Vermischtes

Milgram-Experiment: Forscher interpretieren Ergebnisse neu

Dienstag, 9. September 2014

Paris – Mehr als 50 Jahre nach dem schockierenden Milgram-Experiment haben Wissen­schaftler die zentrale Schlussfolgerung der inzwischen legendären Versuchsreihe zur Erkundung des Bösen im Menschen infrage gestellt. Die Probanden, die bei dem Experiment Anfang der 1960er Jahre vermeintlich lebensgefährliche Stromschläge verabreichten, hätten nicht aus blindem Befehlsgehorsam heraus grausam gehandelt, argumentieren die Forscher in der neuesten Ausgabe des Fachmagazins British Journal of Social Psychology. Vielmehr seien sie offenbar überzeugt gewesen, das Richtige zu tun und für eine gute Sache zu handeln.

Das Experiment des Sozialpsychologen Stanley Milgram an der US-Eliteuniversität Yale im Jahr 1961 hatte für Aufsehen und Entsetzen gesorgt. Freiwillige sollten in einem angeblichen Versuch zum Lernverhalten Stromschläge an Testpersonen austeilen, wenn diese Fragen falsch beantworteten. Die Testpersonen waren in Wirklichkeit Schauspieler, die die Stromschläge nur simulierten.

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Paradbeispiel für Grenzen des menschlichen Handels
Angetrieben von einem Versuchsleiter verabreichten die Versuchsteilnehmer tatsächlich immer stärkere Stromschläge, obwohl die Testpersonen um Gnade bettelten und vor Schmerz schrien – bis hin zu tödlichen Stromschlägen von 450 Volt. Das Experiment gilt seitdem als Paradebeispiel dafür, wie Menschen bereit sind, einer Autorität zu gehorchen, Befehle auszuführen und dabei auch Grausamkeiten zu begehen.

Ein Forscherteam nahm nun noch einmal das Milgram-Experiment unter die Lupe. Sie werteten die in den Archiven der Uni Yale gefundenen schriftlichen Rückmeldungen von 659 der Versuchsteilnehmer aus – und waren überrascht, dass viele davon sehr positiv waren. „Man kann sich nur gut fühlen, wenn man Teil eines so wichtigen Experiments war", schrieb ein Teilnehmer. „Ich habe das Gefühl, ein bisschen zur Entwicklung des Menschen und seinem Umgang mit anderen beigetragen zu haben", schrieb ein anderer.

Das könnte darauf schließen lassen, dass die Versuchsteilnehmer erleichtert waren zu erfahren, niemandem Schmerz zugefügt zu haben. Die Studienautoren haben aber eine andere Schlussfolgerung: Die Versuchsteilnehmer hatten das Gefühl, eine Pflicht erfüllt und einem höheren Ziel gedient zu haben.

Milgram hatte ihnen vor den Versuchen eingeimpft, dass sie der Wissenschaft dienen würden. Die Versuchsteilnehmer, so die Studie, hätten nicht einfach nur dem Versuchs­leiter gehorcht, als sie immer stärkere Stromschläge verabreichten – sondern aus eigenem Antrieb gehandelt, weil sie überzeugt waren, das Richtige zu tun.

Studienteilnehmer glaubten an ihre Entscheidung
Die Teilnehmer seien nicht einfach nur „Zombies" gewesen, „die nicht wussten, was sie tun“, argumentiert Studien-Ko-Autor Alex Haslam von der australischen Universität Queensland. „Wir glauben, dass hinter jedem tyrannischen Verhalten eine Art der Identifikation steht, und damit eine Entscheidung.“ Milgram habe seine Versuchs­teilnehmer davon überzeugt, dass es "akzeptabel ist, im Dienste der Wissenschaft Dinge zu tun, die sonst unvorstellbar sind".

Stephen Reichert von der schottischen Universität St. Andrews erklärte: „Wir argu­mentieren, dass die Menschen sich dessen bewusst sind, was sie tun, dass sie aber glauben, das Richtige zu tun. Das kommt von einer Identifizierung mit der Sache - und der Akzeptanz, dass die Autorität ein legitimier Vertreter dieser Sache ist." © afp/aerzteblatt.de

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anaesthesist_meyer
am Dienstag, 9. September 2014, 19:55

Denn sie wußten doch was sie tun!

Auch davon überzeugt zu sein, es diene der Wissenschaft oder sich mit einer "Sache"
zu identifizieren ändert nichts daran, daß diese Entscheidung dann dazu führen kann,
sich für inhumanes Handeln zu entscheiden! Der Mensch kann sich gegen Mitgefühl
und gegen das Leben entscheiden. Aber er muß es nicht tun!
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