Medizin

Multiple Sklerose: Langfristige Remissionen nach Stammzell­transplantation

Dienstag, 30. Dezember 2014

Denver – Eine hämatopoetische Stammzelltherapie, die die Autoimmunreaktion durch einen Neustart des Immunsystems beenden soll, hat in einer Phase II-Studie Patienten mit multipler Sklerose bis zu fünf Jahre vor einer Krankheitsprogression bewahrt. Die Behandlung war laut der Publikation in JAMA Neurology (2014; doi: 10.1001/jamaneurol.2014.3831) allerdings mit erheblichen Risiken behaftet. Es kam zu mehreren Todesfällen.

Eine hämatopoetische Stammzelltherapie kann das Immunsystem in den Zustand vor Ausbruch der Autoimmunerkrankung zurückversetzen, die bei der multiplen Sklerose durch einen Angriff auf die Myelinscheiden zu einem Untergang von Nervenzellen führt. Anfangs stehen entzündliche Reaktionen im Vordergrund, später kommt es zu einer zunehmenden Neurodegeneration. In diesem Stadium ist eine Stammzelltherapie nicht mehr erfolgreich, wie frühere klinische Studien gezeigt haben. Dort waren wegen der erheblichen Toxizität der Behandlung Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung behandelt worden.

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An der Hematopoietic Cell Transplantation for Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis (HALT-MS) nahmen ausschließlich Patienten mit der schubförmig remittierenden MS (RRMS) teil, bei denen entzündliche Läsionen im Vordergrund stehen. Mit 3,0 bis 5,5 Punkten auf der EDSS-Skala waren sie erst mittelgradig behindert (noch gehfähig) und die Krankheitsdauer betrug weniger als 15 Jahre.

Eine Voraussetzung für die Teilnahme war, dass mindestens zwei krankheitsmo­difi­zierende Therapien versagt hatten. Diese gezielte Auswahl der Patienten erklärt sich aus den erheblichen Risiken, die weniger mit der Stammzelltherapie zusammenhängen als mit der vorbereitenden Immunchemotherapie. Mit ihr wird das Immunsystem ausradiert, das für die Autoimmunattacken verantwortlich ist.

Bis die infundierten Stammzellen danach ein neues Immunsystem etabliert haben, sind die Patienten Infektionen schutzlos ausgeliefert. Die 25 Teilnehmer der Studie erlitten nach der Behandlung 130 Nebenwirkungen vom Grad 3 (Therapieabbruch erforderlich) sowie 94 Nebenwirkungen vom Grad 4 (stationäre Krankenhausbehandlung erforderlich). Zwei Patienten erlagen den Komplikationen (Grad 5), zwei weitere unternahmen einen Suizidversuch.

Die Behandlungen wurden zwischen August 2006 und 2009 durchgeführt. Zum Zeitpunkt der Datenauswertung durch Richard Nash vom Colorado Blood Cancer Institute in Denver waren seit der Behandlung drei bis fünf Jahre vergangen. Von den 25 Patienten erhielt einer wegen einer Lungenembolie keine Stammzelltherapie. Bei fünf der übrigen 24 Patienten (21 Prozent) versagte die Stammzelltherapie: Bei ihnen kam es zu einem Krankheitsschub oder einer Verschlechterung auf der EDSS-Skala um mindestens 0,5 Punkte.

Mehr als drei Jahre nach der Therapie kam es bei zwei weiteren Patienten zum Therapie­versagen. Das ereignisfreie Überleben (kein Tod, keine klinische Progression, keine neuen Läsionen in der Kernspintomographie) sank von 95,8 Prozent nach einem Jahr, auf 78,4 Prozent nach 3 Jahren und schließlich auf 58,8 Prozent nach 5 Jahren. Alle Patienten mit ereignisfreiem Überleben haben seit der Stammzelltherapie keine krankheitsmodifizierende Medikamente erhalten.

Mangels Kontrollgruppe dürfte die Interpretation der Ergebnisse schwerfallen. Nash führt zum Vergleich die Ergebnisse der AFFIRM-Studie an. Dort waren nach zwei Jahren Therapie mit Natalizumab, dem derzeit effektivsten Wirkstoff, nur 37 Prozent der Patienten ohne radiologische oder klinische Krankheitsaktivität. In der CARE-MS II-Studie erreichten dieses Ziel nach zwei Jahren nur 34 Prozent der mit Alemtuzumab und nur 14 Prozent der mit Interferon-beta-1a behandelten Patienten.

Für die Editorialisten Mateo Paz Soldán von der Universität in Salt Lake City, und Brian Weinshenker von der Mayo Clinic in Rochester lassen die Ergebnisse wenig Zweifel daran, dass eine Hochdosis-Immuntherapie mit nachfolgender Stammzellbehandlung in der Lage ist, die Krankheitsaktivität bei der MS langfristig zu mildern. Ob sie die Erkran­kung im Einzelfall zur Ausheilung bringen, dürfte allerdings noch offen sein. Nash will jetzt die 5-Jahres-Ergebnisse aller Patienten abwarten. Danach ist eine Folgestudie an einer größeren Patientengruppe geplant. © rme/aerzteblatt.de

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