Ausland

„Die Krankenhäuser im Gaza-Streifen quellen über“

Freitag, 29. August 2014

Gaza-Stadt – Seit Beginn der israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen am 8. Juli sind in dem kleinen Gebiet knapp 2.000 Menschen ums Leben gekommen. Die israelische Regierung und die Armee berufen sich auf das Selbstverteidigungsrecht des Landes und verweisen auf Raketenbeschuss der islamischen Hamas-Organisation, die im Gaza-Streifen 2006 gewählt wurde. Wie in kaum einem anderen kriegerischen Konflikt geraten in dieser verfahrenen Situation derzeit erneut auch humanitäre Helfer und Ärzte zwischen die Fronten.

5 Fragen an Christopher Gunness, Sprecher des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) mit Sitz in Jerusalem.

DÄ: Herr Gunness, inwiefern beeinträchtigt der aktuelle Konflikt zwischen der israelischen Armee und den bewaffneten Kräften der Hamas im Gaza-Streifen die Arbeit von humanitären Helfen und Ärzten?
Gunness: Ich kann das am besten in Bezug auf das UNRWA selbst verdeutlichen. Seit Beginn des derzei­tigen Konflikts wurden elf unserer Mitarbeiter im Gaza-Streifen getötet. Wir verurteilen die Tötung von Aktivisten der humanitären Hilfe und fordern derzeit eine Untersuchung ihrer Todes­umstände. Und natürlich sind wir in Gedanken bei ihren Familien. Angesichts dieser Entwicklung gilt unsere Hochachtung den 13.000 UNRWA-Mitarbeitern in Gaza für ihren Einsatz und ihren Mut.

DÄ: Aber was bedeutet das für die medizinische Versorgung?
Gunness: Das Gesundheitssystem im Gaza-Streifen ist von jeher schwach. Nun muss es zusätzlich mit enormen Herausforderungen fertig werden. Im Verlauf der bisherigen Auseinandersetzungen sind rund 8.000 Menschen verletzt worden. Viele von ihnen haben schwere Verletzungen erlitten. Ein Drittel der Krankenhäuser, Kliniken zur Erstversorgung und 29 ambulante Rettungsstellen des Palästinensischen Roten Halbmondes sowie des Gesundheitsministeriums wurden durch die Kämpfe beschädigt. Mindestens fünf medizinische Mitarbeiter wurden dabei im Dienst getötet ...

DÄ: ... was in der internationalen Berichterstattung ja durchaus auch eine Rolle gespielt hat. Sind medizinische oder UN-Einrichtungen aber nicht rechtlich geschützte Räume?
Gunness: Dennoch sind in den vergangenen Wochen im mehreren Fällen Schutzräume der UNO im Gaza-Streifen unter Beschuss geraten. Dabei wurden Dutzende Binnen­flüchtlinge getötet oder verletzt. Nach dem Abkommen über Privilegien und Immunität der Vereinten Nationen vom 13. Februar 1946 haben wir die Koordinaten aller Schutzräume und UNRWA-Einrichtungen der israelischen Armee mehrfach übermittelt.

Nahost: Helfer unter Beschuss

Humanitäre Organisationen und Ärzte stehen im Gazastreifen großen Herausforderungen gegenüber. Oft geraten sie selbst ins Visier der israelischen Armee. Gut eineinhalb Monate nach Beginn der israelischen Militäroffensive gegen Ziele im Gazastreifen legen die örtlichen Gesundheitsbehörden und internationale Organisationen erschreckende Zahlen vor.

Während des Konflikts halten wir die israelische Armee über die Situation in den Schutzräumen und die Anzahl der vertriebenen Personen ständig auf dem Laufenden. Im Fall von drei getroffenen Schulen in Beit Hanoun, Jabalia und Rafah haben wir der israelischen Armee Dutzende Nachrichten zukommen lassen.

DÄ: Das heißt also, dass humanitäre Hilfe im Grunde nicht mehr uneingeschränkt möglich ist?
Gunness: Wie denn? Die Krankenhäuser im Gaza-Streifen quellen über, einige von ihnen wurden getroffen. Das Personal ist überarbeitet und traumatisiert. Vor allem aber muss die humanitäre Hilfe einzig und allein auf den Bedarf vor Ort ausgerichtet sein. Sie darf nicht von politischen Entwicklungen oder Forderungen abhängig gemacht werden. Jeder Versuch, humanitäre Hilfe an andere Bedingungen zu knüpfen als die Bedürfnisse der Empfänger, wird diese Menschen gefährden. Und ebenso humanitäre Helfer und Hilfseinsätze.

DÄ: Wie lautet also ihre Zwischenbilanz nach dem Beginn der israelischen Offensive am 8. Juli?
Gunness: Wir dürfen nicht wieder zum Status quo ante zurückkehren, zur Blocka­depolitik gegen den Gaza-Streifen. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hat mehrfach betont, dass dieser Konflikt an seinen Wurzeln gepackt werden muss. Das bedeutet ein Ende der Blockade, Öffnung aller Grenzen und ein ende jedweden Raketenbeschusses. © neu/aerzteblatt.de

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