Ausland

„Länder wie Deutschland tragen eine große Verantwortung“

Donnerstag, 6. November 2014

Angelika Claußen ist Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Mitglied der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW und hat im Oktober 2014 Flüchtlingscamps um die kurdischen Städte Dohuk und Erbil besucht. In der Region befinden sich hundert­tausende Menschen, die vor dem Terror des Islamischen Staates (IS) aus dem Sindschar Gebirge geflohen sind.

5 Fragen an Angelika Claußen, Mitglied der IPPNW

DÄ: Was hat Sie dazu bewogen, in den Nordirak zu reisen?
Claußen: Ich war 2003 schon einmal in der Region, zur Zeit des Irakkriegs. Damals wegen eines Projektes zur psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung von irakischen Ärzten, das die IPPNW unterstützt hat.

Als dieses große Flüchtlingselend im Zusammenhang mit den Angriffen des IS aufgetreten ist, habe ich mich dazu entschlossen, noch einmal in die Region zu reisen, weil ich mit eigenen Augen sehen wollte, was sich dort abspielt. Ich habe yesidische Freunde. Ich bin dann mit zwei jesidischen Frauen – Schwestern, die im Nordirak ein Waisenhaus gründen wollen – nach Dohuk gereist.

DÄ: Unter welchen Bedingungen leben die Flüchtlinge?
Claußen: Die Situation in den Camps ist schrecklich. Die meisten Zelte sind nicht winterfest, es ist keine warme Kleidung vorhanden, und bald wird es dort sehr kalt. Zudem sind die hygienischen Verhältnisse miserabel. Die UNHCR-Norm besagt, dass für 68 Personen eine Toilette bereitgestellt werden muss. Ich finde das unzumutbar. Die Frauen haben uns berichtet, dass sie dort gar nicht auf die Toilette gehen, weil sie von männlichen Flüchtlingen bedrängt werden. Es gibt zudem bisher noch überhaupt keine Schulen für die Kinder. Die kurdische Regionalregierung versucht schon viel für die Flüchtlinge zu unternehmen, aber die zuständigen Behörden sind aufgrund der Masse an Flüchtlingen schlichtweg überfordert.

Wir haben verschiedene Camps besucht. Ein Lager war ein sogenanntes „wildes“ Flüchtlingslager, das Flüchtlinge selbst errichtet hatten. In der Stadt Xanki hatte ein jesidischer Großgrundbesitzer die Fläche zur Verfügung gestellt. Dort sind 3.000 jesidische Flüchtlinge untergebracht. In der Nähe gibt es aber auch noch ein großes offizielles Lager, wo rund 30.000 Flüchtlinge leben. In Dohuk haben wir zudem jesidische Flüchtlinge besucht, die in Schulen untergebracht worden sind. Mitglieder der assyrischen Minderheit haben in einem assyrischen Kulturzentrum Unterschlupf gefunden.

Während anfangs viele Flüchtlinge unter Brücken oder in baufälligen Häusern Schutz gesucht haben, sind inzwischen nach offiziellen Zahlen 90 Prozent der 630.000 Flüchtlinge, die aus Sindschar nach Dohuk geflohen sind, in Flüchtlingscamps, Schulen oder anderen Einrichtungen untergekommen.

Die assyrischen Flüchtlinge, die wir getroffen haben, haben auch viel in Eigenregie oder mit der Hilfe von christlichen Hilfsorganisationen organisiert. Allerdings ist die Anzahl dieser Flüchtlinge auch nicht so hoch. Das sind circa 23.000 Personen, die in Dörfern untergekommen sind.

DÄ: Was haben Sie über das Leid der Flüchtlinge erfahren?
Claußen: Ich habe durch meine Kontakte eine Gynäkologin kennengelernt, die momentan ein Projekt für „Rückkehrerinnen“ startet. Damit sind die Frauen gemeint, die von der IS-Miliz entführt worden sind, und von ihren Familien zurückgekauft wurden. Dadurch konnte ich einiges über die persönlichen Schicksale der Flüchtlinge erfahren. Die Entführungen liefen meist wie folgt ab: Die meisten Entführten wurden von ihren Nachbarn verraten. Viele Menschen haben mit dem IS kooperiert. Die IS-Milizionäre trennen dann Männer und Frauen. Die Frauen werden nach Alter und Aussehen sortiert, als Sexsklavinnen missbraucht oder gezwungen als Hausdienerinnen zu arbeiten. In den ersten Tagen findet zudem in der Regel eine Zwangsislamisierung statt.

