6.358 News Ärzteschaft

Ärzteschaft

„Das Formularlabor hat den Blick auf meine eigene Arbeit verändert“

Freitag, 16. Januar 2015

Münster – Nur noch zwei Angaben für die Chronikerbescheinigung, ein schlankeres Formular für die Verordnung von häuslicher Krankenpflege – Christof Mittmann findet, dass das „Formularlabor“ in Münster schon einiges bewegt hat. Diese Arbeitsgruppe aus Vertretern der Haus- und Fachärzte, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Barmer GEK und des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen trifft sich alle sechs bis acht Wochen. Sie arbeitet seit rund zwei Jahren in Westfalen-Lippe daran, Vordrucke zu verbessern und gegebenenfalls Formulare abzuschaffen.

In Dortmund und Borken verfolgen zwei weitere „Formularlabore“ dasselbe Ziel. Mittmann, niedergelassener Orthopäde und Unfallchirurg, plädiert dafür, beim Thema Bürokratieabbau nicht locker zu lassen: „Auch auf Bundesebene hat man mittlerweile erkannt, dass gewisse Formulare und Prozesse einfach überarbeitungsbedürftig sind.“

5 Fragen an … Christof Mittmann, Mitglied des Formularlabors in Münster

DÄ: Herr Dr. Mittmann, über welche Formulare ärgern Sie sich als niedergelassener Orthopäde und Unfallchirurg am meisten?
Mittmann: Zum Beispiel über die Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen, die ich ausstellen muss, wenn ein Patient länger als sechs Wochen krank ist, also die so genannten Auszahlungsscheine. Denn jede Krankenkasse fragt dafür in ihrem Formular nach etwas anderem und will jeweils ganz spezielle Dinge wissen, die angeblich wichtig sind. Das hält einfach auf. Diese Vordrucke spreche ich auch immer wieder im Formularlabor an, weil ich sie gern geändert hätte. Für diese Fälle sollte es am besten ein einheitliches Formular von allen Kassen geben.

DÄ: Was haben Sie im Formularlabor über Vordrucke und Anfragen erfahren, was Sie vorher nicht wussten?
Mittmann: Grundsätzlich ist die Arbeit dort schon deshalb interessant, weil man die Denkweise der Kassenseite sehr gut mitbekommt. Man erfährt, welche Formulare für die Krankenkassen wichtig sind und warum. Das gilt übrigens auch für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Das Formularlabor hat mir zudem gezeigt, dass viele Vordrucke ihre Geschichte haben, mit ihnen aber heute teilweise Dinge abgefragt werden, die überhaupt nicht mehr relevant sind. Ein Beispiel dafür sind bestimmte Vordrucke zur Genehmigung einer Krankenbeförderung. So etwas gehört regelmäßig überprüft.

Die Arbeit im Formularlabor hat aber auch den Blick auf meine eigene Arbeit verändert. Es ist ja nicht so, dass einen als niedergelassenen Arzt nur die vielen Formulare ärgern. Die Bürokratie nimmt auch zu, weil die Aufklärungspflichten ausgeweitet wurden, weil zur Qualitätssicherung mehr dokumentiert werden muss. Dazu kommt in den letzten Jahren der E-Mail-Verkehr, teilweise auch mit Patienten, der Arbeit bedeutet und viel Zeit kostet. Vor diesem Hintergrund ärgern einen manche Formulare der Kassen sehr, aber man füllt sie eben aus. Durch die Arbeit im Formularlabor verstehe ich besser als vorher, warum bestimmte Dinge durch Formulare abgefragt werden und wozu sie auf Kassenseite benötigt werden.

DÄ: Gibt es dafür ein Beispiel aus Ihrer Praxis?
Mittmann: Wenn ich ein Paar orthopädische Schuhe verordnet habe, ist es mir beispielsweise immer wieder ein Graus, dass ich dann postwendend von der Kasse aufgefordert werde, einen ausführlichen Befundbericht zu erstellen. Das macht viel Arbeit, und ich verordne die Schuhe ja nicht grundlos. Ich sehe schon ein, dass Krankenkassen zu einem vernünftigen Umgang mit Versichertengeldern verpflichtet sind. Aber wenn für mich die medizinische Indikation für orthopädische Schuhe steht, muss ich diese aus meiner Sicht nicht noch begründen.

