Medizin

Oxytocin erleichtert Extinktiontherapie von Ängsten

Freitag, 14. November 2014

Bonn – Das „Bindungshormon“ Oxytocin hemmt das Angstzentrum im Gehirn und könnte dadurch die Behandlung von Phobien und anderen Angststörungen erleichtern. Dies zeigen neue, in Biological Psychiatry (2014; doi: 10.1016/j.biopsych.2014.10.015) veröffentlichte Studienergebnisse.

Hirnforscher vermuten derzeit, dass die Amygdalae, zwei mandelförmige Kernregionen im Temporallappen der Großhirnrinde, für die Verarbeitung von Ängsten zuständig sind. Vor einigen Jahren wurden dort Rezeptoren für das Hormon Oxytocin gefunden, dem eine angstlösende Wirkung zugeschrieben wird. Das Team um René Hurlemann vom Universitätsklinikum Bonn hat die genauen Vorgänge jetzt an 62 gesunden Männern untersucht.

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Die Probanden lagen in einem Kernspintomographen, während die Psychologen eine klassische Pavlovsche Konditionierung bei ihnen durchführten. Sie versetzten den Probanden immer dann kurze, unangenehme Elektroschocks, wenn diese gerade über eine Videobrille bestimmte Fotos, beispielsweise von menschlichen Gesichtern ansahen.

Nach einiger Zeit löste der Anblick der Gesichter auch ohne Elektroschock eine Angstreaktion aus, was die Forscher an einer durch den Angstschweiß veränderten Haut­leit­fähig­keit der Haut registrierten. Die Aufnahmen der funktionellen Kernspin­tomographie zeigten ihnen, dass während der Angstphase die Amygdalae im Gehirn besonders aktiv waren.

Dann untersuchten die Forscher die Wirkung von Oxytocin auf die sogenannte Extinktion der Ängste. Sie tritt ein, wenn die Probanden mehrmals die angstauslösenden Bilder sehen, ohne dass sie dabei einen Elektroschock erhalten. Dann gehen die konditionierten Reflexe und mit ihnen die Angstreaktion allmählich verloren.

Die Hälfte der Probanden erhielt vor der Extinktion Oxytocin über ein Nasenspray verabreicht. Dies hatte zur Folge, dass die konditionierten Reaktionen auf der Haut und in den Amygdala zunächst zunahmen. Die Probanden nahmen ihre Ängste intensiver wahr als die Kontrollgruppe, deren Nasenspray kein Hormon enthalten hatte. Kurze Zeit später kam es aber durch das Hormon zu einer beschleunigten Extinktion der Ängste. Die Forscher führen sie auf eine inhibitorische Wirkung von Oxytocin auf die Angstzentren im Gehirn zurück.

Das Hormon könnte nach Ansicht von Hurlemann die Therapie von Angststörungen unterstützen. Psychologen setzen dabei ebenfalls auf eine Extinktion. Sie konfrontieren ihre Patienten schrittweise mit dem Angstauslöser. Bei einer Spinnenphobie sind dies zunächst nur Fotos von Spinnen. Später müssen die Patienten den Anblick lebender Exemplare ertragen und die Tiere am Ende auf die Hand nehmen.

Dabei verlernen sie allmählich die Angst, die sich nach einer traumatischen Erfahrung entwickelt hat. Die Therapie ist jedoch langwierig. Mit Hilfe von Oxytocin könnte die Therapiedauer möglicherweise verkürzt werden. Die Patienten müssen nach den Ergebnissen von Hurlemann jedoch damit rechnen, dass die erste therapeutische Begegnung mit ihrer Angst intensiver als ohne Oxytocin ausfallen könnte. © rme/aerzteblatt.de

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