Medizin

Zöliakie: Stillen und frühe Gluten-Exposition ohne protektive Wirkung

Freitag, 3. Oktober 2014

Ancona/Leiden - Der Versuch, die Entwicklung einer Zöliakie durch die gezielte Gabe von Gluten in den ersten Lebensmonaten zu verhindern, ist gleich in zwei randomisierten Studien im New England Journal of Medicine (2014; 371: 1295-1303 und 1304-1315) gescheitert. Auch die Dauer des Stillens hatte bei den Kindern, die ein genetisch erhöhtes Erkrankungsrisiko hatten, keinen Einfluss auf die Entwicklung der autoimmunen Darm­erkrankung.

Die Zöliakie ist eine Glutenunverträglichkeit, die mit der Bildung von Autoantikörpern einhergeht. Sie wird manchmal auch als die einzige Autoimmunerkrankung bezeichnet, deren Auslöser bekannt ist: Gluten, das in vielen Getreidesorten vorkommende Kleber­eiweiß, führt zu einer Zottenatrophie im Dünndarm, von der sich die Patienten erholen, wenn sie Gluten meiden.

Anzeige

In Schweden war es zwischen 1984 und 1996 zu einer „epidemischen“ Zunahme von Zöliakieerkrankungen bei Kindern unter zwei Jahren gekommen, die später mit den veränderten Empfehlungen zum Stillen und zur Beikost in Verbindung gebracht wurden. Im Jahr 1982 war den schwedischen Müttern nahegelegt worden, mit dem Zufüttern von Getreide bis zum 6. Monat zu warten, 1996 wurde diese Empfehlung wieder zurückgenommen.

Die schwedischen Erfahrungen haben zwei randomisierte Studien inspiriert. In der Pre­vent Coeliac Disease oder PreventCD-Studie wurden 475 Säuglinge zwischen der 16. und 24. Lebenswoche täglich mit 100 mg Gluten oder Placebo behandelt, wobei die Mütter angehalten wurden, ihre Kinder zu stillen. In der Risk of Celiac Disease and Age at Gluten Introduction oder CELIPREV-Studie erhielten 832 Kinder entweder ab dem 6. oder ab dem 12. Monat glutenhaltige Nahrungsmittel. An beiden Studien hatten Kinder teilge­nommen, die mindestens einen Verwandten ersten Grades mit einer Zöliakie hatten. Diese erbliche Prädisposition ist bei der Zöliakie häufig und Folge einer Assoziation mit bestimmten HLA-Merkmalen (DQ2 oder DQ8).

Beide Gruppen mussten jetzt das Scheitern ihrer Bemühungen mitteilen. Weder in der PreventCD-Studie, deren Ergebnisse Carlo Catassi von der Polytechnischen Universität in Ancona mitteilt, noch in der CELIPREV-Studie, über die Luisa Mearin von der Universität Leiden berichtet, hatte der Zeitpunkt der ersten Glutenzufuhr einen Einfluss auf die Häufigkeit einer späteren Zöliakie-Erkrankung im Alter von 3 Jahren (CELIPREV-Studie) oder 5 Jahren (PreventCD-Studie).

Auch die Dauer des Stillens, dem ebenfalls eine protektive Bedeutung zugeschrieben wird, hatte keinen Einfluss auf die Erkrankungsrate. Einziger Risikofaktor war der HLA-Ge­no­typ. In der PreventCD-Studie hatten im Alter von 10 Jahren 38 Prozent der Kinder mit einem Hoch-Risiko HLA-Typ Autoantikörper im Blut und 26 Prozent waren erkrankt. Von den Kindern mit Standard HLA-Typ hatten 19 Prozent Autoantikörper und 16 Prozent eine manifeste Zöliakie. In beiden Endpunkten waren die Ergebnisse hoch signifikant.

