Ärzteschaft

„Wir haben noch nicht alle Ziele umgesetzt“

Montag, 27. Oktober 2014

Berlin – Vor 90 Jahren, am 25. Oktober 1924, wurde in Berlin der Bund Deutscher Ärztinnen (BDÄ) gegründet. Welche Gründe gab es damals für den Zusammenschluss, wo liegen die Schwerpunkte der Arbeit des Deutschen Ärztinnenbundes heute, was sind die zentralen Forderungen für die weitere Entwicklung. Das Deutsche Ärzteblatt sprach darüber mit Dr. med. Regine Rapp-Engels, der Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes.

5 Fragen an … Regine Rapp-Engels, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes

DÄ: Mittlerweile sind die Frauen bei den Medizin­studierenden in der Überzahl, und bald wird es auch mehr Ärztinnen als Ärzte geben. Ketzerisch gefragt: Braucht es da überhaupt noch einen Deutschen Ärztinnenbund, und wenn ja – warum?
Rapp-Engels: Das ist provokant gefragt, trifft aber durchaus aktuelle Diskussionen und Reflektionen im Deutschen Ärztinnenbund. Wir bestehen seit 90 Jahren und stellen immer wieder fest, dass unsere Ziele und Hoffnungen bis heute noch nicht umgesetzt wurden. Gleiche Karrierechancen für Ärztinnen und Arbeitsbedingungen, die für Männer und Frauen eine ausgewogene Balance zwischen Beruf, Privatleben und vielleicht sogar ehrenamtlichem Engagement ermöglichen, sind längst noch nicht erreicht. Und auch die dringend notwendige nach Geschlecht differenzierende Gesundheitsforschung und -versorgung ist noch nicht umgesetzt.

Dass Frauen zunehmend den größeren Anteil bei den Medizinstudierenden stellen, sagt überhaupt nichts über gleiche Chancen nach dem Studium aus. Gerade jüngere Ärztinnen treten in den DÄB ein, weil sie sich von diesem Verband erhoffen, dass er sie für Beruf und Karriere fit macht und sie in der Weiterbildung unterstützt - auch weil wir uns für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben einsetzen. Es gibt zwar immer mehr familienfreundliche Ansätze und vor allem reichlich verbale Bekundungen, dies reicht aber noch lange nicht aus. Nicht zuletzt wird die Forderung nach mehr Ärztinnen in Führungspositionen sowohl in der medizinischen Versorgung als auch in den Gremien der Universitäten und der ärztlichen Selbstverwaltung noch viele Jahre unsere Aktivitäten bestimmen. Nachdem nicht nur wir uns diesbezüglich über Jahrzehnte mit leider nur mässigem Erfolg engagiert haben, fordern wir inzwischen eine gesetzliche Quote.

DÄ: Als sich die Ärztinnen vor 90 Jahren zusammenschlossen – welche Probleme standen damals für sie im Vordergrund?
Rapp-Engels: Der damalige Bund Deutscher Ärztinnen (BDÄ) wurde 1924 auf Initiative des Internationalen Ärztinnenbundes in Berlin gegründet. Es waren damals keine berufs­politischen Absichten, die zur Gründung führten. Die Ärztinnen um die Berliner Frauen­ärztin Hermine Heusler-Edenhuizen beschäftigten sich zum Beispiel mit der Bearbeitung sozial-hygienischer Aufgaben vom Standpunkt der Ärztin als Frau und der Ausarbeitung von Vorschlägen für die sozial-hygienische Gesetzgebung. Ein weiteres Anliegen war die Sorge für die nicht mehr arbeitsfähigen älteren Kolleginnen sowie Unterstützung der jungen Medizinerinnen in ihren Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten.

Ab Mai 1924 veröffentlichte der BDÄ die Verbandszeitschrift ÄRZTIN, die bis heute existiert und drei Mal jährlich erscheint. War in der ersten ÄRZTIN noch davon die Rede, dass Ärztinnen „mit demselben Wissen und Können“ ergänzen, „was an der Arbeit des Mannes fehlt“, widmet sich die ÄRZTIN heute unter anderem der Karriere von Frauen in der Medizin sowie der Generation Y und der geschlechtsspezifischen Medizin und Gesundheit.

DÄ: In Ihrer Pressemitteilung berichten Sie, dass sich der Ärztinnenbund mit der Zeit nach 1933 auseinandergesetzt hat. Zu welchen Ergebnissen sind die Historikerinnen gekommen?
Rapp-Engels: Zunächst einmal sind wir den Professorinnen Johanna Bleker vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin und Eva Brinkschulte von der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg sowie unserer Kollegin Dr. med. Christine Eckelmann, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Wuppertal, sehr dankbar, dass sie dieses Kapitel unserer Geschichte aufgearbeitet und uns ihre Untersuchungen zum Nachdruck in der ÄRZTIN zur Verfügung gestellt haben.

Sie dokumentieren unter anderem, dass der Bund Deutscher Ärztinnen (BDÄ) schon im April 1933 die Gleichschaltung rasch vollzog, indem die Geschäftsführung in die Hände „arischer“ Mitglieder gelegt wurde. Ende Juni 1933 wurden alle jüdischen Kolleginnen auch von der einfachen Mitgliedschaft ausgeschlossen, darunter drei der sechs Mitglieder des Gründungsvorstands, Laura Turnau, Lilly Meyer-Wedell und Else Liefmann. Neue Vorsitzende wurde Lea Thimm, NSDAP-Mitglied seit 1926.

