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Hypoglykämien unter der Behandlung mit Tramadol

Dienstag, 9. Dezember 2014

Montreal – Die Behandlung mit Tramadol, einem beliebten – weil ohne BtM-Rezept erhältlichen – Opioid, scheint mit einem erhöhten Risiko auf schwere Hypoglykämien einherzugehen. Dies zeigt eine Analyse britischer Patientenregister in JAMA Internal Medicine (2014; doi: 10.1001/jamainternmed.2014.6512), die einige Fallberichte erklärt, die in den letzten Jahren aus Frankreich gemeldet wurden.

Das in den 1970er Jahren von der Grünenthal entwickelte Tramadol wurde in Frankreich erst 1997 eingeführt. Dort sind die Verordnungen angestiegen, seit die Europäische Arzneimittel-Agentur 2010 ein anderes schwach wirkendes Opioid Dextropropoxyphen verbot. Auslöser war eine Reihe von Todesfällen, die mit einer Überdosis von Dextropro­poxyphen in Zusammenhang standen.

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Die Ursache blieb unklar – eine Atemdepression war wegen der schwachen Opioid­wirkung unwahrscheinlich – doch eine im British Journal of Clinical Pharmacology (2014; 75: 1063-1067) publizierte Untersuchung französischer Pharmakovigilanzdaten brachte Dextropropoxyphen mit Hypoglykämien in Zusammenhang. In der Studie wurden auch einige Hypoglykämien nach der Therapie mit Tramodol untersucht. Kennzeichnend für beide Substanzen war, dass die Zwischenfälle in den ersten Tagen nach dem Beginn der Schmerzmitteleinnahme auftraten und nicht auf Diabetiker begrenzt waren.

Jean-Pascal Fournier vom Jewish General Hospital in Montreal ist der Angelegenheit jetzt in einer Analyse der United Kingdom Clinical Practice Research Datalink (CPRD) nachgegangen, die die Daten von 13 Millionen britischen Hausarztpatienten speichert. Darunter waren 334.034 Patienten, denen die Ärzte zur Schmerzbehandlung Tramadol (28.100 Patienten) oder Codein (305.924) neu verordnet hatten.

Der Abgleich mit der Datenbank Hospital Episodes Statistics, das die Anlässe für Krankenhausbehandlungen aufzeichnet, ergab, dass 1.105 Patienten der gesamten Kohorte wegen einer Hypoglykämie im Krankenhaus behandelt worden waren, die bei 112 Patienten tödlich endete. Ein Vergleich der Hypoglykämie-Fälle mit jeweils zehn Kontrollen ergab, dass Tramadol im Vergleich zu Codein mit einem um 52 Prozent erhöhten Risiko auf eine Hypoglykämie assoziiert war (Odds Ratio 1,52; 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,09 bis 2,10). Für die ersten zehn Tage der Therapie ermittelte Fournier ein um den Faktor 2,61 (1,61-4,23) erhöhtes Risiko. In einer „high-dimensional propensity score“-Analyse stieg die Odds Ratio auf 3,60 (1,56-8,34) und in einer Case-Crossover-Studie auf 3,80 (2,64-5,47) an.

Für Fournier gibt es eine biologisch plausible Erklärung für das Risiko: Tramadol wirkt zum einen als Agonist am µ-Opioid-Rezeptor. Dies hat laut Fournier in bestimmten Tiermodellen eine blutzuckersenkende Wirkung erzielt. Zum anderen hemmt Tramadol die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin an den Synapsen. Der daraus folgende Anstieg von Serotonin habe „komplexe Auswirkungen“ auf den Glukose­stoffwechsel, schreibt Fournier.

Mit einer Inzidenz von 0,7 Ereignissen auf 1.000 Personen und Jahr dürfte die Kom­plikation insgesamt selten sein. Wegen des häufig  tödlichen Ausgangs muss das Risiko nach Ansicht der beiden Editorialisten Lewis Nelson von der New York University School of Medicine und David Juurlink vom Sunnybrook Health Sciences Centre in Toronto jedoch ernst genommen werden.

Die beiden Forscher vermuten, dass die Komplikation häufiger sein könnte als die Ergebnisse der Studie vermuten lassen. Bei Diabetikern werde eine Hypoglykämie selten auf eine Begleitmedikation zurückgeführt und bei Nichtdiabetikern würde bei einem Kollaps möglicherweise gar nicht an die Möglichkeit einer Hypoglykämie gedacht. Es bleibt abzuwarten, wie die Arzneimittelbehörden auf die Ergebnisse der Studie reagieren werden. © rme/aerzteblatt.de

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