Politik

Sterbehilfe: Ethikrat lenkt Blick auf Suizidbeihelfer

Freitag, 28. November 2014

Berlin – Sehr kontrovers und offen setzte sich der Deutsche Ethikrat gestern in Berlin sowohl in einer öffentlichen vierstündigen Debatte  als auch in  nicht öffentlicher Sitzung mit Fragen der Suizidbeihilfe auseinander. Dabei zeigte sich, dass unter den Mitgliedern eine starke Skepsis gegenüber gesetzlichen Regulierungen bezüglich des assistierten Suizids vorherrscht. „Die eine gute Lösung gibt es nicht“, sagte die Ratsvorsitzende Christiane Woopen. Alle Möglichkeiten hätten aus ethischer Perspektive Vor- und Nachteile. „Es gibt viele individuelle Situationen im Alltag. Man muss schauen, wie man diesen am besten gerecht wird und welche Lösung am besten zu unserer Gesellschaft passt“, erklärte sie.

Die Medizinethikerin skizzierte fünf mögliche Optionen: Keine Änderung der bestehenden Gesetzeslage, ein umfassendes Verbot der Suizidbeihilfe, ein grundsätzliches Verbot mit gleichzeitiger Definition bestimmter Ausnahmen, ein grundsätzliches Tolerieren der Suizidbeihilfe unter Definition bestimmter Verbote sowie eine Regelung der Suizidbeihilfe außerhalb des Strafrechts.

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Ärzte sind die am denkbar schlechtesten geeigneten Helfer für einen Suizid
Entschieden wehrte sich die Ärztin Christiane Fischer gegen Vorschläge zu gesetzlichen Regelungen, die Ärzte zu Suizidbeihelfern machen. „Ärzte sind die am denkbar schlechtesten geeigneten Helfer für diese Aufgabe“, sagte sie. Man müsse es  vermeiden,  ein Signal in die Gesellschaft zu senden, dass Suizid und Beihilfe dazu ein Normalfall ist. Die Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung sagten, dass die Beihilfe zum Suizid keine ärztliche Aufgabe ist. Dabei müsse es bleiben. „Der assistierte Suizid durch Ärzte würde grundlegende Änderungen des Selbst- und des Fremdverständnisses von Ärzten zur Folge haben“, betonte Arzt Eckhard Nagel.

Freien Willen des Suizidwilligen nicht überschätzen
Mehrere Mitglieder des Ethikrates, darunter Nagel, der Psychotherapeut Michael Wunder und der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, warnten zudem davor, die Freiverantwortlichkeit eines Suizidwilligen zu überschätzen. „Die Frage nach der Freiwilligkeit eines Patienten zu dem Suizidwunsch ist oft schwer zu entscheiden“, sagte Nagel. Zum Teil sei dieser Wunsch auch das Symptom einer psychischen Erkrankung.  

Die Entscheidung zu einem Suizid  bewege sich stets auf einer Skala zwischen einem freien „Bilanz-Suizid“ und dem „Appell-Suizid“, der hauptsächlich einen Hilfeschrei darstelle, erklärte Wunder. Er habe Angst davor, den assistierten Suizid zu einer wählbaren Leistung zu machen. Nötig wären stattdessen noch mehr niedrigschwellige Präventionsangebote für Suizidwillige und auch eine bessere Fortbildung der Menschen in Sozialberufen, um  Hilfeschreie besser zu erkennen.

Sterbehilfevereine: Subtiler Druck möglich
Ablehnend äußerte sich eine Mehrheit der Mitglieder über Sterbehilfe-Vereine, die mit der Beihilfe zum Suizid Geld verdienen. Auch der Strafrechtler Reinhard Merkel, der grundsätzlich skeptisch einem generellen Verbot organisierter Beihilfe zum Suizid im Strafrecht gegenüber steht, kann sich ein Verbot von auf Profit orientierten Organisa­tionen vorstellen. Hier stelle sich nämlich die Frage nach einer tatsächlich freiverant­wortlichen Entscheidung des Suizidwilligen. „Wenn das Risiko besteht, dass der Suizid nicht frei verantwortlich begangen wird, kann rechtlich die Beihilfe dazu Unrecht sein“, sagte er. Sei ein persönlicher Gewinn im Spiel, könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein subtiler Druck auf den Menschen ausgeübt werde.

