Ärzteschaft

Psychiater wollen der zunehmenden Zahl von Zwangsbehandlungen entgegenwirken

Dienstag, 23. September 2014

Berlin – Eine ethische Stellungnahme zur „Achtung der Selbstbestimmung und Anwendung von Zwang bei der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen“ hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie,  Psychotherapie, Psychosomatik und Nerven­heilkunde (DGPPN) heute in Berlin vorgestellt. „Selbstbestimmung ist ein Menschen­recht: Jeder Mensch hat das Recht, über seine Lebensführung und damit auch über Maßnahmen, die seine Gesundheit betreffen, selbst zu bestimmen. Die selbstbestimmte Entscheidung des Patienten ist dementsprechend eine Grundvoraussetzung für eine gute medizinische Behandlung.“ Mit diesem Absatz wird die von zahlreichen Autoren konsentierte Stellungnahme eingeleitet. Sie soll dem Arzt als ethische Orientierung dienen.

Zahl der Fixierungen werden nicht systematisch erfasst
„In Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik stellen sich tiefgreifende Fragen, denn psychische Erkrankungen können in Einzelfällen die Selbstbestimmungsfähigkeit des Patienten einschränken. Wenn der schwer kranke und selbstbestimmungsunfähige Patient sich selbst oder Dritte erheblich gefährdet und in dieser Situation medizinische Maßnahmen ablehnt, geraten Ärzte und Therapeuten in eine schwierige ethische Dilemmasituation: Sollen sie zum Beispiel Patienten mit Suizidplänen ihren Willen lassen? Oder sollen sie dem ärztlichen Auftrag zur Heilung oder Gefahrenabwehr nachkommen und eine Zwangsbehandlung prüfen?“, fragte der Präsident der DGPPN, Wolfgang Maier, bei einem Pressegespräch. Problematisch sei, dass die Zahl der Zwangsein­weisungen ständig steige, die Zahl der Fixierungen werde gar nicht systematisch erfasst.

Anzeige

Grundrechte des Patienten werden durch Maßnahmen ohne Einwilligung verletzt
Hinzu komme, dass ärztliche Maßnahmen ohne Einwilligung des Patienten im Konflikt mit den Grundrechten der Patienten stehen. Durch die Rechtsprechung des Bundesver­fassungs­gerichts und des Bundesgerichtshofes sowie durch die Reform des Betreu­ungsgesetzes sind in jüngster Zeit die rechtlichen Rahmenbedingungen weiterentwickelt worden. Ebenso stelle in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention gültiges Recht dar, die in besonderer Weise zum Schutz der Autonomie von Menschen mit Behinderungen verpflichtet.

„Zwangsmaßnahmen dürfen nur zwei Zwecken dienen: zum einen den nicht-selbstbestimmungsfähigen Patienten vor sich selbst oder andere durch ihn Gefährdete zu schützen, und zum anderen den Zustand der Selbstbestimmungsfähigkeit des Patienten ­­– sofern möglich ­– wiederherzustellen“, sagte Henrik Walter, Direktor des Forschungsbereiches Mind and Brain an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Zwangsmaßnahmen, insbesondere Fixierungen, würden von den Patienten als demütigend und leidvoll erlebt, deshalb sei es geboten, alle kommunikativen und vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen Arzt und Patienten zuvor auszuschöpfen. „Leider sieht der Gesetzgeber auch oftmals die Gabe von Medikamenten als schwerwie­genderen Eingriff an als die Fixierung des Patienten“, kritisierte Walter. 

Gute Personalausstattung zwingend notwendig
Um die Patienten zu beruhigen und Zwangsmaßnahmen auf ein Minimum zu reduzieren, bedürfe es zudem Raum, Zeit für Gespräche und ausreichend Personal. In den psychia­trischen Krankenhäusern, die zur Unterbringung verpflichtet sind, seien beispielsweise Gärten eine sinnvolle Einrichtung. Solche strukturellen Vorkehrungen müssten auch finanziert werden. „Die Reform der Krankenhaushausfinanzierung steht dem entgegen“, kritisierte DGPPN-Präsident Maier. „Wir müssen hier die Politik mit in die Pflicht nehmen.“

"oleranzschwelle gegenüber abweichendem Verhalten nimmt immer mehr ab"
Grundsätzlich müsse einer gesellschaftlichen Haltung entschieden entgegengetreten werden, die als „lästig“ oder „störend“ empfundene Menschen unter dem Vorwand einer angeblichen Fremdgefährdung in psychiatrische Krankenhäuser abschieben will, forderte Henrik Walter. „Die Toleranzschwelle gegenüber abweichendem Verhalten nimmt immer mehr ab.“ Jemand, der auf der Straße Passanten beschimpft, sei nicht angenehm, aber er gehöre auch nicht unbedingt in die Psychiatrie.

Die dort Tätigen bringe eine solche Einweisung in eine schwierige Doppelfunktion, da ihnen neben dem Behandlungsauftrag eine öffentlich-rechtliche Schutzrolle zugewiesen werde. Das Thema Zwangsbehandlung und Selbststimmung müsse schließlich auch in die ärztliche Weiterbildung aufgenommen werden, fordert die Stellungnahme. © pb/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Ärzteschaft

Nachrichten zum Thema

09.12.16
London – Immer mehr Jugendliche in England und Wales verletzen sich selbst, um psychischen Druck zu kompensieren. Wie britische Medien heute unter Berufung auf die Nationale Gesellschaft zur......
01.12.16
Frankfurt – Die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Frankfurt hat eine Spezialsprechstunde für aktive und ehemalige Leistungssportler eingerichtet. „Mit......
29.11.16
„Die Mehrzahl der Sexualstraftäter ist nicht psychisch krank“
Berlin – Viele Menschen gehen davon aus, dass die Sexualstraftäter psychisch krank sind. Dabei zeigt die Statistik ein anderes Bild: Die Taten werden in den meisten Fällen von psychisch gesunden......
25.11.16
Bundesrat billigt Gesetz zur Versorgung psychisch Kranker
Berlin – Die Versorgung psychisch kranker Menschen soll verbessert und an die speziellen Erfordernisse der Kliniken und Patienten angepasst werden. Die Länderkammer billigte heute ein entsprechendes......
25.11.16
Berlin – Mehr als die Hälfte der Deutschen leidet regelmäßig unter Stress. Arbeitsverdichtung, die Durchdringung des Alltags mit neuen Technologien oder persönliche Probleme tragen dazu bei, dass die......
24.11.16
Berlin – Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben in Deutschland oftmals große Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und......
22.11.16
Fettreiche Ernährung könnte psychische Erkrankungen begünstigen
Zürich – Eine besonders fettreiche Ernährung in der Jugend könnte auf biochemischer Ebene die Entwicklung von psychischen Erkrankungen fördern. Dies schließt eine Arbeitsgruppe der ETH Zürich und des......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige