Medizin

Alopecia universalis: Rheuma-Medikament lässt Haare wieder wachsen

Freitag, 20. Juni 2014

New Haven – Der JAK-Inhibitor Tofacitinib, der in den USA (nicht aber in Europa) zur Behandlung der Rheumatoiden Arthritis zugelassen ist, hat einem Patienten mit Alopecia universalis unverhofft zu einem neuen Haarkleid verholfen, was die Dermatologen im Journal of Investigative Dermatology (2014; doi: 10.1038/jid.2014.260) auf die immunsupprimierende Wirkung des Wirkstoffs zurückführen.

Der 25 Jahre alte Mann war als Kind an einer Alopecia areata erkrankt, die sich bis zum 18. Lebensjahr auf die gesamte Haut ausdehnte. Nach und nach waren ihm alle Haare des Körpers, einschließlich der Augenbrauen und der Wimpern ausgefallen. Nur auf den psoriatischen Läsionen auf der ansonsten blanken Schädeldecke wuchsen vereinzelt Haare. Die Psoriasis hatte sich bei dem Patienten trotz verschiedener Therapien, einschließlich der Gabe von Adalimumab, ausgebreitet. Die behandelnden Ärzte um Brett King von der Yale University School of Medicine in New Haven/Connecticut hatten sich daraufhin für einen Behandlungsversuch mit Tofacitinib entschieden.

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Tofacitinib ist der erste Vertreter aus der Wirkstoffklasse der Januskinase- oder JAK-Inhibitoren, die zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen entwickelt werden. In den USA wurde es im November 2012 zur Behandlung der Rheumatoiden Arthritis zugelassen. Die europäische Arzneimittelagentur EMA zeigte sich dagegen im April 2013 nicht überzeugt von den Vorteilen, denen in klinischen Studien eine erhöhte Rate von Lymphomen gegenüberstand. In Europa ist das Mittel nicht verfügbar.

Das Mittel wird in den USA off-label auch bei der Psoriasis eingesetzt. Auch die Dermatologen der Yale Universität erwogen einen Einsatz bei ihrem Patienten. Dabei spielten die Ergebnisse von tierexperimentellen Studien eine Rolle, in denen JAK-Inhibitoren auch eine Wirksamkeit bei der Alopecia areata gezeigt hatten. Der kreisrunde Haarausfall wird heute zu den Autoimmunerkrankungen gezählt und der Einsatz von JAK—Inhibitoren könnte deshalb zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Genau dies ist ihnen gelungen. Nach zwei Monaten Behandlung mit zweimal täglich 5 mg Tofacitinib besserte sich langsam die Psoriasis auf der Kopfhaut, wo teilweise die Haare zu sprießen begannen. Die Dermatologen erhöhten daraufhin die morgendliche Dosis von 5 auf 10 mg. Nach drei Monaten hatte sich das Haarwachstum auf dem Kopf komplett erholt. Auch die Augenbrauen und Wimpern entwickelten sich langsam und der Mann bekam wieder Haare in den Achseln und im Schambereich. Nach acht Monaten hatte er sich komplett von der Alopecia areata erholt (außer an Armen und Beinen, wo der blonde Mann auch vor der Erkrankung nur wenige Haare hatte). Auch die Psoriasis besserte sich, heilte jedoch nicht komplett ab.

Der Patient habe das Medikament bisher ohne Nebenwirkungen ertragen, berichtet Kind. Auch die Laborwerte, einschließlich der Leber würden keine Auffälligkeiten zeigen. Dass dies so bleibt, ist allerdings keineswegs gewiss, wie die Erfahrungen mit Tofacitinib bei der Rheumatoiden Arthritis zeigen.

Der Hersteller veröffentlichte dieser Tage im New England Journal of Medicine (2014; 370: 2377-86) die Ergebnisse der ORAL Start-Studie, die an 958 Patienten die Wirksamkeit von Tofacitinib (zweimal täglich 5 oder 10 mg) mit Methotrexat verglichen hat. Der JAK-Inhibtor war hier dem Standardmedikament überlegen: Unter der niedrigen Dosierung von Tofacitinib erreichten 25,5 Prozent und unter der höheren Dosierung 37,7 Prozent einen Rückgang der Erkrankungsaktivität um 70 Prozent (nach den allgemein akzeptierten Kriterien des American College of Rheumatology, ACR 709). Unter der Methotrexatbehandlung betrug die ACR-70-Responderrate dagegen nur 12,0 Prozent.

Die gute Wirkung war jedoch mit einem Krebsrisiko verbunden: Insgesamt fünf Patienten erkrankten an einem Malignom. Darunter waren drei Lymphome. Zwei Patienten starben an Non-Hodgkin-Lymphom und Darmkrebs. Auch Patienten mit Rheumatoider Arthritis dürfte vor diesem Hintergrund die Entscheidung zur Therapie schwer fallen. Zur Behandlung von Haarausfall dürfte Tofacitinib sicherlich nur in Ausnahmefällen infrage kommen, © rme/aerzteblatt.de

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