Der Verfassungsrechtler Wolfram Höfling hält es dagegen für unproblematisch, neben der geschäftsmäßigen auch die rein gewerbsmäßige Form der Suizidhilfe zu verbieten. Ein Eigeninteresse könne sich bei jeder organisierten Form zeigen, meint er.

Vor einer gesetzlichen Regelung der Suizidbeihilfe hält der Ethikrat eine weitere gesell­schaftliche Debatte für dringend erforderlich. Sie sollte sich nicht nur auf Fragen der Suizidbeihilfe begrenzen, sondern auch die Stärkung der Suizidprävention sowie den Ausbau der Palliativmedizin in den Blick nehmen, forderten mehrere Mitglieder. Bereits  im September 2012 hatte sich der Ethikrat dazu geäußert und eine Regulierung der organisierten Suizidbeihilfe empfohlen sowie eine breite gesellschaftliche Debatte angemahnt. © ER/aerzteblatt.de

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Senbuddy
am Samstag, 6. Dezember 2014, 08:31

Er nun wieder...

Zu "advokatus diaboli":
Es kommt immer das gleiche: "Selbstvestimmungsrecht, Selbstbestimmungsrecht, Selbstbestimmungsrecht". Und das mit 100 Tonnen überflüssigem Beiwerk. Diagnose "völlige Dialogunfähigkeit".

Der Kernsätze des obigen Artikels lauten aber: „Die Frage nach der Freiwilligkeit eines Patienten zu dem Suizidwunsch ist oft schwer zu entscheiden“ und "Wenn das Risiko besteht, dass der Suizid nicht frei verantwortlich begangen wird, kann rechtlich die Beihilfe dazu Unrecht sein".

Viele Grüße
S.
advokatus diaboli
am Dienstag, 2. Dezember 2014, 06:16

Sterbehilfe und „breite gesellschaftliche Debatte“

Der „Sterbehilfediskurs“ – schon mal als „bioethischer Hochdiskurs“ bezeichnet – wird seit Jahrzehnten geführt und es fragt sich, was die Apologeten der unterschiedlich favorisierten „Sterbekulturen“ denn nun tatsächlich meinen, wenn sie den Ruf nach einer „breiten gesellschaftlichen Debatte“ erschallen lassen.

Die „gesellschaftliche Debatte“, so könnte man/frau meinen, könnte doch eigentlich nicht breiter sein, wird doch der Diskurs um das frei verantwortliche Sterben mehr oder minder lebhaft seit Jahrzehnten geführt, nicht zuletzt auch deswegen, weil sowohl auf Bundes- als auch Landesebene sich mehrere „Ethikräte“ immer mal wieder mit dem Thema auseinandergesetzt und sich durchaus mit abweichenden Voten in der Debatte um das „würdige Sterben“ positioniert haben.

Erst jüngst hat der Deutsche Ethikrat in öffentlicher Sitzung getagt und es nimmt nicht wunder, dass auch dieser erneut eine „breite gesellschaftliche Debatte“ einfordert, sicherlich wissend darum, dass diese Forderung nach einer „breiten gesellschaftliche Debatte“ allenfalls dazu dient, die Zeitspanne für das Verkünden von „Sonntagsreden“ in einem vorgeblich „bioethischen Hochdiskurs“ entsprechend zu verlängern, um so immer mal wieder den Sendboten der einen oder anderen Sterbekultur noch die Möglichkeit einräumen zu können, damit diese ihre sattsam und damit hinlänglich bekannten Positionen „staatstragend“ vortragen und verkünden können.

