Medizin

Typ 2-Diabetes: Studie sieht negative Nutzen-Risiko-Bilanz im Alter

Dienstag, 1. Juli 2014

Ann Arbor – Die Nachteile einer blutzuckersenkenden Therapie auf die Lebensqualität stellen bei Typ 2-Diabetikern den Nutzen durch die Vermeidung von Spätkomplikationen mit zunehmendem Alter infrage. Zu diesem Ergebnis kommt eine Markov-Simulation in JAMA Internal Medicine (2014; doi: 10.1001/jamainternmed.2014.2894).

Die Forscher legen ihren Berechnungen sogenannte Utility-Angaben zugrunde, die Nutzen und Nachteile durch ihren Einfluss auf die Lebensjahre in guter Lebensqualität (QALY) bewerten und damit vergleichbar machen. Der Verlust an Lebensqualität durch einen Typ 2-Diabetes kann sehr hoch sein, wenn es beispielsweise aufgrund einer Retinopathie zu einer Erblindung kommt (minus 0,31 QALY).

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Aber auch die Notwendigkeit Insulin zu spritzen, erleben die meisten Patienten als qualvoll (minus 0,02-0,12 QALY). Hinzu kommen die Nachteile durch eine Gewichts­zunahme unter der Therapie mit Sulfonylharnstoffen oder Thiazolidinedionen (minus 0,04 QALY). Auch gastrointestinale Nebenwirkungen von Metformin werden mit minus 0,04 QALY bewertet. Bereits die Notwendigkeit, täglich Tabletten einnehmen zu müssen, stört manche Patienten (minus 0,001 QALY oder einem verlorenen Tag in guter Lebens­qualität alle drei Jahre). Diese Nachteile, die viele Patienten erleiden müssen, können größer sein als die Vorteile durch Vermeidung von Spätkomplikationen, die nur einer geringeren Zahl von Patienten erspart bleiben.

Dies trifft nach den Berechnungen von Sandeep Vijan von der University von Michigan in Ann Arbor und Mitarbeitern beispielsweise auf Patienten zu, die im Alter von 75 Jahren mit einer Therapie beginnen. Hier ist die Aussicht, Spätkomplikationen wie Nierenver­sagen, Erblindung, Amputation oder Herzinfarkt zu vermeiden so gering, dass bereits eine Bewertung der Therapienachteile mit 0,025 QALY zu einer negativen Gesamtbilanz führt. Wenn das Ziel bei einem 75-jährigen Patienten darin besteht, den HbA1c-Wert von 7,5 auf 6,5 Prozent zu senken, stellt bereits eine „Disutility“ von 0,01 QALY den Sinn der Therapie infrage.

Die Art der Therapie spielt eine Rolle. In einem „repräsentativen Szenario“ fällt die Bewertung einer Therapie mit Metformin (unter der Voraussetzung, dass der HbA1c-Wert von 8,5 auf 7,0 Prozent gesenkt wird) in allen Altersgruppen positiv aus, da die Therapie nicht zur Gewichtszunahme führt und das Risiko einer Hypoglykämie gering ist. Vijan errechnet einen Gewinn von 0,148 QALY für den 75 jährigen Patienten und einen Gewinn von 1,2 QALY für den 45-jährigen Typ 2-Diabetiker, der die Therapie mit Metformin beginnt.

Wesentlich ungünstiger wird die Bilanz, wenn zehn Jahre später ein Wechsel auf Insulin erfolgt, weil der HbA1c-Wert wieder auf 8,5 Prozent angestiegen ist. Vijan kommt hier in allen Gruppen zu einer negativen Bewertung der Therapie, weil die Chance, eine Spätkomplikation zu vermeiden, mit zunehmendem Alter sinkt und die Therapie mit zunehmender Krankheitsdauer immer weniger in der Lage ist, den HbA1c-Wert zu senken.

Vijan rät den Ärzten aufgrund der Ergebnisse, bei jedem Patienten Vor- und Nachteile der Therapie sorgfältig gegeneinander abzuwägen und die Therapie nicht allein auf die HbA1c-Werte auszurichten. Dieser Ansicht schloss sich auch die britische Stiftung Diabetes UK an, die in einer Stellungnahme meinte, dass es keinen Pauschalansatz in der Therapie des Typ 2-Diabetes gebe und jeder Patient einzeln betrachtet werden müsste. © rme/aerzteblatt.de

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