Politik

Zahl der Pflegebedürftigen steigt auf 2,5 Millionen

Dienstag, 25. November 2014

Berlin – Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt weiter an. Im Bereich der gesetzlichen Pflegeversicherung hat sie sich zwischen den Jahren 2012 und 2013 um 3,5 Prozent auf mehr als 2,5 Millionen erhöht. Bis zum Jahr 2050 werden es voraussichtlich 4,5 Millionen sein. Das geht aus dem Pflegereport 2014 der Barmer GEK hervor, den Wissenschaftler des Zentrums für Sozialpolitik an der Universität Bremen anhand der Routinedaten der Barmer GEK-Versicherten erstellt haben. „Grund für den Anstieg ist allein die demo­grafische Entwicklung“, erklärte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kasse, Rolf-Ulrich Schlenker, heute bei der Präsentation des Pflegereports in Berlin.

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Auffällig seien dabei die starken regionalen Unter­schiede. So sei aktuell die Zahl der Pflege­bedürftigen in Baden-Württemberg gering, da derzeit viele junge Menschen in dieses Bundesland zögen, in Sachsen-Anhalt liege sie heute hingegen hoch, so Schlenker. In 30 bis 40 Jahren werde sich dieses Verhältnis jedoch umgedreht haben. Bis zum Jahr 2050 werde die Zahl der Pflegebedürftigen in Sachsen-Anhalt um 57 Prozent steigen, in Baden-Württemberg hingegen um 113 Prozent.

Regional variieren dem Pflegereport zufolge auch das Angebot an ambulanten Pflege­diensten und die Anzahl an Pflegeheimplätzen. „Die Unterschiede sind innerhalb Deutschlands enorm“, erklärte einer der Autoren des Reports, Heinz Rothgang von der Universität Bremen. So gebe es die meisten ambulanten Pflegedienste in Berlin. Hier kamen im Jahr 2011 auf 100 Pflegebedürftige 14,4 Vollzeitpflegekräfte; in Hamburg waren es 13,4 und in Sachsen 10,5. Im Saarland hingegen waren es 5,7 Vollzeitkräfte, in Baden-Württemberg 6,0 und in Hessen 6,2.

Am meisten Heimplätze gibt es in Schleswig-Holstein: 48,4 je 100 Pflegebedürftige im Jahr 2011. In Bayern waren es 37,8 und in Hamburg 37,6. Am wenigsten Heimplätze gab es in Brandenburg (24,5), in Hessen (26,8) und in Mecklenburg-Vorpommern (27,5).

Pflegeangebote lösen Nachfrage aus
„Im Pflegebereich gibt es so etwas wie eine angebotsinduzierte Nachfrage“, konstatierte Rothgang. „Wenn es in einem Bundesland viele Heimplätze gibt, ist auch die Zahl der in diesen Heimen gepflegten Menschen hoch. Man löst also durch die Angebote eine Nachfrage aus.“ Je höher das Angebot sei, desto niedriger sei jedoch zugleich die Auslastung.

„Die Pflegeversicherung, die Anfang 2015 ihren 20. Geburtstag feiert, ist ein Erfolgs­modell“, betonte Schlenker. Denn erst mit der Pflegeversicherung sei die Pflege im Mittelpunkt der Gesellschaft angekommen. Auch sei das Pflegeangebot seither gewaltig gewachsen. Diese Ansicht vertrat auch Rothgang: „Gerade, wenn man mit auslän­dischen Kollegen spricht, erfährt man, dass das deutsche System angesehen ist und Vorbildcharakter hat.“

Pflegekosten

Zum 20. Geburtstag „sieht die Finanzlage in der sozialen Pflegeversicherung gar nicht schlecht aus“, meinte Schlenker. So habe es im Jahr 2013 einen Überschuss von 630 Millionen Euro sowie einen Mittelbestand von 6,2 Milliarden Euro gegeben. „Es existieren also Rücklagen“, so Schlenker. Diese würden allerdings ob der demografischen Entwick­lung und der im ersten Pflegestärkungsgesetz vorgesehenen Leistungsverbesserungen schwinden. In diesem Gesetz ist vorgesehen, 0,2 Beitragssatzpunkte für Leistungsver­besserungen vorzusehen. „Das wird allerdings nicht ausreichen“, meinte Schlenker.

Einführung von Pflegebegleitern ein wichtiger Aspekt des Pflegestärkungsgesetzes
Dennoch lobte er die mit dem ersten Pflegestärkungsgesetz verabschiedeten Vorhaben der Bundesregierung: „Wir finden alles gut, sowohl die Leistungsverbesserungen als auch die Erhöhung des Pflegegeldes und die Flexibilisierung der Leistungen, vor allem aber die Einführung der Alltagsbegleiter.“ Diese sollen Pflegebedürftige künftig bei hauswirtschaftlicher Arbeit oder Behördengängen unterstützen. „Das wird es den Menschen erlauben, länger zu Hause bleiben zu können“, sagte Schlenker.

