt worden.

Schmerzmedizin ist  als Pflichtlehr- und Prüfungsfach in der Approbationsordnung verankert, im Jahr 2012 verfügten 4.686 Fachärzte über die Zusatzweiterbildung Spezielle Schmerztherapie, 1.043 Ärzte nahmen an der schmerztherapeutischen Versorgung nach §135 Abs. 2 SGB V teil. Allerdings werden immer noch viele Patienten von den schmerztherapeutischen Angeboten nicht erreicht, es vergehen oft mehrere Jahre von der richtigen Diagnose bis zum adäquaten Behandlungsansatz.

Jeder Patient hat das Recht auf eine hochwertige medizinische Versorgung, dazu gehört eine dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechende Prävention und Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen. Mit dem Tagesordnungspunkt „Schmerzme­dizinische Versorgung stärken“ wird konkreter Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen aufgezeigt.

DÄ: Wie sehen Sie die Schmerztherapie in den Kliniken? Brauchen wir eine adäquate Versorgungsstruktur für chronisch schmerzkranke Patienten, und wie lässt sich die Akutschmerztherapie in den Kliniken stärken?
Wenker: Nationale Benchmark-Projekte haben gezeigt, dass eine adäquate Akut­schmerztherapie für Patienten im Krankenhaus machbar ist. Es braucht klare Absprachen und interdisziplinäre sowie insbesondere interprofessionelle Zusammen­arbeit, damit dieses Ziel erreicht wird. Während unzureichend behandelte Schmerzen mit einem erhöhten Risiko für eine Chronifizierung, einer erhöhten Morbidität und steigen­den Behandlungskosten einhergehen, führt eine adäquate Akutschmerztherapie zu einer Verkürzung der Krankenhausverweildauer und zu Einsparungen im Gesundheitssystem.

Derzeit ist es häufig einzelnen engagierten Ärzten und Pflegekräften sowie verant­wortungs­bewussten Klinikträgern vorbehalten, die notwendigen schmerzmedizinischen Strukturen zu schaffen und zu unterhalten. Die Implementierung eines strukturierten Akutschmerzmanagements in die QM-Systeme der Krankenhäuser mit einem fächerübergreifenden Qualitätsindikator „Schmerz" stellen die Grundlage einer dauerhaften Verbesserung der schmerzmedizinischen Versorgung im Krankenhaus dar.

Für chronisch schmerzkranke Patienten ist in der Regel der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Ihm kommt zunächst die Aufgabe zu, das Leitsymptom „akuter Schmerz“ vom chronischen Schmerz abzugrenzen und eine weitere Diagnostik und Differenzialdiagnostik einzuleiten. Des Weiteren ist es seine Aufgabe, einen Therapieplan zu erstellen und erste therapeutische Maßnahmen zu ergreifen.

Unter hausärztlicher Koordination erfolgt im Sinne einer gestuften Versorgung die Hinzuziehung weiterer fachärztlicher Expertise bis hin zu spezialisierten schmerz­therapeutischen Einrichtungen mit einem interdisziplinären und multiprofessionellen Behandlungsteam. Damit obliegen dem Hausarzt die Koordinationsfunktion in enger, vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Fachärzten sowie die federführende Koordinierung zwischen den Versorgungsebenen. Dies setzt die flächendeckende Bildung regionaler Netzwerke über alle Versorgungsebenen sowie die Umsetzung integrierter Versorgungsprogramme voraus.

DÄ: Halten Sie die schmerzmedizinische Versorgung in der Palliativmedizin für ausreichend, oder sehen Sie da noch Verbesserungsbedarf?
Wenker: Die schmerzmedizinische Versorgung in der Palliativmedizin bedarf in besonderem Maße einer umfangreichen und jederzeit verfügbaren Behandlung im multiprofessionellen und interdisziplinären Team, da insbesondere der Tumorschmerz  multifaktoriell bedingt ist und neben der körperlichen stets auch eine emotionale, soziale und spirituelle Dimension aufweist.

