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Optimale Gesundheits­versorgung kann bei der Resozialisierung von Straftätern helfen

Dienstag, 10. Juni 2014

Berlin –  Eine Resozialisierung von Straftätern kann nur mit einer optimalen medizi­nischen Versorgung während und nach der Haft gelingen, waren die Herausgeber des heute in Berlin vorgestellten Buches „Gesundheit und Haft – Handbuch für Justiz, Medizin, Psychologie und Sozialrbeit“ überzeugt. „Da der überwiegende Teil der Insassen nach der Haft wieder in Freiheit kommt, ist die Gesundheitsversorgung sehr relevant“, betonte Marc Lehmann, leitender Medizinaldirektor in Berlin und Mitherausgeber. So sei eine erfolgreich behandelte Infektionskrankheit eben nicht mehr ansteckend. Eine erfolgreich behandelte Suchterkrankung sowie die Behandlung von seelischen Erkran­kungen und psychischen Störungen würden ebenfalls das Risiko für weitere Straftaten reduzieren.

Die Mehrheit der etwa 60.000 Gefangenen in Deutschland ist krank. „Etwa 45 Prozent der Häftlinge haben ein Suchtproblem und bis zu 95 Prozent leiden unter seelischen Störungen“, sagte Lehmann. Die Abhängigkeit von intravenös injizierten Drogen und der ungeschützte Sexualkontakte seien die Hauptgründe für eine hohe Zahl an Infektions­erkrankungen. Die Prävalenz für eine Hepatitis-C-Infektion ist im Gefängnis etwa 30 Mal höher als in der Normalbevölkerung, für HIV etwa 20 Mal höher.

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Moralisches Recht auf eine Gesundheitsversorgung nach aktuellem Stand der Wissenschaft
Neben präventiven Maßnahmen, wie beispielsweise die Verteilung von Kondomen und Gleitgel, sei die Substitutionstherapie sehr wichtig, erklärte Heike Drees, Fachreferentin für Suchthilfe, HIV/AIDS und Gesundheit beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin und Mitherausgeberin des Buchs. Bisher werde allerdings inhaftierten Drogen­abhängigen nicht in allen Gefängnissen bei Vorliegen der Indikation die Teilnahme an Substitutionsprogrammen ermöglicht. Im Saarland sei die Substitution im geschlossenen Vollzug komplett verboten. Eine umfassende Datenlage über die Substitution in Haft existiert offenbar nicht.

Mit dem Wissen, dass viele Krankheiten in Haft viel häufiger vorkommen als in der Normalbevölkerung, müsste es darum gehen, den Betroffenen eine angemessene medizinische Versorgung zukommen zu lassen, appellierte Lehmann. Die Gefangenen hätten ein moralisches und gesetzlich verbrieftes Recht auf eine Gesundheitsversorgung nach aktuellem Stad der Wissenschaft. In Deutschland gilt das Äquivalenz-Prinzip, nach dem der inhaftierte Patient eine gleichwertige Behandlung bekommt, wie sie außerhalb des Gefängnisses möglich ist. Marcus Behrens, Diplompsychologe aus Berlin, forderte zudem eine Öffnung der Vollzugsanstalten für Kooperationen mit Vereinen und Initiativen der Zivilgesellschaft.

Versorgungslücke nach Haftentlassung
Die größten Sorgen bereitet den Experten aber die Kontinuität der Gesundheits­versorgung nach der Haft. So werde mit der Entlassung die Behandlung häufig unter- oder sogar vollständig abgebrochen. Denn bei der Versorgung von Gefängnisinsassen wechselt jeweils mit Haftantritt und Haftende die Zuständigkeit zwischen Leistungsträgern und Versorgungseinrichtungen. Sobald ein Gefangener in Haft aufgenommen wird, ist die Vollzugsbehörde für die ordnungsgemäße medizinische Versorgung zuständig. Nach der Entlassung müssten sich die ehemaligen Häftlinge bei der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung versichern, was in vielen Fällen nicht geschieht.

Drees forderte deshalb, Häftlinge nicht nur bei der Beschaffung einer Wohnung, sondern auch bei Sicherstellung einer kontinuierlichen medizinischen Versorgung zu unterstützen, und zwar systematischer, als es bis jetzt der Fall sei. Denn nur durch eine systematische und grundsätzliche Problemlösung mit übergreifenden Fall-Zuständigkeiten könne Abhilfe geschaffen werden, waren sich alle Experten einig.  

Im vorgestellten Buch „Gesundheit und Haft“ werden in rund 40 Artikeln die Ressourcen und Schwächen im System analysiert und Lösungsansätze sowie Good-Practice-Beispiele vorgestellt. © ank/aerzteblatt.de

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