Ausland

Wunsch nach Sterbehilfe steigt in Niederlanden und Belgien an

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Brüssel – Wenn die Psyche krank ist, kann das Leben eines Menschen erheblich beeinträchtigt sein. Bis zu 40 Prozent aller Menschen leiden nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer psychischen Erkrankung. In Belgien, den Niederlanden und Luxemburg können Menschen in dieser für sie scheinbar unerträglichen Situation ihrem Leben ein Ende setzen. Und die Nachfrage nach Sterbehilfe steigt stetig an.  

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42 Menschen ließen sich 2013 in den Niederlanden unerträgliche psychische Schmerzen bestätigen und nahmen daraufhin Sterbehilfe in Anspruch – dreimal so viele wie im Jahr zuvor, wie aus dem Jahresbericht der Regionalen Prüfungskommission für Sterbehilfe hervorgeht. Insgesamt beendeten im vergangenen Jahr 4.829 Menschen auf eigenen Wunsch ihr Leben; das ist ein Anstieg von rund 15 Prozent im Vergleich zu 2012 (4.188 Fälle).

Die Niederlande hatten 2001 als erstes Land der Welt ein Sterbehilfegesetz verab­schiedet. Hier sind Sterbehilfe und ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung nicht strafbar, wenn ein Patient aussichtslos krank ist und unerträglich leidet. Zudem muss er mehrfach ausdrücklich um Sterbehilfe gebeten haben. Ähnliches gilt auch für Demenzkranke. 97 an Demenz Erkrankte nahmen 2013 in den Niederlanden Sterbehilfe in Anspruch, mehr als doppelt so viele wie noch 2012 (42 Fälle). Sie befanden sich laut dem Bericht in der Regel in einem frühen Stadium der Krankheit und waren noch rechtlich einwilli­gungsfähig.

Belgien, das Nachbarland, gehört europaweit zu den Ländern mit der liberalsten Gesetzgebung bei Sterbehilfe. Seit 2002 ist das Töten auf Verlangen erlaubt, wenn Patienten unerträglich an einer Krankheit leiden. So ließ sich im vergangenen Jahr eine 44-Jährige Frau nach einer missglückten Geschlechtsumwandlung eine Todesspritze setzen.

Seit Februar 2014 ist Belgien zudem weltweit das erste Land, das für aktive Sterbehilfe keine Altersgrenze mehr vorgibt. Auch unheilbar kranke Kinder können unter bestimmten Umständen aktive Sterbehilfe erhalten.

Als das Sterbehilfegesetz 2002 in Kraft trat, nahmen zunächst lediglich wenige hundert Menschen „Tötung auf Verlangen” in Anspruch. Doch allein seit 2010 hat sich der Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod fast verdoppelt. Von 953 gemeldeten Sterbehilfefällen im Jahr 2010 stieg die Zahl 2013 auf ein Rekordniveau von 1.807.

Durchschnittlich fünf Menschen pro Tag scheiden in Belgien freiwillig aus dem Leben; sie machen damit rund 1,7 Prozent aller Todesfälle des Landes aus. 67 Patienten in Belgien gaben 2013 als Grund für ihren Wunsch zu sterben eine neuropsychiatrische Krankheit an. © kna/aerzteblatt.de

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gerngesund
am Sonntag, 5. Oktober 2014, 00:11

AnsprechpartnerIn sein und bleiben!

Nur wenn Patienten sich vorstellen können, dass Ihr Arzt ihnen auch bei einem assistierten Suizid zur Seite steht, werden sie ihn auch darauf ansprechen.

Und nur, wenn Sie ihn darauf ansprechen, ist er in der Lage, diesen Wunsch zu hinterfragen, Alternativen anzubieten, Diagnosen zu sichern, Gesprächspartner zu vermitteln usw.
Das sind zeitintensive Gespräche, die es ohne angemessene Vergütung so niemals geben wird.
Das ist eine zeitintensive Vorbereitung, denn ohne entsprechende Netzwerke, ohne intensive Fortbildung im Bereich Suizidprävention und Gesprächsführung wird es nicht gehen.

Die gegenwärtige Diskussion leidet an dogmatischen Vorgaben, die von einer irgendgearteten reinen Lehre ausgehen, nicht aber von den Menschen, die an einem Todeswunsch leiden und entweder Hilfe zum Leben brauchen - oder im Extremfall auch Hilfe zu einem menschenwürdigen (für sich und alle, die sie auffinden werden) Sterben.

In der jetzigen Situation sind Suizidassistenten vor allem solche, die sich für diese Suizidassistenz einsetzen. Je stärker das Tabu, desto stärker das Bestreben, dieses Tabu zu brechen.

Meine These: Wer die Suizide verhindern will, braucht Offenheit - nicht aber Tabus. Wer Suizide verhindern will, braucht hochqualifizierte Menschen, die wissen, wie ein Suizid menschenwürdig durchgeführt werden kann - und die gleichzeitig exzellente Fachleute in Palliativmedizin, Psychiatrie und Gesprächsführung sind, damit sie möglichst vielen Hilfe zum Leben und nicht zum Sterben sind.