Verband Kurdischer Ärzte in Deutschland e.V.

Stichwort: Spende für Flüchtlinge in Kurdistan
Deutsche Apotheker und Ärztebank
IBAN: De 39 3006 0601 0008 7790 23 | Konto Nr: 0008779023
BIC: DAAEDEDDXXX | BLZ: 30060601

Jiyan Foundation (ehemalig:  Kirkuk Center for Torture Victims)

Kirkuk Center for Torture Victims
Bank fuer Sozialwirtschaft Berlin
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER
IBAN: DE14100205000003139601

Ich habe mit einer Frau gesprochen, die berichtete, dass ihre beiden Töchter – jung und schön – nach Mossul verschleppt, und von dort weiterverkauft wurden. Ihr Ehemann ist angeblich noch in IS-Gefangenschaft, genauso wie einer ihrer Söhne. Zehn ihrer Familienangehörigen sind direkt beim Überfall des IS ums Leben gekommen. Sie selbst ist am Ende ihrer Gefangenschaft in einer arabischen Familie gelandet. Nach einiger Zeit hat man ihr ein Telefon gegeben, damit sie ihre Familie anruft, um ein Lösegeld auszuhandeln. Mich hat besonders die Mittäterschaft der Nachbarn schockiert. Es gibt dort ganz viele Menschen, die vom Leid der anderen profitieren wollen.

Nach der Rückkehr in die eigene Familie muss mit psychischen Erkrankungen, mit den verschiedenen Formen der posttraumatischen Störungen gerechnet werden: posttraumatische Belastungsstörungen, schwere Depressionen, Suizidalität. Nach dem Überleben, wenn etwas Ruhe eingekehrt ist, realisieren Betroffene erst das ganze Ausmaß der Verluste ihrer geliebten Angehörigen.

DÄ: Wie ist es um die psychologische Betreuung der Flüchtlinge bestellt?
Claußen: Auf Anraten eines Bekannten, der kurdischstämmiger Psychologe ist, habe ich in Dohuk ein psychologisches Behandlungszentrum der Jiyan-Stiftung besucht, das sehr gut ausgestattet war. Dort werden monatlich 200 Menschen behandelt. Doch vor dem Hintergrund, dass in der Gegend 630.000 Flüchtlinge leben, sind die Kapazitäten natürlich viel zu klein. Dieses Behandlungszentrum organisiert mobile Sprechstunden in den Flüchtlingslagern. Zur Behandlung der Hunderttausenden von neue Flüchtlingen, die jetzt angekommen sind, müssten neue Zentren eingerichtet werden und das Personal aufgestockt werden.

Außerdem habe ich die psychologische Fakultät in Dohuk und ein psychiatrisches Krankenhaus besucht. Alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben mir gesagt, dass dringend Unterstützung durch Psychologen, Sozialarbeiter und Krankenschwestern benötigt wird. Es wäre hilfreich, wenn deutsche Universitäten mit den dortigen Fakultäten in Dohuk und Erbil Universitätspartnerschaften eingingen, um die psychotherapeutische Ausbildung   des Personals zu unterstützen.

DÄ: Was müsste die Internationale Gemeinschaft unternehmen, um das Leid der Flüchtlinge zu lindern?
Claußen: Ich finde Länder wie Deutschland tragen eine große Verantwortung. Es gibt eine Forderung, dass Deutschland 100.000 Flüchtlinge aufnehmen soll. In Syrien sind rund sieben Millionen Menschen auf der Flucht; im Irak sind es auch mehrere Millionen. 100.000 Flüchtlinge aufzunehmen, ist bei weitem nicht zu viel verlangt. Deutschland hat bisher 44 Millionen Euro für Nothilfe bereitgestellt, eine Aufstockung auf 100 Millionen noch dieses Kalenderjahr wäre angesichts der hohen Summen für Waffenexporte in den Irak angemessen.

Die akute Nothilfe für die irakische ebenso wie für die syrischen Flüchtlinge, auch in psychosozialer Hinsicht, steht an erster Stelle. Sowohl im Irak als auch in Syrien sind genug Waffen vorhanden.wie man den jüngsten Länderberichten des BICC (Bonn International Center for Conversion) entnehmen kann. Stattdessen muss die Bundesregierung Schritte zur Eindämmung des Waffenhandels unternehmen. Der Genozid an den Jesiden und den anderen verfolgten religiösen und ethnischen Minderheiten muss strafrechtlich verfolgt werden. Schritte zu einer Friedensordnung in der Region und zur Konfliktlösung sind nur gemeinsam mit allen betroffenen Staaten der Region und durch die UNO auf dem Boden des geltenden Völkerrechts möglich. © Ol/aerzteblatt.de

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EEBO
am Samstag, 8. November 2014, 12:22

Aha...

