Medizin

Größte Studie zur Impfung gegen Tumorantigen bei Bronchialkarzinom hat negatives Ergebnis

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Madrid – Die Ergebnisse der bislang größten klinischen Untersuchung bei Patienten mit Lungenkarzinom, eine  aktive Immunisierung gegen das Tumorantigen MAGE-3, haben die Teilnehmer der Jahrestagung der European Society for Medical Oncology in Madrid enttäuscht: Bei Patienten mit operiertem nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) in den Stadien IB bis IIIA konnte die Vakzinierung die Dauer des durchschnittlichen krankheitsfreien Überlebens der Patienten im Vergleich zu Placebo nicht verbessern.

Anzeige

Teilnehmer, die den Anti-MAGE-3-Impfstoff nicht erhalten hatten, lebten median 57,9 Monate, in der Impfgruppe betrug das mediane krankheitsfreie Überleben 60,5 Monate (Hazard Ratio: 1,02; 95-%-Konfidenzintervall 0.89 – 1,18). „Dieses Ergebnis war uner­wartet, weil die Immunisierung gegen MAGE-3 bei Patienten mit MAGE-3-Expression im Tumor in einigen früheren Studien vielversprechende Ergebnisse hatten“, sagte Johan F. Vansteenkiste von der Universitätsklinik Leuven in Belgien bei einer Pressekonferenz der Fachgesellschaft.

„Wir haben sowohl  tumorantigenspezifische zelluläre, als auch humorale Immun­antworten nach Immunisierung gegen MAGE-3 bei den Patienten gefunden, können also sagen: Es werden tumorspezifische Mechanismen und Zellen der  Körperabwehr rekrutiert. Sie sind da, aber sie werden nicht aktiv gegen den Tumor“, kommentierte Vansteenkiste, Erstautor der Studie, die Ergebnisse im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.  Vermutlich schaffe der Tumor eine immunsupprimierende Mikroumgebung, zum Beispiel durch Aktivierung T-regulatorischer Zellen, die  Immunreaktionen unterdrücken.

Obwohl die Forscher vermuten, dass bestimmte Subgruppen von Patienten einen klinisch relevanten Vorteil haben könnten, dürfte das negative Ergebnis der internationalen MAGRIT-Studie das „Aus“ sein für weitere klinische Prüfungen der tumorantigenspezifischen Immunisierung beim NSCLC. Denn mit 13 849 operierten Patienten sind mehr als je zuvor für den Einschluss in eine prospektive, randomisierte, doppelblinde Phase-III-Studie gescreent worden (ESMO 2014, Abstr. Nr. 11730).

Bei 4.210 von 12.820 Patienten mit auswertbaren Biopsaten fand sich eine MAGE-3-Expression im Tumor und 2.272 Teilnehmer wurden schließlich  eingeschlossen und randomisiert. 1 515 von ihnen erhielten 13 intramuskuläre Injektionen der MAGE-3-Vakzine und 757 Placebo-Injektionen über 27 Monate und circa die Hälfte der randomisierten Teilnehmer bekam eine adjuvante Chemotherapie, die übrigen waren für die Chemotherapie nicht geeignet.

Auch in der Gruppe ohne adjuvante Chemotherapie unterschied sich das mediane krankheitsfreie Überleben zwischen Verum und Placebo nicht (58,0 Monate für die MAGE-3-Vakzine, 56,9 Monate für Placebo). Die Forscher bedauern das negative Ergebnis der Vakzine-Studie auch deshalb, weil nur circa 40 Prozent der Patienten in diesen Stadien durch Tumorresektion geheilt werden können und ebenfalls nur ein Teil für die adjuvante Chemotherapie infrage kommt, der Impfstoff aber sehr gut verträglich ist.

„Möglicherweise sind andere Strategien wie die antigenunspezifische Immun-Checkpoint-Inhibition, die gegenwärtig bei Patienten mit NSCLC klinische geprüft wird, effektiver als die antigenspezifische Vakzinierung“, sagte Martin Reck von der Abteilung Thorax­onkologie des Klinikums Großhansdorf. Immun-Checkpoint-Inhibitoren lösen „Bremsen“ des Immunsystems wirken Mechanismen der Immunsuppression entgegen. Sie werden derzeit zur Therapie verschiedener Entitäten solider Tumoren klinisch geprüft. © nsi/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

01.12.16
Wien – Mehr Anstrengungen bei der Prävention und bei der Früherkennung von Lungenkrebs fordern Experten im Vorfeld des Lungenkrebs-Weltkongresses (World Conference on Lung Cancer, WCLC) Anfang......
17.11.16
Köln – Bestimmte Lungenkrebs-Patienten profitieren von einer Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper Pembrolizumab (Handelsname Keytruda). Das berichtet das Institut für Qualität und......
04.11.16
Gerauchte Zigaretten hinterlassen pro Schachtel und Jahr hunderte von Mutationen
Hinxton/Los Alamos – Genetiker können den Genen einer Krebszelle ansehen, ob der Tumor durch das Rauchen ausgelöst wurde. Ein Forscherteam stellt in Science (2016; 354: 618-622) mehrere für den......
28.10.16
Deutlich mehr Frauen sterben an Lungenkrebs
Wiesbaden – Immer mehr Frauen in Deutschland sterben an Lungen- und Bronchialkrebs. Binnen zehn Jahren erhöhte sich die Zahl der Todesfälle durch diese Krebsarten bei Frauen um 41 Prozent auf rund......
10.10.16
Baltimore/Philadelphia – Der „Checkpoint-Inhibitor“ Pembrolizumab hat in einer randomisierten Studie erstmals in einer Erstlinientherapie beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC) bessere......
05.09.16
Lungenkrebs: Ganzhirnbestrahlung bei Hirnmetastasen ohne Vorteile
London – Eine Radiotherapie des gesamten Gehirns hat in einer randomisierten Studie weder die Überlebenszeit noch die Lebensqualität von Patienten mit Hirnmetastasen eines nicht-kleinzelligen......
09.08.16
Princeton – Der im letzten Jahr eingeführte Checkpoint-Inhibitor Nivolumab, der heute zur Behandlung von drei Krebserkrankungen zugelassen ist, ist in einer Phase 3-Studie erstmals an seine Grenzen......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige