Politik

Versorgung: Von der Mühe herauszufinden, was wirklich nötig ist

Freitag, 10. Oktober 2014

Berlin – Wie wichtig angemessene Versorgungslösungen sind, hat eine Studie des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zum Notfalleinsatz ergeben. Aus Angaben von mehr als 120 DRK-Rettungsdiensten zieht das DRK den Schluss, dass nur jeder dritte Einsatz, für den zuvor die Notrufnummer 112 angerufen wurde, tatsächlich ein Notfall war. Das Rote Kreuz hatte für die Analyse die Einsätze an einem vorgegebenen Stichtag ausgewertet. Danach beruhte nur ein Fünftel der Einsätze auf einer Verordnung durch einen Arzt. Rund vier Fünftel wurden nach einem Anruf unter 112 durch die Einsatzleitstellen ausgelöst, es folgten bis auf wenige Ausnahmen Einsätze von Rettungswagen bezie­hungs­weise Notarzteinsatzfahrzeugen. Im Fall der Einsätze ohne ärztliche Verordnung war fast die Hälfte der Patienten über 70 Jahre alt.

Sachverständigenrat: Verschiedene Namen und Nummern verwirren Patienten
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat in seinem jüngsten Gutachten darauf verwiesen, dass Patienten häufig damit überfordert sind zu entscheiden, welchen Dienst sie im Notfall anrufen sollen. Dazu komme, dass der ärztliche Bereitschaftsdienst in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Bezeich­nungen trage.

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„So spricht die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hamburg vom ärztlichen Notfalldienst, die KV Baden-Württtemberg vom Notfalldienst, und manche KVen benutzen sowohl die Bezeichnungen Notfalldienst als auch Bereitschaftsdienst“, so der Rat. Dies führe zur Verwirrung. Auch könne ein Patient „den Schweregrad seiner Erkrankung nicht zuver­lässig einschätzen und entscheiden, welchen Dienst er anrufen muss“. Die Gesund­heitsweisen haben sich deshalb dafür ausgesprochen, eine einheitliche Rufnummer für alle Notfälle anzugeben. Auch sollten ärztlicher Bereitschaftsdienst, Rettungsdienst und Notfallaufnahmen in Krankenhäusern zusammengeführt werden.

Patientenbus und mobile Praxis: Die ersten Versuche sind gescheitert
Um passende Angebote für Patienten in ländlichen Räumen ging es auch bei einer gemeinsamen Veranstaltung von DRK und der Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen am 8. Oktober in Berlin. Dort schilderte Steffen Hampel, wie seit 2010 in umfangreichen Abstimmungen das Angebot eines Patientenbusses im Kreis Märkisch-Oderland/Brandenburg entwickelt wurde, der Busverkehr Ende 2012 startete ­– und wegen zu geringer Nachfrage Ende 2013 wieder eingestellt wurde.

„Je konkreter es wurde, desto schwieriger wurde es“, resümierte der Leiter des Gesundheitsamtes Märkisch-Oderland. Vieles musste zwischen der KV Brandenburg, dem Amt, den Zuständigen für den öffentlichen Nahverkehr, dem Kreistag und Ortsvorstehern abgestimmt werden. „Die Idee war nicht die schlechteste“, ist Hampel aber nach wie vor überzeugt.

Er betonte, dass es vor dem Start umfangreiche Befragungen unter der Bevölkerung und sorgfältige Bedarfsanalysen gegeben habe, vor allem vonseiten der KV Branden­burg. Sie hat im Rahmen ihres KV Regiomed-Konzepts schon mehrere Versorgungs­ansätze für ländliche Regionen entwickelt und umgesetzt. Als der Patientenbus endlich fuhr, allerdings immer nur dienstags, zeigte sich jedoch, „dass die nachbarschaftlichen und familiären Bande noch ausgeprägt genug sind“. Sehr viel weniger Bürger als angenommen nutzten tatsächlich den Bus. Deswegen waren auch die Kosten ein Problem: Rund  28.000 Euro wurden pro Jahr veranschlagt, 30 bis 50 Fahrgäste stiegen monatlich ein. Pro Kopf hätte eine Fahrt bei dieser Auslastung dauerhaft rund 50 bis 60 Euro gekostet.

