Politik

Lob und Kritik für Entwurf des Präventionsgesetzes

Mittwoch, 26. November 2014

Berlin – Der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) und der Kneipp-Bund haben die im Präventionsgesetz geplante Stärkung der Gesundheits­förderung in den Lebenswelten begrüßt. Diese Fokussierung sei zu begrüßen, da Prävention nur dann erfolgreich sein könne, wenn sie zum selbstverständlichen Bestandteil des Alltags werde, erklärten beide Verbände anlässlich des Kongresses „Zukunft Prävention 2014“, den sie heute zusammen mit der Barmer GEK in Berlin durchführten. Zugleich findet heute im Gesundheitsministerium eine Anhörung zum geplanten Präventionsgesetz statt.

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„Dass wir stärker auf eine präventiv ausgerichtete Medizin setzen müssen, ist seit langem bekannt“, meinte Peter Zimmermann, Mitglied des Vorstands von DAMiD. „Diese Akzent­verschiebung sollte allerdings nicht als reine Addition zu unserer heutigen Reparatur-Medizin verstanden werden.“ Solle ein präventiver Ansatz in den Lebenswelten fruchtbar werden, werde es entscheidend darauf ankommen, dass bei der Umsetzung des Präven­tionsgesetzes die Betroffenen zu Beteiligten werden.

„Prävention muss zur vierten Säule der Gesundheitspolitik werden“
Trotz aller Fortschritte sei Prävention in der Gesundheitspolitik unzureichend verankert, meinte die Präsidentin des Kneipp-Bundes, Marion Caspers-Merk. „Das Präventions­gesetz ist ein notwendiger Schritt, reicht aber alleine nicht aus. Die Kernstrategie zur Gesundheitsförderung muss der Setting-Ansatz werden! Wir brauchen mehr Gesund­heitsförderung in Kindertagesstätten, Schulen, Heimen und vor allem in Betrieben“. Prävention müsse zur vierten Säule der Gesundheitspolitik werden.

„Das von der Bundesregierung vorgelegte Präventionsgesetz enthält viele gute Ansätze, um Gesundheitsförderung und Prävention besser in der Gesellschaft zu verankern“, befand der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlen­ker. Allerdings verpflichte es nur die Kranken- und Pflegekassen, Prävention zu finanzieren. Hier müsse der Gesetzgeber nachbessern und zum Beispiel auch andere Sozialversicherungsträger, Länder und Kommunen einbeziehen.

„Appelle an die Vernunft sind gescheitert“
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) wies darauf hin, dass es bereits heute „hunderte von Präventionsangeboten sowie vielfältige Informationen und Appelle an die Vernunft des Einzelnen“ gebe. Die in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegene Zahl der chronischen Krankheiten mache deutlich, dass diese Strategie gescheitert sei. „Das Präventionsgesetz wird zum Scheitern verurteilt sein, wenn es nicht gelingt, statt einer Ausweitung der Projektitis zu einer nachhaltigen Veränderung von Strukturen zu kommen“, mahnte die DDG.

Ziel des nun vorliegenden Gesetzentwurfs sei es, Menschen in ihren Lebenswelten, wie Kitas, Schulen und Betrieben, dafür zu gewinnen, einen gesünderen Lebensstil anzunehmen. „Diese Angebote haben bislang vor allem nur diejenigen erreicht, die sich ohnehin gesundheitsbewusst verhalten, aber nicht die bildungsfernen Schichten, Menschen mit Migrationshintergrund und andere schwer erreichbare Gruppen“, erklärte DDG-Präsident Erhard Siegel.

Heute seien hochkalorische Nahrung, Fastfood und Snacks rund um die Uhr im Angebot. Bewegung und körperliche Anstrengung seien für viele Menschen aus Beruf und Freizeit verschwunden. „Deshalb brauchen wir einen Paradigmenwechsel hin zur Verhältnis­prävention, welche für alle Menschen eine Umwelt schafft, die einen gesunden Lebensstil erleichtert“, meinte Siegel. „Appelle und erhobene Zeigefinger erreichen nichts.“

Krankenkassen gaben 2013 zwölf Prozent mehr für Präventionsleistungen aus
Ebenfalls heute haben der GKV-Spitzenverband und der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS) ihren aktuellen Präventionsbericht vorgelegt. Ergebnis: Die Krankenkassen haben im Jahr 2013 mit 267 Millionen Euro 12 Prozent mehr für Präventionsmaßnahmen ausgegeben als im Vorjahr. Im Schnitt gaben die Kassen 3,82 Euro pro Versichertem für gesundheitsfördernde Maßnahmen aus. Der gesetzlich vorgeschriebene Richtwert liegt bei 3,01 Euro.

Die Krankenkassen haben 2013 zudem etwa 10.000 Betriebe mit Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung unterstützt und damit 21 Prozent mehr als im Jahr 2012.  Insgesamt gaben die Krankenkassen dem Präventionsbericht zufolge hierfür 54 Millionen Euro aus. Fast die Hälfte aller Maßnahmen in den Betrieben befasste sich dabei mit der Förderung individueller Kompetenzen zur Stressbewältigung am Arbeitsplatz. In vielen Betrieben wirkten sich zudem Angebote zur gesundheitsgerechten Mitarbeiterführung über die Führungskräfte mittelbar auf die Beschäftigten aus.

Für gesundheitsfördernde Projekte in Lebenswelten wie Wohngebieten, Kindertages­stätten und Schulen gaben Krankenkassen im vergangenen Jahr 30 Millionen Euro aus. Der Schwerpunkt lag dabei auf Bildungseinrichtungen, vor allem auf Kindergärten und Kitas. © fos/aerzteblatt.de

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Dr. M. Tremmel
am Freitag, 5. Dezember 2014, 11:48

Gesundheitsförderung muss zur vierten Säule der Gesundheitspolitik werden

Es geht nicht um Prävention oder medizinische Prävention, sondern Gesundheitsförderung bringt uns weiter. Der uns in Aussicht gestellte "Präventionsgesetz"-Entwurf wird - was darüber bisher zu hören ist - kaum besser ausfallen als seine gescheiterten Vorläufer. Wir brauchen ein "Gesetz zur Gesundheitsförderung" - nicht ein Präventionsgesetz. Hier zeigt sich, dass die Ärzteschaft, insbesondere ihre berufständischen Vertretungen, sich nicht auf der Höhe eines zukunftsorientierten Gesundheitsdiskurses befindet. Stattdessen wird versucht, sich als die erste Präventions-Profession darzustellen und vom bescheidenen Finanztopf für Gesundheitsförderung (einschl. präventiver Maßnahmen) zusätzliche Anteile einzufordern. Meine Bitte: Ärzte sollten ihr Engagement nicht im Bereich Primärprävention einbringen - dafür sind sie nun wirklich zu wertvoll und zu teuer. Im Übrigen gehört der präventive Rat zur ärztlichen Standardleistung und sollte keinesfalls zusätzlich entlohnt werden. Wir brauchen engagierte Ärzte, die ihr Wissen in die Gesundheitsförderung einbringen und damit die viel wichtigeren Gesundheitsakteure wie Erzieher(innen), Lehrer(innen) und Sozialarbeitende unterstützen. Wir brauchen für 'mehr Gesundheit für alle' mehr interdisziplinäre Team-Arbeit und weniger Berufslobbyismus.
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