9.654 News Medizin

Medizin

Künstliches Peptid könnte Erholung nach Querschnittslähmung fördern

Freitag, 5. Dezember 2014

Cleveland - Tägliche subkutane Injektionen eines Kunstpeptids, das die Narben­bildung im Rückenmark unterbindet und dadurch die Bildung neuer Nerven erleichtert, hat bei 21 von 26 Tieren einer Versuchsreihe in Nature (2014; doi: 10.1038/nature13974) die Folgen einer Querschnittslähmung gelindert. Bevor die Behandlung  beim Menschen eingesetzt werden kann, sind weitere präklinische Studien notwendig.

Nach einer Verletzung bildet sich im Rückenmark eine Glia-Narbe. Sie verhindert, dass die Nervenzellen, die nach einer Durchtrennung erneut aussprossen, die Läsion über­brücken und neue Nervenbahnen herstellen könnten, über die die Querschnitts­gelähmten möglicherweise verloren gegangene Körperfunktionen zurückerhalten würden.

Anzeige

Ein internationales Forscherteam um Jerry Silber von der Case Western Reserve University in Cleveland hat nun herausgefunden, was genau in der Glia-Narbe das Wachstum der Nerven unterbindet: Die Forscher fanden ein Protein, das die Spitzen der regenerierenden Nerven mit dem Narbengewebe regelrecht „verklebt“. Sie entwarfen daraufhin ein Molekül – sie nennen es intrazelluläres Peptid Sigma (IPS) - dass die Klebestellen (Rezeptoren) im Gliagewebe besetzt und dadurch den Nervenzellen den Weg für ein ungehindertes Wachstum öffnet.

Dieses IPS wurde dann noch mit einer kurzen Peptidkette verbunden, die eine Überwindung der Blut-Hirn-Schranke ermöglicht. Fertig war ein potenzielles Medikament zur Behandlung einer Querschnittslähmung, das bequem als subkutane Injektion eingesetzt werden kann.

Erste tierexperimentelle Versuche verliefen durchaus vielversprechend. Die Forscher induzierten zunächst bei 26 Ratten durch ein stumpfes Trauma eine Querschnittslähmung auf Höhe von Th8. Danach wurden die Tiere über sieben Wochen täglich mit IPS behandelt. Da es sich um ein Peptid handelt, musste der Wirkstoff parenteral gegeben werden. Die Forscher entschieden sich für eine subkutane Gabe.

Eine Markierung des Wirkstoffs zeigte an, dass es tatsächlich die Blut-Hirn-Schranke überwand und in der Rückenmarkläsion ankam. Als die Forscher das Rückenmark später unter dem Mikroskop untersuchten, entdeckten sie, dass sich neue Axone gebildet hatten. Es handelte sich dabei um serotonerge Neurone. Es hatten sich in erster Linie sensorische Bahnen gebildet. Eine Erneuerung motorischer Neurone war nicht erkennbar.

Dennoch hatten sich die Tiere in den Wochen zuvor auch von motorischen Störungen erholt: 21 der 26 Tiere überwanden ihre Blasenlähmung und waren wieder in der Lage, spontan zu urinieren. Auch die Bewegungen der Tiere verbesserten sich. Keines der Tiere erholte sich vollständig von der Querschnittslähmung, doch auch die Erholung einzelner Körperfunktionen unterhalb des Querschnitts wäre für die meisten Patienten bereits ein Gewinn, vor allem wenn die Behandlung relativ unproblematisch ist wie bei subkutanen Injektionen.

Es ist allerdings nicht sicher, dass die Ergebnisse an relativ kleinen Nagern auf den Menschen übertragbar sind. Der nächste Schritt besteht laut Silver in der Wiederholung der Experimente an größeren Tieren. Klinische Studien an querschnittsgelähmten Patienten sind derzeit nicht geplant.

© rme/aerzteblatt.de

Drucken Versenden Teilen
9.654 News Medizin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in