Der „breiten gesellschaftlichen Debatte“ wird das Wort geredet, obgleich das „Staatsvolk“ – mithin also die Mitglieder der Gesellschaft – durchaus in der Frage um den Wert den Selbstbestimmungsrechts bei der Frage nach dem frei verantwortbaren Sterben eines zumindest schwersterkrankten Menschen entschieden ist. Es wird von der Gesellschaft resp. von der Mehrheit seiner Mitglieder mehr Liberalität eingefordert und es steht eben nicht zu erwarten an, dass der „Ruf“ nach einer breiten gesellschaftlichen Debatte hieran etwas ändern wird, und zwar insbesondere auch in Kenntnis dessen, dass der Sterbewunsch eines schwersterkrankten Patienten aus der Perspektive des gemeinen Volkes stets ein individueller ist und demzufolge auf einen „demokratischen Konsens“ nach einer „breiten gesellschaftlichen Debatte“ nicht angewiesen ist, ja nicht angewiesen sein darf, spiegelt sich doch gerade im Meinungsbild der Bevölkerung rechtsintuitiv der ethische Grundstandard unseres Grundgesetzes wider, wonach eben das „Sterben“ keine Kollektivveranstaltung ist und ein Jeder nach seiner Facon nicht nur „selig“ werden , sondern auch sterben darf!

Insofern war die erneute Sitzung des Deutschen Ethikrats nicht nur „enttäuschend“, sondern in erster Linie „nur“ eine Veranstaltung mit „Alibifunktion“, auf der dann sozusagen die „Dringlichkeit“ einer „breiten gesellschaftlichen Debatte“ angemahnt werden konnte und die auserkorene „Referenten“ gleich zu Beginn ihrer Statements ganz artig betonten, ihre eigene Auffassung weitestgehend ausblenden zu wollen, um so vielleicht den Anschein einer „ethischen“ Neutralität wahren zu können, obgleich diese dann doch an anderer Stelle es an deutlichen Worten mit Blick auf die Sterbehilfedebatte nicht mangeln lassen.

Der Deutsche Ethikrat wird seiner Rolle gerecht, auch wenn ein fader Beigeschmack bleibt, dass es sich hierbei um einen „vornehmen Debattierklub“ mit entsprechender Alibifunktion handelt, in der ganz artig (allerdings m.E. vordergründig) die einzelnen Mitglieder dem „Toleranzprinzip“ frönen, ohne dabei ihre Rolle als „ethische Überzeugungstäter“ auch nur ansatzweise ablegen zu wollen.

Im Deutschen Ethikrat spiegelt sich gleichsam die „breite gesellschaftliche Debatte“ mit den hinreichend bekannten „Gesichtern“ wider und da die Mitglieder selbst „entschieden“ sind, wird um der weiteren Diskussion willen rein vorsorglich die „breite gesellschaftliche Debatte“ angemahnt, um so in einem demokratischen Gemeinwesen zumindest den Eindruck absichern zu können, als tragen die politisch Verantwortlichen „schwer an ihrer Last“, irgendwann einmal im kommenden Jahr eine „Entscheidung“ treffen zu müssen – eine „Entscheidung“, die um ihrer Bedeutung und Gewichtigkeit willen sogar jenseits eines „Fraktionszwangs“ frei von jedem Parlamentarier entschieden werden darf.

Die „breite gesellschaftliche Debatte“ mündet so unversehens in die von den politischen Entscheidungsträgern zu treffende „individuelle Gewissensentscheidung“ und von allen aufrechten Demokraten wird nun gefordert, diese Entscheidung zu akzeptieren, mögen sich die ihrem Gewissen unterworfenen Politiker auch von Irrationalitäten leiten lassen.

Nun – so ist das wohl in einem demokratischen Gemeinwesen. Wir alle führen eine „breite gesellschaftliche Debatte“, um hernach als aufrechte Demokraten uns der Mehrentscheidung des Parlaments nicht mehr entziehen zu können.

Meinungsumfragen sind da „nur“ von untergeordneter Bedeutung, trägt doch gerade der politisch Verantwortliche die hohe Bürde der Last, sich für eine „Kultur des guten und würdevollen Sterbens“ entscheiden zu müssen und wen wundert es da noch, wenn er sich bei einer solch gewichtigen Frage für eine „individuelle Lösung“ entscheidet, die da letztlich seinen ureigenen Vorstellungen eines „würdevollen Sterbens“ entspricht.

