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Studie zeigt Unter­schiede in der Gesundheits­versorgung auf

Freitag, 12. September 2014

Köln – Es gibt es in Deutschland weiterhin große regionale Unterschiede bei der medizinischen Versorgung im Krankenhaus. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung; sie bestätigt damit die Ergebnisse einer ersten Studie aus dem Jahr 2011. Untersucht wurde die Häufigkeit bestimmter Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten. Analysiert wurden die folgenden OP-Verfahren: Kaiserschnitte, Entfernung der Gaumenmandel, des Blinddarms, der Gebärmutter, der Prostata, der Gallenblase, Bypass-Operationen, Defibrillator-Implantationen, Kniegelenk-Erstimplantationen.

Die Studie zeigt, dass es sich bei den regionalen Unterschieden nicht um einige wenige Ausreißer handeln kann. Bei den Mandelentfernungen weichen danach 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Das lege die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden. Auffällig sei zudem, dass einige kreisfreie Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen würden.

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Große regionale Unterschiede gebe es auch bei der Entfernung des Blinddarms, der Prostata oder beim Einsetzen eines Defibrillators am Herzen. Rein medizinisch seien derart hohe Abweichungen ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen. Auch beim Einsatz von künstlichen Kniegelenken, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen unterscheide sich die Operationshäufigkeit zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache.

So würde beispielsweise im Jahresdurchschnitt 2010 bis 2012 pro 10 000 Einwohner

  • eine Entfernung der Gebärmutter in Freiburg 18,40mal, in Eisenach 49,44mal,
  • eine Entfernung der Prostata in Hamburg 2,79mal, in Magdeburg 10,52mal,
  • eine Kniegelenks-Erstimplantation in Krefeld 12,78mal, im Kreis Bayreuth 29,12mal,
  • eine Bypass-Operation im Kreis München 6,00mal, in Kaiserslautern 18,26mal,
  • eine Defibrillator-Implantation in Bremen 1,54mal, in Schwerin 6,91mal durchgeführt.

Eine parallel vorgestellte OECD-Studie kommt für andere Länder, darunter Frankreich, Spanien und England, zu ähnlichen Ergebnissen.

Das Fazit für die Bertelsmann-Stiftung fällt eindeutig aus: „Wer krank ist oder aus einem anderen Grund medizinische Hilfe braucht, wird nicht überall gleich behandelt. Regionale Unterschiede sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Gesundheitsversorgung nicht immer dem Bedarf der Bevölkerung entspricht.“

Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, kritisiert, dass trotz der bekannten Datenlage bisher so wenig geschehen sei: „Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht, denn hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen.“ Bei aller ärztlichen Entscheidungsfreiheit im Einzelfall müsse die Einhaltung von Leitlinien, die den Handlungskorridor der Ärzte definieren, strenger kon­trolliert werden, fordert Mohn.

Kritisch zu den Schlussfolgerungen in der Bertelsmann-Studie äußerte sich der General­sekretär der Deutsche Gesellschaft für Urologie, Oliver Hakenberg. Zwar belege die Studie, dass es regionale Unterschiede bei der Operation der Prostata gebe. „Unklar bleibt aber, worauf diese Unterschiede zurückzuführen sind. Insbesondere sind die Zahlen aus den verschiedenen Regionen nicht mit regionalen Inzidenzen des Prosta­takarzinoms und mit Mortalitäten abgeglichen.“ Hier gebe es große regionale Unter­schiede.

Die Deutsche Gesellschaft für für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie begründete die großen Schwankungen bei der Anzahl der Mandelentfernungen auch damit, „dass rein wissenschaftlich und medizinisch eine bindende operationalisierte Indikationsstellung für Mandeloperationen nicht erstellt werden kann.“ Das Zusammenspiel von ärztlicher Ermessensentscheidung und der Einfluss der Beratung von Kinder- oder Hausarzt auf die Eltern führten nachvollziehbar zu einer Variationsbreite bei der Entscheidung zu einer Mandelentfernung, hieß es aus der Fachgesellschaft. © TG/aerzteblatt.de

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Haiko
am Samstag, 13. September 2014, 17:12

War schon vor 40 Jahren so

Im Rahmen meiner handchirurgischen Doktorarbeit 1984-1989 bzgl. Replantationen an der Hand Uni Ulm 1976-1984 konnte gezeigt werden, das die Ulmer Klinik meiner Fakultät ein Einzugsgebiet von 2 Millionen Menschen hatte, während die Stadt, die diese Klinik beherbergte nur 100000 Einwohner hatte.
Aus diesem und dem bereits gesagten Gründen sollten diese Ergebnisse eher dazu führen, die an der Spitze stehenden medizinischen Einrichtungen besonders zu fördern.
Haiko
am Samstag, 13. September 2014, 17:07

Hausärzte wissen warum!

Wegen der personenabhängigen Qualität der Operationen und der dadurch bedingten Bevorzugung ganz bestimmter Ärzte (durch zuweisende Haus- und Fachärzte/ Mundpropaganda der Patienten) und ihrer ihnen zur Verfügung stehenden Praxen/ Tageskliniken/ Häusern der Maximalversorgung. Dies fällt ganz besonders in Regionen ins Gewicht, in denen eine ganz besonders schlechte Versorgung ist und sich mal ein Arzt dort nicht wegbewegt hat (z.B. aus familiären Gründen). Denn je besser und bekannter Ärzte werden, desto höher steigen sie auf und gehen dort hin, wo das Geld ist. Die Patienten, Ärzte und Krankenkassen handeln genauso, denn sie wissen, die Leistung ist dort besser, wo eine Therapie öfter durchgeführt wird.
isnydoc
am Samstag, 13. September 2014, 11:48

Gebärmütter in Eisenach und Freiburg

Was will uns das sagen? Sind die Städte vergleichbar?
Freiburg als Metropole im Breisgau mit wesentlich grösserer Bevölkerung als Eisenach? Haben errechnete statistische Durchschnittswerte medizinische Relevanz?
Nach wie vor sind Operationen ohne Einverständnis des Patienten nicht möglich, der seine Entscheidung nach einem Aufklärungsgespräch dazu gibt.

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