Politik

Palliativmedizin kann Leiden praktisch immer lindern

Donnerstag, 6. November 2014

Berlin – Die Palliativmedizin kann praktisch allen schwerkranken Patienten beistehen und ihre belastende Krankheitssymptome wie Schmerzen, Luftnot, Übelkeit oder Angst wie auch psychosoziale Belastungen lindern. „Es gibt keine Situation, in der die Palliativ­medizin nichts mehr anzubieten hat“, betonte Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), bei einem parlamentarischen Abend zum Thema Sterbehilfe, zu dem die wissenschaftliche Fachgesellschaft gemeinsam mit dem Deutschen Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) eingeladen hatte.

In der gegenwärtigen Diskussion um das Thema Sterbehilfe fordern verschiedene Akteure, dass es Ärzten unter bestimmten geregelten Bedingungen erlaubt sein sollte, schwerkranken Patienten beim Suizid zu helfen. Die Erfahrungen aus der klinischen Praxis zeigen aber laut der Fachgesellschaft, dass eine adäquate ambulante und stationäre Hospiz- und Palliativversorgung Möglichkeiten bietet, mit denen der Wunsch nach Beihilfe zum Suizid in den allermeisten Fällen ausgeräumt werden könne.

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„Den sehr wenigen Patienten, bei denen keine ausreichende Symptomlinderung erreicht werden kann, bleibt die palliative Sedierung als Option, um unerträgliches Leid zu lindern“ so der Arzt und Wissenschaftler Radbruch. Sie könne als Ultima Ratio das Bewusstsein reduzieren oder ausschalten, um so die Belastung durch unerträgliches und durch keine anderen Mittel beherrschbares Leiden zu lindern. Das Ziel der palliativen Sedierung liege „eindeutig in der Symptomlinderung, nicht in einer Beschleunigung des Todeseintrittes“, unterstreicht die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin in einer aktuellen Veröffentlichung.

Palliative Sedierung: Mit großer Sorgfalt und klinischer Erfahrung

Über eine Behandlungsoption, die die Zeit bis zum Eintritt des Todes erträglicher gestalten kann Bei den meisten schwerstkranken Patienten lassen sich Schmerzen und Luftnot mit Hilfe der Palliativmedizin gut in den Griff bekommen. Aber einige Symptome, wie beispielsweise die massive Angst vor dem Ersticken, kann ihnen letztendlich oft nicht genommen werden.

Eine qualifizierte palliativmedizinische Aus- und Weiterbildung sowie der kontinuierliche Austausch der in der Palliativversorgung Tätigen sei essentiell und habe in den vergangenen 20 Jahren vieles vorangebracht, hob Heiner Melching als Geschäftsführer der Fachgesellschaft auf der Veranstaltung hervor. Den großen Ängsten der Menschen, irgendwann einer lebensbedrohliche Erkrankung hilflos ausgeliefert zu sein, könne man eine breite Palette ambulanter und stationärer palliativmedizinischer Möglichkeiten entgegensetzen.

Bis Ende 2013 haben über 8.000 Ärzte bundesweit die Zusatzbezeichnung „Palliativmedizin“ erworben. Sie gehört mittlerweile verpflichtend als eigenständiges Querschnittsfach zur universitären Ausbildung von Medizinstudierenden. Mehr als 20.000 Pflegende haben außerdem laut der Fachgesellschaft die Palliative-Care‐Weiterbildung nach den anerkannten Kriterien der DGP und des DHPV durchlaufen. Für weitere Berufsgruppen existierten eigene Curricula.

© hil/aerzteblatt.de

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Staphylococcus rex
am Samstag, 8. November 2014, 17:55

Nachtrag

Auch ich bin Arzt und ich bin kein Verfechter des Suizids. Ich teile nicht den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Wenn das Leben gewaltsam beendet wird, dann kommt das große Nichts. Solange es auch nur einen einzigen Grund zum Leben gibt, solange ist das Leben es wert gelebt zu werden.

Ich habe Suizidfälle im entfernteren Bekanntenkreis miterlebt (alle außerhalb der Problematik der Sterbehilfe). Kein einziger von denen hätte durch schärfere Gesetze verhindert werden können. Der richtige Weg einen potentiellen Selbstmörder von seinem Vorhaben abzubringen, besteht nicht darin es ihm zu verbieten, sondern ihn vom Wert des Lebens zu überzeugen. Um in dieser Diskussion glaubwürdig zu sein, muss das Gespräch formell ergebnisoffen geführt werden. Wenn der Gesetzgeber die Beihilfe zum Suizid kriminalisiert (auch wenn kein Rezept ausgeschrieben wird, aber wenn Kontaktadressen vermittelt werden, ist das auch Beihilfe?), dann wird der Zugang des Arztes zu seinem Patienten in einer kritischen Lebensphase sehr erschwert.