Die Ergebnisse bedeuten nicht notwendigerweise, dass der Ansatz einer oralen Immun­toleranz (durch die Gabe von Gluten in den ersten Lebensmonaten) falsch ist. Es ist denkbar, dass die beiden Forscherteams „technische“ Fehler gemacht haben. So wurde in der PreventCD-Studie Gluten in einer sehr geringen Menge verabreicht, die nur etwa 2 bis 3 Prozent der Menge aus einer einzelnen Scheibe Brot entspricht. Auch die Art des Glu­tens könnte eine Rolle spielen, wie Jonas Ludvigsson und Peter Green vom Karolinska Institut in Stockholm im Editorial vermuten. In der Lebensmittelindustrie werde heute vermehrt ein sogenanntes „vital wheat gluten“ verwendet, ein von anderen Proteinen gereinigtes Glutenpulver.

Es ist aber auch möglich, dass die Ursache der Zöliakie an der falschen Stelle gesucht wurde. Neuere Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass weniger der Zeitpunkt der Gluten-Gabe eine Rolle spielt als die Besiedlung des Darms mit Bakterien. Dieser Frage geht derzeit die Celiac Disease Genomic Environmental Microbiome and Metabolomic Study (CDGEMM) nach.

© rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Bernett
am Sonntag, 5. Oktober 2014, 11:22

allergische Diathese ist Ursache der Coeliakie

Für die Entwicklung der Immuntoleranz sind richtig funktionierende Supressor- T- Lymphozyten im Bereich der Darmlymphe erforderlich. Dazu benötigt man 40 Mykrogramm Vitamin D3 pro Kilogramm KG täglich mindestens ein Jahr lang. Gluten mit kleiner Dosierung beginnen und zusätzlich 5 ml Olivenöl täglich! Es wird über die Darmlymphe resorbiert und fördert den Darmlymphefluss in Richtung Blutkreislauf. Über die Blutbahn kommen die Supressor-T- Lymphozyten in die Darmzotten und Bremsen hier die hyperergischen Reaktionen. Therapie in Studien versuchen!
5.000 News Medizin

Nachrichten zum Thema

20.07.16
Darmkrebs: Omega-3-Fettsäure-­haltige Nachrungsmittel senken Sterblichkeit
Boston – Der Verzehr von Fisch und die damit verbundene Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren könnte die Sterblichkeit von Darmkrebspatienten senken. Zu diesem Schluss kommen Forscher, die zwei......
08.07.16
Braucht Deutschland eine Zucker-Fett-Steuer?
In den europäischen Ländern und auch in Deutschland wird immer lauter über die Einführung einer Fett- und Zuckersteuer nachgedacht. Einige Länder haben sie bereits eingeführt und teilweise auch schon......
07.07.16
EU-Parlament lehnt irreführende Werbesprüche auf Koffein-Energydrinks ab
Straßburg – Das Europaparlament hat sich gegen irreführende Werbesprüche auf koffeinhaltigen Energydrinks ausgesprochen. In einer Entschließung lehnte die EU-Volksvertretung heute in Straßburg Pläne......
21.06.16
Mangelernährung bei Kindern: Große Defizite trotz eines positiven Trends
Berlin – Mangelernährung ist ein weit verbreitetes und oft noch unterschätztes Problem. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Bericht von Save the Children „Mangelernährung beenden – Jedes Kind......
17.06.16
Bestimmte pflanzliche Kost kann Diabetes-Risiko erhöhen
Boston – Nicht jede vegetarische Ernährungsweise kann einem Typ-2-Diabetes vorbeugen. Es gibt auch „ungesunde“ pflanzliche Lebensmittel, deren häufiger Verzehr in einer prospektiven Kohortenstudie in......
08.06.16
PREDIMED-Studie: Fette machen schlanker
Barcelona – Eine mediterrane Ernährung, die reich an pflanzlichem Fett aus Olivenöl oder Nüssen ist, hat in einer randomisierten Studie das Körpergewicht besser gesenkt als eine fettarme Diät. Dies......
03.06.16
Mainz – Gesetzliche Krankenkassen dürfen ihren vegetarisch und vegan lebenden Mitgliedern nicht pauschal anbieten, Zusatzkosten für Blutuntersuchungen zu übernehmen. Das gelte auch für spezielle......

Fachgebiet

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige