Medizin

Übergewicht und Adipositas erhöhen Risiko auf zehn Krebsarten

Freitag, 15. August 2014

London – Übergewicht oder Adipositas sind unter britischen Hausarzt-Patienten mit einer erhöhten Rate an zehn Krebserkrankungen verbunden. Dies ergab eine prospektive Kohortenstudie im Lancet (2014; doi: 10.1016/S0140-6736(14)60892-8).

Die Clinical Practice Research Datalink (CPRD) umfasst medizinische Daten von etwa 9 Prozent der britischen Bevölkerung, die einer Verwendung ihrer Daten zu Forschungs­zwecken zugestimmt haben und deren Hausärzte (GPs) eine spezielle Praxissoftware benutzen. Das CPRD speichert nicht nur Diagnosen, Testergebnisse und Behandlungen. Die GPs werden auch gebeten, einige anthropomorphische Daten einzugeben, darunter Körpergröße und Gewicht, aus denen sich der BMI errechnen lässt.

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Die Hausärzte sind hier allerdings nicht immer gewissenhaft: Von den 10,04 Millionen Hausarztpatienten im Alter über 16 Jahre war nur für 6,19 Millionen der BMI registriert. Andere Unklarheiten verringerten die Datenmenge, die Krishnan Bhaskaran von der  London School of Hygiene & Tropical Medicine auswerten konnte, auf 5,24 Millionen Patienten, also etwa die Hälfte. Dies stellt eine Einschränkung der Aussagekraft dar. Eine Verzerrung ist durch einen Selektions-Bias denkbar.

Er könnte sich schnell ergeben, wenn die GPs den erhöhten BMI bevorzugt bei multimor­biden Patienten notieren (was gut vorstellbar ist). Eine weitere Schwäche ist das Fehlen histologischer Angaben bei den Krebsdiagnosen. Dadurch könnten Assoziationen übersehen werden. So ist beim Adenokarzinom der Speiseröhre eine Assoziation mit dem BMI bekannt, während am Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre eine inverse Assoziation besteht.

Alkohol und Tabak als wesentliche Ursachen des Plattenepithelkarzinoms senken das Körpergewicht. Dies weist auf eine weitere Schwäche der Untersuchung hin: Eine positive Assoziation mit dem BMI muss nicht bedeuten, dass die Fettleibigkeit die Ursache ist. Es könnte ein unbeteiligter Begleitfaktor sein. Schließlich sind die Angaben zu den Risikofaktoren lückenhaft.

Die GPs geben zwar im CPRD an, ob die Patienten rauchen, aber nicht wie viele Zigaretten es täglich sind. Es fehlen zudem detaillierte Angaben zum Alkoholkonsum (einem bekannten Risikofaktor für Krebs) und bei Frauen zur Zahl der Kinder und dem Alter bei der Geburt (die sich auf die Häufigkeit gynäkologischer Tumore auswirken). Eine weitere Lücke ist die fehlende Kenntnis von Infektionen, etwa zu Hepatitis B oder C, den wichtigsten Auslösern von Leberkrebs.

Aus statistischer Sicht sind die Ergebnisse jedoch eindeutig. Mit jeder Zunahme des BMI um 5 kg/m2 geht ein Anstieg von zehn Krebsarten einher. Die Hazard Ratios (in Klammern die 95-Prozent-Konfidenzintervalle) betrugen für Krebserkrankungen des Uterus 1,62 (1,56-1,69), der Gallenblase 1,31 (1,12-1,52), der Nieren 1,25 (1,17-1,33) der Leber 1,19 (1,12-1,27), des Kolon 1,10 (1,07-1,13), der Zervix 1,10 (1,03-1,17), der Schilddrüse 1,09 (1,00-1,19), der Ovarien 1,09 (1,04-1,14) der postmenopausalen Brust 1,05 (1,03-1,07), des Pankreas 1,05 (1,00-1,10), des Rektums 1,04 (1,00-1,08) und für die Leukämien 1,09 (1,05-1,13).