Einige Patienten mögen durch eine Verschärfung der Gesetze vom Suizid abgehalten werden, andere werden gerade durch die fehlende Aufklärung in den Suizid getrieben.

Ich entschuldige mich dafür, daß ich in meiner Diskussion Suizid und Beihilfe zum Suizid nicht sauber voneinander trenne. Aber wenn Suizid zur Straftat erklärt wird, ist auch die Beihilfe dazu strafbar. Wenn dagegen Suizid zwar unmoralisch ist aber nicht als Straftat gewertet wird, dann kann die Beihilfe dazu nicht als Straftat gewertet werden. Die Beihilfe zu einer Tat ist per Definition weniger schwerwiegend als die Tat selbst. Wenn aber Suizid zur Straftat erklärt wird, hat dies weitreichende Konsequenzen, über die uns die Juristen in dieser Runde sicher besser aufklären können...
Staphylococcus rex
am Samstag, 8. November 2014, 17:07

Wo bleiben Sachfragen und Pragmatismus?

In der aktuellen Diskussion wird zwischen den Extremen polemisiert, zwischen absoluter Freigabe und absolutem Verbot. Aber was ist schlecht an der jetzigen Rechtslage?

Zum jetzigen Zeitpunkt sind Suizid und Beihilfe zum Suizid straffrei, Tötung auf Verlangen und Mord sind selbstverständlich strafbar. Es existiert also eine klare rote Linie. Dank der Angebote der Palliativmedizin und des Engagements vieler Helfer sowie des natürlichen Selbsterhaltungstriebes der Menschen, dürfte die Zahl der Personen, die auf einen assistierten Suizid angewiesen sind (weil sie aus eigener Kraft dazu nicht mehr in der Lage sind) verschwindend gering sein.

Die andere Seite beim assistierten Suizid sind die Helfer. Auch beim jetzigen Stand der Dinge kann kein Arzt zur Beihilfe verpflichtet werden. Er kann sich jederzeit auf seinen hippokratischen Eid berufen, und auch formell gibt es weder im EBM noch in der GOÄ dafür Abrechnungsnummern und wird es auch nicht geben. Somit ist diese Beihilfe auch keine einforderbare ärztliche Leistung. Beihilfe bedeutet, daß der Sterbewillige den letzten Schritt selbst vollziehen muss (sonst wäre es Tötung auf Verlangen). Aus forensischer Sicht ist es aber sehr schwer zwischen Beihilfe zum Suizid und zwischen Tötung auf Verlangen zu unterscheiden. Hier gibt eine Rechtsunsicherheit, und hier sind gute Ideen hilfreich, die dem Ermittler bei der Abklärung eines nichtnatürlichen Todes (ein Suizid ist per Definition kein natürlicher Tod) den Weg weisen.

Es würde mich sehr freuen, wenn in der weiteren Diskussion die Beteiligten nicht nur ihre Position darlegen, sondern auch begründen würden, warum eine Änderung der aktuellen Rechtslage notwendig ist, und all dies ohne Einflechtung religiöser Argumente. Wir haben in unserer Verfassung das Prinzip der Glaubensfreiheit, dies bedeutet aber auch, das den "Ungläubigen" nicht die religiösen Dogmen einer Glaubensgemeinschaft aufgezwungen werden dürfen.

Im übrigen ist die Diskussion um den assistierten Suizid nur eine der vielen Fronten in der Wertediskussion in unserer Gesellschaft, bei Fragen zur Abtreibung, PID und vielen anderen Themen werden sich die gleichen Gräben auftun. Und jedes Mal stellt sich die Frage, ob moralische Aspekte und die abstrakte Schutzfunktion des Staates es rechtfertigen, in grundlegende Freiheitsrechte einzugreifen. Ich möchte nur darauf hinweisen, wie mühsam der Weg der Aufklärung war und wie viele Menschen in der Geschichte durch die missbräuchliche Anwendung einer Ideologie ihren Tod fanden. Sollten deshalb die Bedenken, die Christen bei dieser Diskussion haben, nicht besser in einem bischöflichen Hirtenbrief thematisiert werden? Oder haben christliche Würdenträger so wenig Zutrauen in die Glaubensfestigkeit ihrer Schäfchen, daß sie unbedingt per Gesetz auf den rechten Pfad gebracht werden müssen? Auch wird in der aktuellen Diskussion den "Ungläubigen" bei aufmerksamer Betrachtung der Wortwahl das Fehlen moralischer Grundsätze unterstellt und mit dem Alleinvertretungsanspruch der christlichen Ethik die Notwendigkeit begründet, den Rest der Bevölkerung vor sich selbst zu bewahren.
EEBO
am Samstag, 8. November 2014, 13:16

Auch wieder hier?