Zudem wird die Schmerztherapie im fortgeschrittenen palliativen Stadium häufig durch Funktionseinschränkungen anderer Organe, zunehmende körperliche Schwäche und Vigilanzstörungen kompliziert. Die schmerzmedizinische Versorgung in der Palliativmedizin erfordert für alle betroffenen Patienten niedrigschwellig verfügbare problem- und bedürfnisorientierte Konzepte. Verbesserungsbedarf besteht vor allem im konsequenten flächendeckenden Ausbau ambulanter und stationärer schmerzmedizinischer Versorgungsstrukturen, analog zum weiteren Ausbau palliativmedizinischer Versorgungsstrukturen entsprechend der Forderung des 114. Deutschen Ärztetages 2011.

DÄ: Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin plädiert für die Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin. Halten Sie das ebenfalls für sinnvoll?
Wenker: Jeder klinisch tätige Arzt muss mit den schmerzmedizinischen Problemen seiner Patienten vertraut sein. Eine systematische Berücksichtigung schmerzmedizinischer Kompetenz mit Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in der allgemeinen Schmerzmedizin unter Berücksichtigung gebietsspezifischer Ausprägungen ist bereits seit 2003 in der (Muster-)Weiterbildungsordnung in allen patientenversorgenden Fachgebieten verankert.

Zielführender als die Einführung eines neuen Facharzttitels ist die konsequente Weiterentwicklung der schmerzmedizinischen Kompetenz sowohl in den allgemeinen Inhalten als auch in der Zusatzweiterbildung Spezielle Schmerztherapie in allen patientenversorgenden Fachgebieten im Rahmen der Novellierung der (Muster-)Weiterbildungsordnung sowie die Schaffung von Strukturen, die es den in der Schmerzmedizin tätigen Fachgruppen ermöglicht, eine abgestufte und nachhaltige Schmerztherapie anzubieten. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Berücksichtigung schmerztherapeutischer Einrichtungen mit definierten Strukturmerkmalen in den Bedarfsplänen der Landesvertragspartner nach § 99 SGB V sowie abgestufte Versorgungsangebote in ambulanten, tagesstationären und stationären schmerztherapeutischen Einrichtungen.

DÄ: Wie sollten sich andere im Gesundheitswesen tätige Fachgruppen, wie Apotheker und Physiotherapeuten, schmerzmedizinisch fortbilden? Wie stellen Sie sich eine optimale Zusammenarbeit zwischen Ärzten und den medizinischen Fachberufen vor?
Wenker: Moderne Schmerzmedizin erfordert die flächendeckende Bildung regionaler Netzwerke über alle Versorgungsebenen, den Aufbau interdisziplinärer und multiprofessioneller Teams sowie die Umsetzung integrierter Versorgungsprogramme. Gemeinsame interprofessionelle Fortbildungen zu aktuellen Themen schmerzme­dizinischer Diagnostik und Therapie fördert die fachliche Kompetenz der beteiligten Fachgruppen. Für einige Fachgruppen existieren bereits schmerzmedizinische Weiterbildungscurricula, wie zum Beispiel die algesiologische Fachassistenz für die Pflege oder die spezielle Schmerzphysiotherapie, andere sind in Vorbereitung.

Beispielhaft für eine optimale Zusammenarbeit zwischen Ärzten und medizinischen Fachberufen wie zum Beispiel Physiotherapeuten, Pflegenden und Ergotherapeuten sind multimodale schmerztherapeutische Verfahren, die sich insbesondere in der Behandlung des Rückenschmerzes als sehr erfolgreich erwiesen haben.

© Kli/aerzteblatt.de

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DöringDöring
am Dienstag, 11. August 2015, 23:33

„Schmerzmedizinische Versorgung

Warum kann ein Hausarzt einen Patienten nicht schmerzmedizinisch gut versorgen?? Hier geht es in erster Linie wieder nur um die Einführung einer neuen Subdisziplin und neue Abrechnungsziffern, die man nur anwenden darf, wenn man wieder einige teure zeitintensive Kurse absolviert hat.
Dieter Döring
Facharzt für Allgemeinmedizin
Haus - Horl - Str. 73
45357 Essen

DöringDöring
am Dienstag, 11. August 2015, 23:33

„Schmerzmedizinische Versorgung

Warum kann ein Hausarzt einen Patienten nicht schmerzmedizinisch gut versorgen?? Hier geht es in erster Linie wieder nur um die Einführung einer neuen Subdisziplin und neue Abrechnungsziffern, die man nur anwenden darf, wenn man wieder einige teure zeitintensive Kurse absolviert hat.
Dieter Döring
Facharzt für Allgemeinmedizin
Haus - Horl - Str. 73
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