Sofern die Assoziationen kausal sind, könnten Übergewicht und Adipositas in Großbri­tannien für 2 Prozent (Schilddrüse) bis 41 Prozent (Uterus) aller Krebserkrankungen verantwortlich sein. Und mit jedem Anstieg des BMI um 1 kg/m2 in der Bevölkerung könnte die Zahl der jährlichen Krebserkrankungen in Großbritannien um 3.790 steigen. © rme/aerzteblatt.de

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Doro Maier
am Samstag, 16. August 2014, 10:48

Erhöhtes Krankheitsrisiko nach traumatischem Stress

Traumatischer Stress erhöht das Risiko für verschiedene Krankheiten. Darauf weist Professor Iris-Tatjana Kolassa von der Uni Ulm hin. "Das Risiko für ischämische Herzerkrankungen, Krebs, Schlaganfall und Diabetes steigt bekanntermaßen (...)." Traumaforscher konnten langfristige Auswirkungen traumatischer Belastungen (wie beispielsweise schwere Misshandlung und/oder sexueller Missbrauch in der Kindheit) bis hinab auf die Einzelzellebene nachweisen. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach mitverantwortlich für das erhöhte Krankheitsrisiko nach traumatischem Stress. (http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/article/840044/ptbs-traumatischer-stress-fuehrt-dna-schaeden.html)
Doro Maier
am Samstag, 16. August 2014, 10:38

Ursache oder Korrelation??

Eine Korrelation zwischen Übergewicht und bestimmten Krebsarten scheint angesichts dieser Zahlen wahrscheinlich. Doch bedeutet das auch, dass Übergewicht die Ursache für Krebs ist? Wir haben hier wieder eine Untersuchung, die zu wenig biografische Daten erhebt, und damit mögliche Ursachen von Übergewicht UND Krebs ausblendet.

Die so genannte ACE-Studie (ACE = Adverse Childhood Experiences, „negative Kindheitserfahrungen“), die an der Abteilung für Präventive Medizin des Kaiser Permanente Hospital in San Diego mit knapp 18.000 Mittelschichts-Amerikanern von den beiden Forschungskollegen Vincent J. Felitti und Robert F. Anda durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass ein starker Zusammenhang zwischen negativen Kindheitserlebnissen (Schläge, Missbrauch, Vernachlässigung, Miterleben von Gewalt gegen einen Elternteil, usw.) und der späteren Gesundheit besteht. Sie stellten fest, dass belastende Kindheitserlebnisse häufig sind und dass meist mehrere solcher belastenden Kindheitserlebnisse zusammen auftauchen: Nur ein Drittel der Studienteilnehmer berichtete überhaupt keine ACEs. Negative Erfahrungen in der Kindheit konnten direkt mit krank machendem Fehlverhalten und Erkrankungen im Erwachsenenalter in Verbindung gebracht werden. Je mehr ACE-Punkte (also Arten negativer Kindheitserfahrungen) eine Person berichtete, desto höher war ihr Risiko auf problematische Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum oder Essstörungen.

Und wer als Kind Misshandlungen und Missbrauch ausgesetzt war, hat als Erwachsener ein knapp 50 Prozent höheres Risiko für eine Krebserkrankung. Das Stresshormon Cortisol könnte dabei eine Rolle spielen. „Selbst wenn Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum und Mangel an körperlicher Aktivität als mögliche Einflussfaktoren ausgeschlossen wurden, blieb ein deutlicher Zusammenhang zwischen körperlicher Misshandlung in der Kindheit und einer Krebserkrankung im Erwachsenenalter bestehen“, verdeutlicht Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), die Ergebnisse einer entsprechenden Studie (http://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/misshandlung-in-der-kindheit-macht-anfaellig-fuer-krebserkrankung/).

Unser Medizinsystem krankt nach wie vor daran, dass wichtige (insbesondere negative) biografische Daten bei der Diagnostik unberücksichtigt bleiben. Das Resultat sind Fehlschlüsse, Missinterpretationen und zu häufig auch Falschbehandlungen mit entsprechend niedriger Erfolgsrate.
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