Guten Tag, advokatus diaboli,

es freut mich, daß auch Sie in schöner Regelmäßigkeit bei jedem Beitrag, der sich mit dem Thema "Lebensende" beschäftigt, doch gravitätische Postings erzeugen.

1. Palliativmedizin ist durch ihre Entstehungsgeschichte (vgl. die Intention von Cicely Saunders, in D Ch. Student) christlich geprägt, was sich bis heute auswirkt, und die meisten Hospizträger sind christlich (und nicht etwa humanistisch-antikonfessionell). Doch das nur nebenbei.
2. Jenseits der Frage, welches die ethischen Wurzeln der Palliativ- und Hospizbewegung sind, tritt klar zutage, daß die Frage der Lebenserhaltung und der sog. Selbstbestimmung doch recht unterschiedlich bewertet werden. Gerade auch aufgrund der Möglichkeiten, die die Palliativversorgung heute bietet, und auch eigener Erfahrungen in diesem Bereich, lehne ich eine Erleichterung der Selbsttötung ab. Ich bin der festen Überzeugung, daß sich das Selbstbestimmungsrecht des Menschen schlecht gegen die Pflicht von Staat und Gesellschaft, das Leben zu schützen, aufrechnen lassen kann.

3. Advokatus diaboli hat in einem früheren Posting zum Ausdruck gebracht, daß er nicht jedem Menschen das Recht auf einen erleichterten Suizid zubilligen mag. Gewiß sind wir uns weitgehend einig, wenn wir feststellen, daß ein akut liebeskranker Teenager sicherlich im Affekt handeln würde und somit kein Kandidat für eine "Todespille" wäre. Was aber, wenn mich ein Mensch, "alt und lebenssatt" anspräche, oder ein Mensch, der, säkular-humanistisch geprägt, sich die Stoa der Alten zum Vorbild nähme? Sollte ich solchen Menschen, die in Selbstbestimmung, und nicht durch schwere Krankheit gezeichnet, eine wohlabgewogene Entscheidung getroffen haben, einen erleichterten Freitod nicht ermöglichen? Hieran zeigen sich die Inkonsequenzen und Probleme, die die Freigabe eines assistierten Suizids durch Ärzte und Vereine nach sich zöge.

4. Gewiß ist die Abkoppelung von Geist und Körper durch Krankheit ein Zustand, den fast alle Menscchen entsetzlich finden dürften, besonders dann, wenn im Anfangsstadium dies noch bewußt wird. Trotzdem ist der aktuell in den Medien diskutierte Fall gerade kein gutes Beispiel, um eine erweiterte Freigabe des assistierten Suizids zu fordern: Da wird einer jungen Frau gesagt, daß sie noch ein ganzes Jahr zu leben habe - welcher Arzt kann denn bitte so genau in die Zukunft blicken? Dann also entschließt sich diese Frau, sich nach dieser Frist das Leben zu nehmen - wer kann hier noch von einer selbstbestimmten Entscheidung sprechen, hinter der wohl doch nicht Abgeklärtheit, sondern eine große Angst steckte? Formaljuristisch wird sicherlich festzustellen sein, daß niemand diese Frau gedrängt haben mag, aber wahre Freiheit sieht für mich anders aus.

In eigener Sache: Als Arzt habe ich (bis auf Betäubungsmittel) einen überaus leichten Zugang zu allen nur erdenklichen Pharmaka - ein auf mich selbst ausgestelltes Privatrezept oder der Arztausweis genügen, um einer tödlichen Dosis Luminal, Insulin, Chloralhydrat oder was auch immer habhaft zu werden und sich damit schmerzlos aus der Welt zu schaffen. Sicherlich kann daher die Frage gestellt werden, ob jemand, der für sich selbst solche Möglichkeiten hätte, sie so einfach anderen verwehren sollte.
advokatus diaboli
am Freitag, 7. November 2014, 21:06

Sonderethik der Palliativmedizin? Wo bleibt der Patient mit seinem Willen?