Hampel findet gleichwohl, dass sich das Projekt gelohnt hat: Falls Familie und Freunde in Märkisch-Oderland später einmal als Fahrer zu Arztpraxen ausfallen, könnte man die Idee wiederbeleben – oder in anderen Regionen Deutschlands ausprobieren. Der Leiter des Gesundheitsamtes in Seelow betonte zudem, dass die vielen Abstimmungen unter den verantwortlichen Akteuren nicht umsonst waren: „Unsere Zusammenarbeit hat sich bewährt. Sie trägt auch für weitere Projekte.“

Geplant sind kommunale Gesundheitskonferenzen, wie es sie in anderen Bundesländern bereits gibt. Mehrere Arbeitsgemeinschaften haben sich gegründet; ihre Mitglieder wollen jeweils einzelne Themen angehen, beispielsweise ein Weiterbildungsnetzwerk Allgemeinmedizin etablieren, Maßnahmen zur Sturzprophylaxe von Senioren ergreifen und möglicherweise einen gemeindepsychiatrischen Verbund gründen.

Rollende Arztpraxis in Wolfenbüttel ist gestoppt
Eingestellt wird zum Ende des Jahres auch die rollende Arztpraxis in Wolfenbüttel/Nieder­sachsen. Dort übernahmen seit Sommer 2013 von der KV Niedersachsen angestellte Hausärzte die Versorgung in einigen abgelegenen Dörfern. Warteräume stellten die Gemeinden zur Verfügung, den Bus hatte Volkswagen bezahlt. Auch hier war die Nachfrage nicht so groß wie ursprünglich angenommen. Matthias Quickert von der Wietmarscher Ambulanz- und Sonderfahrzeug GmbH, der einen Prototyp der rollenden Praxis bei der Veranstaltung präsentierte, hält ein solches Angebot dennoch „für eine Antwort auf den demografischen Wandel“. Seine Überzeugung: „Wir meinen, dass es eine rollende Praxis für viele Einsätze sein kann.“ Ein solches Sonderfahrzeug könnten in ländlichen Regionen Zahnärzte und Fachärzte wie Gynäkologen, Hautärzte oder Urologen nutzen, aber auch Versorgungsassistentinnen oder Gemeindeschwestern.

Weil man in Deutschland mit einem PKW-Führerschein nur Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen fahren darf, soll eine rollende Praxis hierzulande nicht mehr wiegen. Größere Warte­bereiche im Fahrzeug oder rollende Praxen für Rollstuhlfahrer kann man dann nicht bauen. Doch in andere Länder liefert das Wietmarscher Unternehmen bereits schwerere, umfangreicher ausgestattete Fahrzeuge – bis hin zu halben Kliniken. Über rollstuhl­geeignete mobile Praxen denkt man bereits nach: „Wir werden uns dieser Problematik annehmen“, versicherte Quickert.

Patienten nicht wie Pingpongbälle bewegen
Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) hat davor gewarnt, dass eine wohnortnahe, gute medizinische Versorgung der Patienten außerhalb der Ballungs­gebiete bald nicht mehr möglich sein werde, auch weil immer mehr Kliniken auf dem Land schließen müssten. Menschen, die im hohen Alter oft unbeweglicher werden, seien von dieser Entwicklung besonders hart betroffen. Jörg Rüggeberg, Vizepräsident des BDC, forderte deshalb: „Wir müssen dringend mit einer gut funktionierenden sektorübergreifenden Versorgung beginnen.“

Die Versorgung von Patienten müsse übergreifend gestaltet werden, Untersuchungen sollten nicht grundlos doppelt ausgeführt werden. Statt „Patienten wie einen Pingpong­ball zwischen den Einrichtungen hin- und herzuschicken“, solle man sie „mit ent­sprechen­dem Informationsfluss zielgerecht in Klinik oder Praxis weiterbehandeln“, so der BDC. Auf diese Weise könnten zum Beispiel ältere Menschen, die nicht ins weiter entfernte Krankenhaus fahren können, in einer Praxis in vielen Fällen gleichwertig behandelt werden.

Rüggeberg betonte: „Konzepte dafür sind vorhanden. Nur muss dann auch die sektoren­übergreifende Bezahlung funktionieren. Das heißt: Für gleiche Leistungen muss auch gleich abgerechnet werden können.“ Er verlangte zudem, Facharztsitze nicht abzubauen, sondern Niederlassungen in ausreichender Zahl vorzusehen, um so die Lücken durch Krankenhausschließungen füllen zu können. Darüber hinaus sprach sich der BDC-Vize für mehr Flexibilität aus: Teilzeitarbeit und Rotationen zwischen Klinik und Praxis müssten dort möglich sein, wo es nötig und sinnvoll erscheine. © Rie/aerzteblatt.de

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