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Wahrnehmung der Reproduktions­medizin hat sich gewandelt

Mittwoch, 17. September 2014

Bonn – Künstliche Befruchtung und Retortenkinder: Die Wahrnehmung der Reproduk­tions­medizin in Deutschland hat sich nach Auffassung des Kulturwissenschaftlers Andreas Bernard komplett gewandelt. Noch in den 90er Jahren habe die Reagenz­glasbefruchtung als künstlich gegolten. „Es gab die Angst, dass diese Techniken den Kern des Menschlichen bedrohen“, sagte der Buchautor der in Bonn erscheinenden „Zeit-Beilage „Christ und Welt“.

In den 90er Jahren sei dann das Wort „Wunschkind“ beziehungsweise „Kinderwunsch­behandlung“ aufgekommen. „Es rückte das Drama der Unfruchtbarkeit in den Vorder­grund und die Möglichkeit, diesen Paaren zu helfen.“ Das Künstliche spiele in der Wahrnehmung heute kaum noch eine Rolle. „Es geht um die Erfüllung eines zutiefst menschlichen Wunsches.“

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Die Reproduktionsmedizin stützt die bürgerliche Familie
Bernard ist Kulturwissenschaftler am Center for Digital Cultures an der Leuphana-Universität Lüneburg und Autor des Buches „Kinder machen. Neue Repro­duktions­technologien und die Ordnung der Familie“. Nach Meinung des Autors stützt die Reproduktionsmedizin die bürgerliche Familie. „Paare, die früher keine Familie gründen konnten, sei es, weil sie unfruchtbar oder weil sie homosexuell sind, beleben, wenn sie nun Eltern werden, das ausgezehrte Modell Familie“, sagte er.

Selbst Lebensformen, die früher einmal aus einer Distanz gegenüber den Konventionen entstanden seien, hätten die bürgerliche Familie wieder zur vollen Blüte gebracht oder sogar übertrumpft. „Wenn gleichgeschlechtliche Paare heute als Musterfamilien leben, dann hat das aber auch etwas Merkwürdiges, wenn man bedenkt, wofür die Schwulenbewegung einst angetreten ist.“

"Mittlerweile geht es auch um Optimierung"
Bernard sieht durch die Reproduktionsmedizin aber zugleich einen dramatischen gesellschaftlichen Wandel: „In den Anfängen der Reproduktionsmedizin ging es einfach um ein Kind, um die Imitation eines natürlichen Vorgangs im Labor. Mittlerweile geht es auch um Optimierung.“ Es würden ständig aufwendigere Verfahren entwickelt, um Krankheiten im frühen Stadium zu erkennen. „Ohne Zweifel verwirklichen sich in den Samen- und Eizellbanken eugenische Fantasien.“

Der katholischen Kirche, die der Reproduktionsmedizin sehr kritisch gegenübersteht, empfahl der Buchautor mehr Nachdenklichkeit. „Offenkundig ist es zu leicht, kategorisch Nein zu den Fortpflanzungstechnologien zu sagen. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, wenn es um die Genese von Familienmodellen geht.“ Die Bibel selbst sei ja „voller unsortierter Verhältnisse. Es gibt keine natürliche, christliche Kleinfamilie“, sagte er unter Verweis auf die Familie Jesu. © kna/aerzteblatt.de

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