Die ethische und im Zweifel moralische Diskreditierung der Liberalisierungsbestrebungen des ärztlichen Berufsrechts mit Blick auf die ärztliche Assistenz bei einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Patienten durch namhafte Vertreter der Palliativmedizin und ihrer Verbände – verbunden mit einer teilweisen Verklärung der arztethischen Motive und Ziele – muss im interdisziplinären Diskurs über das frei verantwortliche Sterben auf nachhaltige Bedenken stoßen, leisten doch die Vertreter der Palliativmedizin gebetsmühlenartig einen mehr oder minder bedenklichen Beitrag zur Denaturierung zentraler Grundrechte nicht „nur“ ihrer ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, sondern auch solche der schwersterkrankten Patienten, ggf. auch flankiert von Expertisen aus der Feder von Verfassungs- und Medizinrechtsexperten, die sich in erster Linie einer höchst konservativen Verfassungslehre „verschrieben“ haben und hierbei ihren dogmatischen Überlegungen ein christliches Menschenbild und einen „Würde“-Begriff zugrunde legen, denen angesichts der Pluralität von „Werten“ und „Menschenbildern“ jedenfalls keine entscheidende Präferenz in einem Diskurs zukommen – einem Diskurs, der sich zuvörderst durch eine „Offenheit“ auszeichnet. Maßgeblich ist und bleibt m.E. im Diskurs die Binnenperspektive des Schwersterkrankten und Sterbenden, freilich getragen und abgesichert durch den hohen Rang des Selbstbestimmungsrechts und von dieser Warte aus muss auch die Palliativmedizin resp. ihre Vertreter anerkennen, dass die Palliativmedizin zunächst „nur“ eine Behandlungsoption ist, für die sich der Patient als „Behandlungsalternative“ entscheiden kann aber eben nicht muss, geschweige denn die Debatte erst dann geführt werden sollte, wenn und soweit die Palliativmedizin entsprechend flächendeckend ausgebaut worden ist und dementsprechend angeboten werden kann.

Jenseits von Diskussionen über den schillernden Begriff „Würde“ und seiner jeweiligen Inanspruchnahme durch verschiedene „Ideologien“, Lehren und „Schulen“ sollte es möglich sein, sich in der Debatte auf das Wesentliche zu konzentrieren!

Hierzu dürfte m.E. in erster Linie die Binnenperspektive des Individuums sein, welches sich am Lebensende frei von gesellschaftlichen „Konventionen“ und damit scheinbaren moralischen und ethischen Bindungen im wahrsten und besten Sinne des Wortes frei (!) in aller Freiheit entscheiden kann.

Wir laufen in der Debatte Gefahr, dass sowohl die eine als auch andere „Seite“ die Schwersterkrankten und Sterbenden für ihre jeweiligen Zwecke instrumentalisieren und somit im Begriff sind, selbst einen Beitrag zur Marginalisierung zentraler Grundrechte zu leisten, die im Laufe der Jahrhunderte „hart“ erkämpft wurden.
Spätestens am Ende eines sich neigenden Lebens darf der schwersterkrankte und sterbende Patient auch als eine ehemals gemeinschaftsgebundene Person sich als egozentrischer Individualist „erweisen“ und allen gesellschaftlichen und moralischen Wunschvorstellungen zum Trotz die eigene Regie über seinen Tod führen, ohne hierüber Rechenschaft vor der Gesellschaft oder nahestehenden Angehörigen abzulegen, mag auch ein Gespräch mit den Angehörigen sich in letzter Konsequenz als wünschenswert, vielleicht auch moralisch geboten sein.
Entscheidend aber ist und bleibt die Binnenperspektive des schwersterkrankten Patienten und ich meine, von dieser Warte aus betrachtet sollte das „Ob“ einer Liberalisierung insbesondere des ärztlichen Berufsrechts mit seinem „Verbot“ der ärztlichen Suizidassistenz nicht weiter zur Debatte stehen, sondern allenfalls noch das „Wie“ im Sinne eines rechtssicheren Verfahrens. Sofern die Palliativmedizin sich hierzu außerstande sieht, mögen wir dies respektieren, wenngleich uns diese Entscheidung nicht weiter beindrucken sollte, lassen sich doch in der Folge sicherlich Mediziner davon überzeugen, im Zweifel es mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, bei einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Patienten zu assistieren. Schwersterkrankte und sterbende Patienten sind angesichts ihres individuellen, manchmal unerträglich empfundenen Leids nicht verpflichtet, am Ende ihres Lebens einen Beitrag zur gesellschaftlichen oder intraprofessionellen Moral und Ethik zu leisten – einer „Moral“, die im Übrigen – soweit ersichtlich – jedenfalls hinsichtlich des Freitods eines Schwersterkrankten in weiten Teilen der Bevölkerung ganz entscheidend von den Moralvorstellungen etwa der Theologen als eben auch so mancher Ärztefunktionäre und Palliativmediziner nebst ihrer Verbände abweicht!