So wie die Mitglieder des Deutschen Ethikrats ganz artig davon Abstand nehmen, im „öffentlichen Forum“ einer vom Ethikrat durchgeführten Veranstaltung ihre eigene Positionen argumentativ – je vielleicht notwendiger Weise streitbar! – vorzutragen, wird es ihm der politische Verantwortliche – nur unter anderen Vorzeichen - gleich tun: er streitet in aller Öffentlichkeit für (s)eine Vision von einer „Kultur des würdigen Sterbens“ und wirbt damit für eine Anschlussfähigkeit insbesondere unter Gleichgesinnten, während er sich sicher sein kann, am Ende einer „breiten gesellschaftlichen Debatte“ „nur“ noch seine individuelle Gewissensentscheidung treffen zu müssen, mag diese sich auch von der „Entscheidung“ der überwiegenden Mehrheit in der Bevölkerung diametral unterscheiden!

Auch die Mitglieder des Deutschen Ethikrats werden vielleicht einmal die Möglichkeit haben, in einer Expertise – so vorgesehen - ihre „Sondervoten“ abzugeben, wenn und soweit sie die „Mehrheitsentscheidung“ des Ethikrats nicht mittragen können, so dass alle zufrieden darauf zurückblicken können, alles für die „breite gesellschaftliche Debatte“ und einer „Konsenslösung“ getan zu haben, im Übrigen aber es bei der individuellen Gewissensentscheidung verbleibt.

Tja – so ist das mit Experten und Politikern und allen wäre zu wünschen, vielleicht einmal intensiver darüber nachzudenken, ob es jedenfalls eines „breiten gesellschaftlichen Konsens“ bedarf, um die Frage des individuellen (!) Sterbens sachgerecht beantworten zu können?

M.E. wäre für die Debatte viel gewonnen, sich der individuellen Grundrechte zu erinnern und die damit verbundene notwendige Auslegung frei von Ideologien zu halten, welche sich auch manchmal in das Ohr einiger Verfassungsinterpreten, und erst recht in solche der Ethikräte und Politiker schleichen!

Nicht eine „breite gesellschaftliche Debatte“ ist anzumahnen, sondern vielmehr die Beachtung des Toleranzprinzips und der Wertepluralität und zwar gerade auf Seiten derjenigen, die da meinen, eine „breite gesellschaftliche Debatte“ einfordern und diese in erster Linie mit ihren „Glaubensbotschaften“ befeuern zu müssen.

Es war weder eine „Sternstunde“ des Parlaments noch eine solche des Deutschen Ethikrats. Sattsam bekannte Binsenweisheiten werden als „Expertenwissen“ deklariert, erkennbar emotional vorgetragen und dennoch werden diese „Binsenweisheiten“ in ihrer verfassungsrechtlichen Dimension mit „ethischen Nebelbomben“ verwässert, um so sich letztlich dem Toleranzprinzip entziehen zu können.

Da fällt es im Rahmen einer „breiten gesellschaftlichen Debatte“ kaum noch auf, dass ein Verfassungsrechtler gar meint, es gäbe im Diskurs kaum „verfassungsrechtlich“ etwas zu erinnern.

Na dann…debattieren wir alle zusammen weiter und ein Jeder darf in einer offenen Kommunikationsgesellschaft ungebremst seine „Visionen“ vom „guten Sterben“ verbreiten und um Anschlussfähigkeit werben, um so ggf. in einer funktionierenden Demokratie eine „Mehrheitsentscheidung“ herbeiführen zu können.

Wen interessiert es da noch, ob die Mehrheit der deutschen Bevölkerung schon längst „entschieden“ ist?

