Ärzteschaft

Hausarztvertrag in Baden-Württemberg: Weniger Kranken­auseinweisungen und bessere Betreuung

Dienstag, 9. September 2014

Berlin – Patienten, die im AOK-Hausarztvertrag in Baden-Württemberg eingeschrieben sind, werden besser betreut als in der Regelversorgung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Evaluationsstudie, die von verschiedenen Arbeitsgruppen am Institut für Allgemein­medizin der Universität Frankfurt am Main und an der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg durchgeführt wurde. Neben der AOK Baden-Württemberg, dem Hausarztverband und dem Medi Verbund begrüßte auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Landes die Ergebnisse.

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„9.000 Klinikeinweisungen konnten in den Jahren 2011 und 2012 bei den Patienten in der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) vermieden werden“, sagte Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Heidelberger Abteilung bei der Vorstellung der Ergebnisse heute in Berlin. „Dieses Ergebnis ist die Folge der viel intensiveren Beziehung zwischen HzV-Arzt und Patient“, erklärte Szecsenyi. So hätten die Patienten durchschnittlich drei Hausarztkontakte mehr pro Jahr als die Versicherten in der Regelversorgung, unkoor­dinierte Facharztkontakte hingegen lägen um mehr als 20 Prozent unter Regelver­sorgung, und es würden um ein Drittel weniger Medikamente verschrieben.

"Wir machen also keine Rosinenpickerei"
So erhielten beispielsweise ältere HzV-Patienten deutlich weniger Neuroleptika außerhalb der zugelassenen Indikationen als in der Kontrollgruppe, ergänzte Ferdinand Gerlach, Direktor des Frankfurter Instituts. „Unsere Untersuchungen ergaben eine relative Risiko­reduktion von mehr als 20 Prozent. Außerdem werden für diese Patienten auch weniger Sedativa länger als sechs Wochen verschrieben.“ Generell befänden sich deutlich mehr ältere Patienten und chronisch Kranke in der HzV als in der Regelversorgung, betonte Gerlach: „Wir machen also keine Rosinenpickerei, wie uns manchmal vorgeworfen wird.“

1,25 Millionen Versicherte eingeschrieben
In dem 2008 gestarteten Hausarztvertrag (nach §73 b SGB V) zwischen der AOK Baden-Württemberg (BW), Medi BW und dem Deutschen Hausärzteverband Landesverband BW sind inzwischen 1,25 Millionen Versicherte eingeschrieben, die von 3.826 Hausärzten inklusive 230 Kinder- und Jugendärzten versorgt werden. Das entspricht nach Angaben von Berthold Dietsche, Landesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, einem Deckungsgrad von 90 Prozent. „Die beteiligten Hausärzte sind sehr zufrieden, haben weniger Bürokratie und erfahren mehr Wertschätzung“, sagte Dietsche. Dazu trügen neben der höheren Vergütung pro Patient auch die systematische Fortbildung für die Ärzte und die mehr als 1.500 arztentlastenden Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (VERAH) bei.

Zusammenspiel mit den Fachärzten in den beteiligten Selektivverträgen schafft einen ganzheitlichen Ansatz
„Die hausarztzentrierte Versorgung läuft hervorragend, und das Zusammenspiel mit den Fachärzten in den beteiligten Selektivverträgen schafft einen ganzheitlichen Ansatz für die Patienten“, betonte Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK BW. Rund 1.500 Ärzte beteiligen sich an den kooperierenden Facharztverträgen Kardiologie, Gastroentereologie, Psychotherapie/Neurologie/Psychiatrie (PNP) sowie Orthopädie. Ein Vertragsabschluss mit den Urologen soll nach Hermanns Auskunft bald folgen.

„Im Gegensatz zur Regelversorgung lassen wir die Versorgung evaluieren, und die Ergebnisse zeigen, dass mehr geht und dass es besser geht“, betonte Hermann. Die AOK habe deshalb 2013 mehr als 300 Millionen Euro in den Hausarztvertrag investiert und werde auch in weitere Selektivverträge investieren.

Hausarztzentruerte Versorgung sorgt für schnellere Terminvergabe
Werner Baumgärtner, Vorsitzender von Medi BW und Medi GENO Deutschland, ist ebenfalls vom Nutzen der HzV überzeugt: „Die Patienten profitieren durch bessere Koordination und Kommunikation der Ärzte untereinander.“ Auch eine schnelle Terminvergabe sei in Baden-Württemberg bereits selektivvertraglich umgesetzt. So müssten Patienten beispielsweise auf ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten, der am PNP-Vertrag teilnimmt, nur maximal drei Tage warten. Die sich, wenn notwendig, anschließende Psychotherapie müsse innerhalb von vier Wochen beginnen.

Über das südwestliche Bundesland hinaus bereiten Baumgärtner jedoch die Bereini­gungsregelungen Probleme. „Wir brauchen Regelungen, die die beteiligten Ärzte nicht benachteiligen“, forderte er. „Wenn auf Bundesebene keine Lösung gefunden wird, dann kommen Hausarzt- und Facharztverträge in anderen Kassenärztlichen Vereinigungen nicht ans Laufen“, betonte Baumgärtner.

Patientensteuerung muss geregelt werden
Als „Steilvorlage“ für die Regelversorgung begrüßte der Vorstand der KV Baden-Württemberg die Ergebnisse der Evaluation. „Die Auswertung der Begleitstudie hat gezeigt, dass in der hausarztzentrierten Versorgung neben der Patienten- und Arztzufriedenheit auch die Versorgungsqualität deutlich gesteigert werden konnte. Für mich ist das ein Beweis, dass der etablierte pseudoliberale Patientenzugang in der Kollektivversorgung nicht mehr zeitgemäß ist“, sagte der KV-Vorstandsvorsitzende Norbert Metke. Bei der im Herbst 2014 anstehenden neuen Rahmengesetzgebung müsse daher die Patientensteuerung ein Thema sein. © pb/hil/aerzteblatt.de

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isnydoc
am Mittwoch, 10. September 2014, 15:24

Hatte es vielleicht jemand nicht so erwartet?

Der Witz daran ist ja, dass die KV nun das, was sich "selektiv" bewährte, kollektiv übernehmen will. In der Ära Metke/Fechner dürften wir das sicher nicht mehr erleben ... aber hoffen können wir ja stets ...
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