Besonders bewegt hat uns ein Zitat aus dem Tagebuch von Dr. Hertha Nathorff, die 1939 über London nach Amerika emigrierte und der seit 1995 eine Auszeichnung der Berliner Ärztekammer gewidmet ist. Sie schreibt über eine Versammlung der Berliner Ortsgruppe 1933: „Wie regelmäßig ging ich auch heute hin, trafen sich doch hier stets die angesehensten und bekanntesten Kolleginnen Berlins. ,Komische Stimmung heute‘, dachte ich. Als ,die deutschen Kolleginnen‘ zu einer Besprechung ins Nebenzimmer gerufen werden, steht eine Kollegin auf und fragt: ,Was heißt das, die deutschen Kolleginnen?‘ ,Natürlich alle, die nicht Jüdinnen sind‘, lautet die Antwort. So war es gesagt“, fährt Dr. Hertha Nathorff in ihrem Tagebuch fort, „schweigend stehen wir jüdischen und halbjüdischen Ärztinnen auf und mit uns einige ,deutsche‘ Ärztinnen. Schweigend verlassen wir den Raum, blass, bis ins Innerste empört.“

Mit dem Inkrafttreten der Reichsärzteordnung im April 1936 hatte sich der Bund Deutscher Ärztinnen wie auch andere berufspolitische Verbände selbst aufzulösen. Im März 1950 gründete sich der Deutsche Ärztinnenbund e.V. neu.

DÄ: Wo sehen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit in den nächsten Jahren?
Rapp-Engels:
Der Deutsche Ärztinnenbund sieht seine Aufgabe in den nächsten Jahren weiterhin darin, den Blick auf die Situation von Ärztinnen aus der Insidersicht zu schärfen und zum Beispiel den Mythos von der „Feminisierung“ in der Medizin zu korrigieren. Auch wenn die Studienanfängerinnen im Fach Medizin bei 63 Prozent angelangt sind, besteht aufgrund struktureller und mentaler Barrieren nach wie vor keine berufliche Chancen­gleichheit.

Bei der in letzter Zeit gern beschworenen „drohenden“ Feminisierung der Medizin handelt es sich faktisch um eine Wahrnehmungsstörung verunsicherter Kollegen. Derzeit beträgt der Frauenanteil der berufstätigen Mediziner rund 45 Prozent – hochgerechnet anhand der bisherigen Steigerungsraten werden Ärztinnen in Kliniken und Praxen frühestens etwa im Jahr 2027 entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung vertreten sein.

Nur rund 26 Prozent der Leitungsfunktionen in deutschen Krankenhäusern sind aktuell von Frauen besetzt, der Anteil der Chefärztinnen wird auf acht bis zehn Prozent geschätzt. Bei den W3/C4 Professuren stellen Frauen gerade mal 5,6 Prozent. Liegt der Frauenanteil bei den Doktoranden bei über 50 Prozent, so sind Ärztinnen bei der Habilitation noch mit 20 Prozent vertreten. Und bei den Wahlen zu den ärztlichen Körperschaften werden Wahllisten nach wie vor nicht paritätisch nach Geschlecht besetzt. Es muss also ein Kulturwandel stattfinden, damit sich perspektivisch ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auch in Führungspositionen wie bei Chef­ärztinnen, Klinikleitungen, in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung und in der Wissenschaft widerspiegelt

In den nächsten Jahren gilt es weiterhin, dringend notwendige familien- und frauen­freundliche Arbeitsbedingungen in Kliniken und Praxen forciert umzusetzen, statt den Ärztemangel zu beklagen. Hierzu gehört auch eine Novellierung der Mutterschutz­regelungen, die für Ärztinnen ein Berufsverbot bedeuten können. Auch die Forderung nach Beachtung der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Gesundheitsforschung und -versorgung hat nichts mit einer Feminisierung der Medizin zu tun, sondern vielmehr mit wissenschaftlichem Fortschritt und ethischer Verantwortung.

DÄ: Wie gut sehen Sie die Belange von Ärztinnen in der ärztlichen Berufspolitik vertreten und sehen Sie dort noch Verbesserungsmöglichkeiten?
Rapp-Engels: Zunehmend nehmen auch andere Verbände, wie beispielsweise der Marburger Bund oder der Hartmannbund, die Frauen in der Medizin in den Blick, primär unter dem Aspekt der Familienfreundlichkeit von Arbeitsbedingungen. Auch wenn das sicherlich zum Teil dem Ärztemangel geschuldet ist, ist es eine große Bestätigung unserer bisherigen Arbeit. Viele von uns sind in mehreren Verbänden und Fachgesell­schaften aktiv und können sich dort teilweise einbringen. Somit freut uns sehr, dass langsam auch das Thema „Faire Chancen im Arztberuf“ für Frauen aufgegriffen wird. Es gibt sogar dieses Jahr einzelne paritätisch besetzte Listen für die Kammerwahlen. An vielen anderen Stellen sehen wir jedoch nach wie vor noch großen Handlungsbedarf, so dass der Deutsche Ärztinnenbund e.V.- auch in der Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und Fachgesellschaften - als berufspolitisches Netzwerk von Ärztinnen unverzichtbar bleibt. © TG/aerzteblatt.de

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