Dies mögen wir respektieren und soweit dies gelingt, könnte der bioethische Hochdiskurs über das frei verantwortliche Sterben eines Schwersterkrankten auf höchst unspektakuläre Weise befriedet werden. Gebt den Ärzten ihre Freiheit zur individuellen Gewissensentscheidung wieder zurück und der parlamentarische Gesetzgeber möge eine verfassungskonforme Regelung auf den Weg bringen, bei der die Binnenperspektive des Schwersterkrankten die einzig legitime Richtschnur ist, ohne hierbei das Selbstbestimmungsrecht verklären zu wollen.

Es bleibt ein fader Beigeschmack, zumal mittlerweile die „Palliativmedizin“ gerade von ihren Vertretern wie „Sauerbier“ angepriesen wird, ohne vielleicht hierbei zu erkennen, dass die Palliativmedizin an ihren eigenen Machbarkeitsvorstellungen zwar nicht zu scheitern droht, aber letztlich sich Zweifel an ihrer ethischen Integrität und wünschenswerter Toleranz mehren, zumal mit Blick auf das „oberlehrerhafte Verhalten“ gegenüber den eigenen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, die so gesehen als „arztethisch verroht“ gelten müssen, wenn diese für eine Liberalisierung der ärztlichen Suizidassistenz votieren.
Staphylococcus rex
am Donnerstag, 6. November 2014, 23:26

Die Grenzen der Palliativmedizin

Die Möglichkeiten der Palliativmedizin werden in diesem Artikel gut beschrieben. Auf eine Frage vermisse ich hier eine Antwort. Was kann die Palliativmedizin machen bei einem bevorstehenden Tod der Persönlichkeit? Wenn z.B. wie im aktuellen Fall in den USA jemand einen Hirntumor hat und es offensichtlich ist, daß die Persönlichkeit deutlich früher stirbt als der Rest des Körpers.

Körper und Geist gehören zusammen, und wenn der Geist gehen muß, ist es für mich nicht ehrenrührig, in einem letzten Akt der Selbstbestimmung den Körper auf diese Reise mitzunehmen. Der Freitod dieser jungen Frau ist sicher eine schwere Belastung für ihre Familie, aber sie hat sich offensichtlich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht und weder die Angebote der Seelsorge noch die Angebote der Palliativmedizin konnten sie von ihrem Vorhaben abbringen.

Bei der ganzen Diskussion um die Sterbehilfe frage ich mich, wer von einer Verschärfung der Gesetzeslage profitieren würde und was die Konsequenzen einer verschärften Regelung wären.

Die Prohibition in den USA in den 30-er Jahren wollte die Bürger vor dem Alkoholismus bewahren. Im Endeffekt haben die Bürger nicht weniger getrunken, und der Alkoholschmuggel wurde zur Keimzelle und zur Kaderschmiede des organisierten Verbrechens. Das Bedürfnis der freien Willensausübung gehört zu den grundlegenden Eigenschaften der Menschen, und wenn dieses Bedürfnis durch den Staat beschnitten wird, dann wird es sich auf illegalen Wegen seinen Weg bahnen.

Und wenn wir beim Thema Suizid die Entscheidungsfreiheit der Menschen zu sehr beschneiden, dann treiben wir sie geradewegs in die Hände von Quacksalbern und Mafiosi. Und für die ist die Würde des Menschen auf jeden Fall Nebensache, aber sicher ist, daß diese Personen sich ihr Risiko sehr gut bezahlen lassen werden. Und diese Frage muss sich deshalb jeder Arzt selbst stellen: Wollen wir nur unser Gewissen beruhigen oder wollen wir unseren Patienten wirklich helfen auch auf das Risiko hin, daß wir uns dabei unsere Hände schmutzig machen?
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