Wer die Verschärfung des Strafrechts sät, hat zwar die reine Lehre hinter sich - und wird doch nicht weniger, sondern mehr Suizide ernten, Und die Betroffenen (Angehörige, Rettungskräfte usw.) werden stärker traumatisch betroffen sein.
advokatus diaboli
am Freitag, 3. Oktober 2014, 05:59

"Untergang" der Palliativmedizin?

Ungeachtet der Wertung der empirischen Datenlage zu den „Sterbehilfefällen“ und den zugrundeliegenden „Diagnosen“ in den europäischen Nachbarländern sollten wir uns vergegenwärtigen, dass hierzulande es jedem Einzelnen gestattet ist, seine individuelle Gewissensentscheidung zu treffen.

Ähnlich wie bei der Vornahme eines Schwangerschaftsabbruchs ist kein Arzt verpflichtet, eine Suizidassistenz vorzunehmen und insoweit kommt es im Kern nicht auf die Botschaft Einzelner oder etwaiger Ärztefunktionäre an, wonach „mit uns Ärzten“ kein „Dr. Death“ zu machen sei, mal ganz davon abgesehen, dass mehr als ein Drittel der seinerzeit befragten Ärzte sich eine Liberalisierung der Sterbehilfe vorstellen können.

In der Frage der ärztlichen Suizidassistenz ist sich die Ärzteschaft selbst nicht „einig“ und dies verwundert nicht, wird doch auch von der Ärzteschaft nicht ein gemeinsames „Menschenbild“ mit der dahinter stehende Philosophie (oder gar Religion) geteilt, und zwar auch nicht mit Blick auf eine scheinbar verpflichtende „Arztethik“, die sich im Laufe der Jahrtausende mehrfach fortentwickelt und insbesondere aus anderes Fachdisziplinen ihre mitprägende Impulse erhalten hat.

Auch die Palliativmedizin mit ihren speziellen (medizinischen und spirituellen) Therapien ist und bleibt ein Angebot an die Schwersterkrankten, welches von diesen angenommen werden kann (oder halt nicht), auch um den Preis, dass bei einer mangelnden „Nachfrage“ im Zweifel die Palliativmedizin „hinten runterfallen wird“ (was freilich nicht geschehen wird).

Der Diskurs um das frei verantwortliche Sterben sollte von „Schreckensvisionen“ frei gehalten werden. Vielmehr sollten die wesentlichen Eckpunkte benannt werden und da wir man/frau wohl nicht umhinkommen, jenseits irgendwelcher karitativer, religiöser oder philosophischer Argumente jedenfalls das Selbstbestimmungsrecht der Patienten zu achten und von dieser Warte aus gelegentlich auch die eigene Position überdenken zu können.
Das frei verantwortliche Sterben bedarf nicht der „moralischen und medizinethischen“ Freigabe durch eine Profession, die sich entweder an moralischen Zentraldogmen einer Religion oder an einem scheinbar verpflichtenden „Grundgesetz ärztlicher Sittlichkeit“ orientiert. Ärzte, Theologen, Philosophen und freilich auch die Palliativmediziner sind freilich „nur“ Menschen, die allein nicht nur deshalb als „moralisch und ethisch integer“ gelten, weil sie einen angesehenen Beruf ausüben, der da den „Menschen“ schlechthin in die Mitte ihres Aufgabenfeldes stellen!

Insofern ist es misslich, wenn gerade Ärzte glauben, gleichsam den Theologen nachzufolgen und im Begriff sind, „medizinethische Wahrheiten“ zu verkünden, die der Einzelne als verbindlich anzuerkennen hat. Es steht den Kammern nicht gut zu Gesichte, wenn diese dem untauglichen Versuch erliegen, ihre Kolleginnen und Kollegen „missionieren“ zu wollen!
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 3. Oktober 2014, 00:11

Wo bleiben dann Anamnese, Diagnostik, Therapie, Intervention und Palliation?

Der Wunsch nach Sterbehilfe und ihre Exekution steigen in den Niederlanden, in Belgien u n d in der Schweiz an. Wie von Gesundheits- und Versorgungsforschern bei Gesundheitsförderung, Krankheits-Dienstleistungen, ambulanten/stationären Versorgungsebenen, neuen operativen "Hybrid"-Verfahren, maximalchirurgischen Eingriffen, pharmakotherapeutischen und internistischen Innovationen bzw. Interventionen beklagt, bedingen vielfältige Angebote eine gesteigerte Nachfrage.

Bleibt nur noch die Frage, wie stark dann Schmerz- und Palliativmedizin, die Versorgung durch nicht-interventionelle empathische Zuwendung, Toleranz, Caritas und Dignitas in ihrem ursprünglichen Wortsinn nicht vollständig hinten runterfallen?
Nach meiner 39-jähriger ärztlicher Berufserfahrung ist ein "Dr. Death" mit uns Ärztinnen und Ärzten aus meiner innersten persönlichen Überzeugung nicht zu machen!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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