Eine „breite gesellschaftliche Debatte“, so meine Prognose, wird an der individuellen Werthaltung der einzelnen Mitglieder unserer Gesellschaft rein gar nichts ändern, wollen diese doch selbstbestimmt und frei von Ideologien über ihren eigenen Tod gerade bei schwerster Erkrankung bestimmen. Gleiches gilt für die Ethikräte und die politisch Verantwortlichen. Auch sie werden an ihrer Gewissensentscheidung festhalten wollen und sie bleiben somit ihrer Rolle als „ethische Überzeugungstäter“ treu, wenn es darum geht, ganz konkret zur Abstimmung zu schreiten.
Practicus
am Sonntag, 30. November 2014, 14:35

Immer die Moralkeule...

Lieber Kollege Schätzler,
ich bin seit fast 30 Jahren als Hausarzt niedergelassen und verstehe diese ganze Debatte überhaupt nicht.
Unsere alten und/oder schwerkranken Patienten haben doch aus unserem Rezeptblock in aller Regel alles zuhause, was sie für einen sanften Tod brauchen - was fehlt ist nur die Ánleitung.
Ich habe meinen Patienten mit Todeswunsch stets genau erklärt, mit welcher Kombination ihrer vorhandenen Arzneimittel sie einen sicheren und sanften Freitod herbeiführen können - und die erstaunliche Feststellung gemacht, dass KEIN EINZIGER jemals davon gebraucht gemacht hat. Was diese Menschen wollten, war nur die Autonomie, das "selbst entscheiden dürfen, wieviel ich aushalten will".
Jede Einmischung des Gesetzgebers in dieses intime Verhältnis von Arzt und Patient führt über Beteiligung von Gremien und Ethikkommissionen in einen Handlungsstrang, der wiederum die Autonomie des Patienten untergräbt...
Ich für meinen Teil werde weiterhin so verfahren, Berufsordnung hin oder her, da mache ich mir meine Ethik selber.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 29. November 2014, 12:01

Suizidbeihelfer nicht dialogfähig?

Ein Inserat mit dem Titel "ARZT SUCHT DIE HELFENDE HAND EINES KOLLEGEN!" von Uwe-Christian Arnold, Facharzt für Urologie aus Berlin, erschien einmalig in der Wochenend-Ausgabe der Ärzte Zeitung Nr. 112 am 24.10.2014. Dazu habe ich den Kollegen Arnold in Form eines offenen Briefes angeschrieben: Zu meinem Bedauern bisher ohne jegliche Resonanz.

O F F E N E R B R I E F
Sehr geehrter Herr Kollege Arnold,

eine meiner Grundsätze lautet, mindestens 1-2 Tage ins Land gehen zu lassen, wenn eine Sache mich persönlich sehr bewegt. Deshalb bin ich für diese hektische Nachrichten-, Internet- und „what’s app“-Welt zu langsam, dafür umso nachhaltiger. Ihr persönliches Inserat in der Ärzte Zeitung 112 vom 24./25. 10. 2014, Seite 20, macht mich ebenso betroffen wie zunächst sprachlos.

Ich stellte mir dann anfangs aufgewühlt und aufgebracht folgende Fragen:

Wie kommen Sie dazu, sich „als Facharzt für Urologie aus Berlin und in Deutschland als Sterbehelfer bekannt“ zu titulieren, wenn Sie damit Berufsordnungs-widrig im Herumreisen ihre „gesetzlich zulässigen Sterbehilfe-Formen, einschließlich der ärztlichen Freitodhilfe“ ausüben wollen, während wir Vertragsärzte die Residenzpflicht zu beachten haben?

Sind wir Hausärztinnen und Hausärzte, und n u r für diese Gruppe kann ich aus 39-jährger Berufserfahrung (Staatsexamen 1975; lfd. 22 Jahre Vertragsarztpraxis) sprechen, etwa für familien- und biografisch- orientierte Versorgung über psychosoziale Grundversorgung, Schmerztherapie, Palliativmedizin, und Sterbebegleitung u n g e e i g n e t, weil wir damit als „Sterbehelfer“ zu unbekannt sind?

Verfügen wir etwa n i c h t über genügend urologisch-fachärztliche Empathie und teleologisch-telegene Debattenkultur, um medizinethisch zu reflektieren, ob „in ausweglosen Situationen … ein Patient selbstbestimmt entscheiden dürfen [sollte], wie er sterben will“?

