Politik

Pflege-Studie: Demenz in Krankenhäusern immer größeres Problem

Freitag, 29. August 2014

Köln – Deutschlands Kliniken müssen umdenken. „Menschen mit Demenz sind keine Randerscheinung mehr im Krankenhaus“, heißt es in dem am Freitag in Köln veröffentlichten „Pflege-Thermometer“ des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip). Für die Zukunft muss mit einem weiteren Anstieg gerechnet werden: Lag der Anteil der über 75-jährigen stationär behandelten Patienten im Jahr 2000 noch bei 18 Prozent, so waren es 2012 bereits 25 Prozent. Doch die meisten Kliniken sind bisher nicht auf Demenzkranke eingestellt, wie die dip-Studie durch eine bundesweite Umfrage bei über 1.800 Stations- und Abteilungsleitungen ermittelte.

Dabei ist die Zahl der betroffenen Patienten in den 2.000 deutschen Kliniken schwer zu ermitteln: Wenn Senioren wegen eines Bruchs oder einer Herzerkrankung auf einer Station aufgenommen werden, ist Demenz meist nur eine nicht erfasste Nebendiagnose. „Vielfach werden Demenzerkrankungen erst während des Klinikaufenthaltes bemerkt“, analysiert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.

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Aufgrund der neuen Umfrage schätzt das dip jetzt, dass fast jeder vierte Patient (23 Prozent) an einer Demenz leidet. „Es gibt kaum Stationen, in denen im letzten Frühdienst keine Patienten mit einer Demenz betreut wurden.“

Personalmangel führt auch zu unnötiger Verabreichung von Schlafmedikamenten
Demenzkranke fühlen sich in der ungewohnten Umgebung oft orientierungslos und entwickeln Ängste. Sie versuchen, die Klinik zu verlassen, können bei Diagnose, Behandlung, Körperpflege nicht mitwirken. Sie benötigen mehr Zeit, Zuwendung und Beaufsichtigung. Doch genau da hapert es: „Acht von zehn befragten Stationen geben an, dass die Versorgung von demenzkranken Menschen vor allem nachts unzureichend gesichert ist“, sagt Studienleiter Michael Isfort.

Probleme gebe es aber auch tagsüber an den Wochenenden. „Diese Mangelsituation führt nicht selten zu unnötiger Verabreichung von Schlafmedikamenten und häufig zu fragwürdigen Fesselungen von Patienten.“

Die Zahlen sind erschreckend: Im Zeitraum von nur einer Woche wurden in den Häusern der befragten Pflegemitarbeiter rund 7.600 mal Medikamente zur Sedierung an demente Patienten verabreicht, über 1.450 mal wurden körpernahe Fixierungen vorgenommen. Hochgerechnet auf alle Krankenhäuser schätzen die Forscher vom dip, dass pro Jahr rund 2,6 Millionen sedierende Medikamentengaben verabreicht werden und rund 500.000 „meist unnötige Fixierungen“ durchgeführt werden.

Quailifiezierung von Demenzbeauftragten und spezialiserte Stationen sind wichtig
Dabei gibt es laut dip wirksame Konzepte, um die Situation zu verbessern: etwa die Qualifizierung von Demenzbeauftragten, die Einrichtung spezialisierter Stationen, die Schaffung einer Tagesbetreuung, besondere Ernährung oder Physiotherapie oder eine spezielle räumliche Ausstattung. Doch diese vielversprechenden Konzepte seien kaum umgesetzt, bedauert Isfort. Am weitesten verbreitet ist nach der Studie der Einsatz von Überleitungsbögen zu anderen ambulanten oder stationären Bereichen. Fast 90 Prozent der Stationen nutzen solche Überleitungsbögen.

Das Pflege-Thermometer verweist darauf, dass schon einfache und nicht sehr kostspielige Maßnahmen die Situation der demenzkranken Patienten verbessern könnten: etwa die Ausstattung mit Niedrigbetten, um Sturzfolgen zu verringern. „Die Voraussetzung, ein Einzelzimmer für unruhige Patienten einzurichten, ist bei 17,2 Prozent realisiert. Nur in 13,1 Prozent der Abteilungen und Stationen sind Orientierungsmerkmale angebracht, die auf die Wahrnehmungsmöglichkeiten von Menschen mit Demenz abgestimmt sind“, heißt es. Nur in etwa jeder zehnten Station gebe es besonders geschulte Mitarbeiter. Ebenso finden sich nur in jeder zehnten Einrichtung tagesstrukturierende Angebote wie Frühstücksrunden.

Als wichtigste Gründe für die fehlende Umsetzung solcher Konzepte werden von 76,1 Prozent der Befragten finanzielle Gründe angegeben. Auch das starre Abrechnungs­system in den Kliniken lasse ein Umsteuern nicht zu. Ein zentraler Faktor ist die Personalausstattung auf den Stationen. Gab es 1995 statistisch gesehen eine Pflegekraft auf 48,5 Patienten, so stieg diese Kennziffer bis 2012 kontinuierlich auf 65,3 im Jahr 2012. © kna/aerzteblatt.de

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LuckylukeAC
am Samstag, 30. August 2014, 14:11

status quo

"Quailifiezierung von Demenzbeauftragten und spezialiserte Stationen sind wichtig"
- Orrtograffi auch...

on topic - als Dienstarzt nachts/am Wochenende bleibt einem aktuell schlicht die medikamentöse Sedierung ("Abschießen") und/oder Fixierung als einzig praktikable Lösung im Umgang mit Demenz-Patienten - wer das Gegenteil behauptet, möge sich die Situation gerne mal in Realitas anschauen und sich ein eigenes Bild machen...
cucumber
am Freitag, 29. August 2014, 20:17

Und der Grund koennte sein?

http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/59657/Studie-sieht-Vitamin-D-Mangel-als-Demenzrisiko
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