Rothgang meinte hingegen, dieses Vorhaben könne auch zu einer De-Qualifizierung der Pflege führen. Diese Befürchtung teilen auch zahlreiche Pflege­verbände. Denn auch, wenn sie nicht dafür ausgebildet seien und wenn es nicht vom Gesetzgeber vorgesehen sei, würden diese Alltagsbegleiter in der Praxis auch Pflegeleistungen übernehmen, meinte Rothgang.

Schon mit dem Pflege-Neuausrichtungsgesetz aus dem Jahr 2012 hatte die damalige schwarz-gelbe Koalition mehr Mittel für Pflegebedürftige zur Verfügung gestellt. „Die Leistungen des Pflege-Neuausrichtungsgesetzes greifen“, erklärte Rothgang heute. Das erhöhte Pflegegeld und die erhöhten Pflegesachleistungen seien dabei insbesondere von Pflegebedürftigen der Pflegestufen I und II in Anspruch genommen worden – insgesamt etwa 450.000 Mal. 

Pflegestufen

Auch im vergangenen Jahr habe sich darüber hinaus der Trend von der Geld- hin zur Sachleistung weiter fortgesetzt, wie Schlenker erklärte. Vor allem ambulante Pflege­leistungen würden stärker nachgefragt. Die Zahl der Geldleistungsempfänger nehme hingegen ab.

Dem Pflegereport zufolge hat sich der private Finanzierungsanteil an der Pflegever­sicherung weiter erhöht. So müssten die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen etwa die Hälfte der anfallenden Kosten selbst tragen. „Bei Frauen liegen die Lebens­pflegekosten bei 84.000 Euro; 45.000 Euro davon werden privat gezahlt“, sagte Schlenker. Bei Männern lägen die Gesamtkosten bei 42.000 Euro und die privat getragenen Kosten bei 21.000 Euro.

Schwerpunktthema des Pflegereports war in diesem Jahr die Zahngesundheit. Fazit der Autoren: Pflegebedürftige Menschen werden deutlich seltener zahnmedizinisch versorgt als nicht Pflegebedürftige. Vor allem die Pflegebedürftigen in Heimen sind dem Report zufolge zahnmedizinisch unterversorgt. Für mehr als 50 Prozent der Betroffenen liege der letzte Zahnarztbesuch knapp zwei Jahre oder länger zurück, erklärte Rothgang.

Eine mögliche Ursache der Unterversorgung könne sein, dass die aktuellen zahnmedi­zinischen Behand­lungsleitlinien kaum auf ältere und pflegebedürftige Menschen eingingen. „Auch häufige psychische Störungen, insbesondere Demenz, werden nicht erwähnt“, so Rothgang. Zudem sei die Möglichkeit der Patienten zur Mitarbeit gerade bei Pflegebedürftigen eingeschränkt. © fos/aerzteblatt.de

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H.-D. Falkenberg
am Mittwoch, 24. Dezember 2014, 13:54

Zahl der Pflegebedürftigen steigt................

Es ist richtig, die Pflegeversicherung ist ein Erfolg. Zwar konnte die Entlastung der Sozialhilfe, die anfangs freudig registriert wurde, nicht in der kalkulierten Höhe beibehalten werden. Dies war jedoch wegen steigender Kosten bei (fast) gleichbleibenden Zuschüssen der Pflegeversicherung zu erwarten (wurde jedoch ignoriert!).
Um die finanziellen Belastungen der Zukunft möglichst überblickbar zu halten, sind Angebote notwendig, die den Wünschen der Pflegedürftigen selbst und deren Angehörigen entgegenkommen. Ambulant betreute Wohngemeinschaften werden nur recht zaghaft propagiert, die "Umkehrhypothek" ist noch ein Fremdwort, die Kenntnisse der Hausärzte, Apotheker, Therapeuten, ja selbst in Reha-Einrichtungen und Krankenhäusern über die diversen Möglichkeiten, die sich aus dem Pflegeversicherungsgesetz ergeben, sind auf einem niedrigen Stand.
Bei all den Vorraussagen sind folgende Probleme noch nicht berücksichtigt: Die in Pflegeheimen anfallende Behandlungspflege belastet die Pflegeversicherung mit ca. 1,5 Milliarden Euro (ca. 15 Prozent der pflegerischen Leistungen), die in den Jahren 1945 ff. geborenen und in Einrichtungen der Eingliederungshilfe lebenden behinderten Menschen sind mittlerweile 65 Jahre und älter. Bei überwiegender Pflegebedürftigkeit müsste somit die Pflegeversicherung anteilig als Kostenträger in anspruch genommen werden (ca. 1,2 Milliarden Euro).
Dies sind nur wenige Aspekte.
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