Wollen sie etwa behaupten, das Ihre i. d. R. eher Neuropsychiatrie und Sozialmedizin f r e m d e medizinisch-urologische Sozialisation Sie dazu prädestiniert, „gesetzlich zulässige Sterbehilfe-Formen“ zu praktizieren?

O h n e differenzialdiagnostisch sicher eine Depression, eine depressiv agitierte Demenz, eine situative Fremdbestimmung, eine Vereinsamung, eine Selbstwert- und Identitätskrise, eine gesellschaftlich-familiär oder kränkungsbedingte Ich- und Selbstbehauptungs-Störung oder eine soziale Vereinsamung, Regressionshaltung bzw. das Gefühl des Lebensüberdruss, der Sinn- und Wertlosigkeit unterscheiden zu können?

Wenn Sie auf Grund Ihrer subjektiv-persönlich-ärztlich-ethischen Überzeugung „Kollegen, die bereit sind, Patienten in dieser Lage beizustehen“ suchen, reißen Sie damit nicht unsere Patientinnen und Patienten, die wir hausärztlich von der Wiege bis zur Bahre betreuen, aus ihren bio-psycho-sozialen Zusammenhängen und führen Sie einem wie auch immer gearteten „Dr. Death“ zu?

Nach reiflicher Selbstreflexion sind das provokant-provozierende Fragen, die interkollegial eher beschönigend und beschwichtigend gestellt, auch damit n i c h t gelöst werden können. Der Unmut bleibt, ob sich das nicht zu einem Missverständnis ärztlicher Tätigkeit als irrlichternder Todesengel entwickelt?

Denn die von Juristen, Ethikern, Medizinern, Philosophen, Dichtern und Denkern, Medien und der Öffentlichkeit immer wieder bemühte Begrifflichkeit von gelebter „Selbstbestimmung“ bis in den Tod hinein, geht doch über die freie Entscheidung und den freien Akt einer autonomen Freitod-Handlung hinaus. Gerade der Einsatz und die ggf. juristisch noch zu definierende Suizid-handlungsleitende B e g l e i t u n g durch Ärzte, Sterbehelfer, Theologen, Thanatologen, wohlmeinend-betroffene Angehörige, potenzielle Erben, Honorar-Vertragspartner, Freunde und Verwandte bedingen doch zugleich die I n f r a g e s t e l l u n g der eigentlichen Selbstbestimmung.

Wer sich nicht zu Lebzeiten im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit selbstbestimmt zur kulturellen Reflexion über sein zukünftiges Lebensende aufgeschwungen und ggf. beglaubigt entschieden hat, in einer ausweglosen Situation s e l b s t sein Leben beschließen und beenden zu werden, kann doch nicht mehr schwerstkrank, eingetrübt, somnolent, demenziell, präfinal oder im Todeskampf o h n e Druck f r e i über seinen eigenen Tod entscheiden, wenn dies dann nur und ausschließlich durch f r e m d e Hilfe und Hand möglich wäre?

Alles andere hat den Geruch von längst nicht bewältigter Begrifflichkeit „lebensunwerten Lebens“, einem demagogischen Schlagwort aus dem schwärzesten und verbrecherischsten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte, dem Nazi-Deutschland. Ich bleibe dabei, „gesetzlich zulässige Sterbehilfe-Formen, einschließlich der ärztlichen Freitodhilfe (keine aktive, direkte Sterbehilfe)“, wie Herr Kollege Uwe-Christian Arnold aus Berlin schreibt, eignen sich n i c h t für eine populistisch-dampfplaudernde Debattenkultur. Daraus resultierende Todesfeststellungen sind zwingend als „Nicht natürlicher Tod“ in den unterschiedlichen amtlichen Todesbescheinigungen der Bundesländer zu kennzeichnen. Alles andere wäre Urkundenfälschung.

Mit freundlichen, kollegialen Grüßen

Dr. med. Thomas G. Schätzler
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