In der Anonymität des Internets zeigt sich so manche seltsame Einstellung - da wird also von Schutzmächten gesprochen - sollen wir vielleicht erst einmal die Flüchtlinge abfragen, nach Art eines Katechismus, und dann entscheiden, ob wir sie ins Land lassen? Schutzmächte, das erinnert mich irgendwie an das 19. Jh. Und ja, natürlich sollten die Anrainerstaaten zunächst ihren Teil beitragen, und wenn es um Länder wie Katar geht, reich und am Terror nicht ganz unschuldig, ist dies erst recht zu fordern. Aber ich glaube doch, daß ein so reiches Land wie Deutschland weder ökonomisch, noch kulturell an seiner Aufnahmegrenze angekommen ist. Hier geht es um die Frage einer vernünftigen Verteilung von Geldern und Flüchtlingen über unser Land - sollte das nicht zu schaffen sein?
M. Malone
am Freitag, 7. November 2014, 12:21

Traumtänzerei

Hochverschuldete Städte in NRW ächzen unter der Last und bekommen maximal 20 % der Flüchtlingskosten erstattet.
Den Rest bezahlen die Einwohner über Gebühren, Schließungen etc.
Es findet ein Kampf und eine Kannibalisierung um soziale Recourcen an der Basis statt unter ohnehin benachteiligten Gruppen.
Moralapostel wie Herr Montgomery(ich nehme an daß Herr M. über seine diversen
Tätigkeiten m Aufwandsentschädigungen ein Monatsgehalt in Höhe eines durchschnittlichen Jahresgehaltes incl. Dienste eines Kollegen hat(Chefärzte ausgenommen.) sollten endlich aufhören Kollegen und Bevölkerung zu traktieren, Selters zu predigen und selbst Champ. zu trinken.
Wie sieht es denn mit innergesellschaftlicher Solidarität zwischen Besitzenden und Habenichtsen hier aus.
Dann bitte eine faire Diskussion, eine Vermögensabgabe u/ó. Soli für Flüchtlinge und es wäre mit dem moralischen Diktat von Herrn M. und anderen schnell zu Ende.
M. Malone
am Freitag, 7. November 2014, 12:21

Traumtänzerei

Hochverschuldete Städte in NRW ächzen unter der Last und bekommen maximal 20 % der Flüchtlingskosten erstattet.
Den Rest bezahlen die Einwohner über Gebühren, Schließungen etc.
Es findet ein Kampf und eine Kannibalisierung um soziale Recourcen an der Basis statt unter ohnehin benachteiligten Gruppen.
Moralapostel wie Herr Montgomery(ich nehme an daß Herr M. über seine diversen
Tätigkeiten m Aufwandsentschädigungen ein Monatsgehalt in Höhe eines durchschnittlichen Jahresgehaltes incl. Dienste eines Kollegen hat(Chefärzte ausgenommen.) sollten endlich aufhören Kollegen und Bevölkerung zu traktieren, Selters zu predigen und selbst Champ. zu trinken.
Wie sieht es denn mit innergesellschaftlicher Solidarität zwischen Besitzenden und Habenichtsen hier aus.
Dann bitte eine faire Diskussion, eine Vermögensabgabe u/ó. Soli für Flüchtlinge und es wäre mit dem moralischen Diktat von Herrn M. und anderen schnell zu Ende.
L.A.
am Freitag, 7. November 2014, 10:38

"Deutschland trägt eine große Verantwortung" - Wie bitte ?

Nein, unser Land ist nicht "verantwortlich" für das große Elend im Nahen/ Mittleren Osten ! Freilich, unabhängig davon sollen (nicht "müssen") wir helfen. Und- helfen sollten vor allem die reichen islamischen Golf-Staaten. Die sollten in ihren Ländern Lager errichten und solidarisch ihre Glaubensgeschwister aufnehmen ! Die Europäer sollten sich auf die Christen und die Jesiden konzentrieren - die haben in der Region nämlich keinerlei "Schutzmacht"!
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