Im Formularlabor habe ich nun erfahren, dass es dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen für die Prüfung der Verordnung völlig ausreichen würde, wenn einige wenige Fragen sehr konkret beantwortet würden. Die Mitarbeiter dort benötigen beispielsweise nur ein paar Hinweise dazu, warum eine konventionelle Schuhgestaltung dem Patienten nicht hilft. Das war mir so nicht klar.

Deshalb sind wir dabei, für diese Verordnungen ein Formblatt zu entwickeln. Das wäre dann formal zwar ein Formular mehr, aber es wäre eines, das mehr Struktur in die geforderten Angaben bringen würde. Und das ist meiner Meinung nach entscheidend: Eine sinnvolle Struktur in den Kassenanfragen macht es allen leichter, sie zu beantworten und die benötigten Informationen abzugeben. Und es wird allen klarer, warum sie die Anfrage überhaupt beantworten müssen.

DÄ: Was hat das Formularlabor in Münster bisher für die niedergelassenen Ärzte bewirken können?
Mittmann: Einiges, finde ich. Ein gewisser Meilenstein waren für mich die Veränderungen bei der Chronikerbescheinigung. Wir haben sie nun auf Rezeptgröße reduziert, und es sind nur noch zwei Angaben notwendig: dass der Patient chronisch krank ist und ob dieser Zustand andauern wird oder in absehbarer Zeit beendet sein wird. Das war’s. Das ist im ärztlichen Berufsalltag eine erhebliche Erleichterung. Wir testen das überarbeitete Formular nun in der Region Münster in Abstimmung mit der Barmer GEK.

Für solche Initiativen ist die bundesweite Formularkommission natürlich ein gewisser Hemmschuh, weil es dort zu viele Partikularinteressen gibt. Deren Mitglieder, Vertreter von Krankenkassenverbänden und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, verständigen sich auf bundesweit einheitliche Formulare. Auf dieser Ebene etwas zu bewegen, ist harte Arbeit. Aber die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe hat da schon eine Menge geleistet.

DÄ: Wenn Sie noch länger im Formularlabor zusammenarbeiten, könnten Sie dann noch mehr erreichen?
Mittmann: Ja. Wir haben immerhin neben konkreten Verbesserungen an Formularen erreicht, dass man auf Bundesebene auf die Arbeit der drei Formularlabore in Westfalen-Lippe aufmerksam geworden ist. Man hat erkannt, dass gewisse Formulare und Prozesse einfach überarbeitsbedürftig sind. Ich finde auch gut, dass im Formularlabor verschiedene Akteure im Gesundheitswesen ganz konkret miteinander arbeiten, nicht nur eine Krankenkasse und Ärzte, sondern auch Haus- und Fachärzte. Wir wollen doch mehr Interdisziplinarität. Ich bin überzeugt davon, dass man im Gesundheitswesen noch mehr erreichen könnte, wenn die einzelnen Akteure enger zusammenarbeiten würden. © Rie/aerzteblatt.de

Drucken Versenden Teilen
6.358 News Ärzteschaft

Nachrichten zum Thema

13.01.15
Düsseldorf – Weniger Bürokratie bei der Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und Laborärzten erproben die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein, die Laborärztliche...
08.01.15
Berlin – „Klare Erfolgsfaktoren für die Reduzierung von Bürokratie sind nach den Erfahrungen des Normenkontrollrats die gemeinsame Analyse und die gemeinsame Entwicklung von Vereinfachungsmaßnahmen...
07.01.15
Bürokratieabbau: KV Westfalen-Lippe und Barmer GEK wollen nicht locker lassen
Berlin – Weniger Papierkram, mehr Zeit für Patienten – das wünschen sich viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Wie dieses Anliegen praxisnah umgesetzt werden kann, schilderten Vertreter der...
22.12.14
Weniger Bürokratie in der Pflege
Berlin – Ab Anfang 2015 können Einrichtungen auf eine neue Form der Pflegedokumentation umsteigen. Sie werden dabei von einem neuen Projektbüro unterstützt, das der Pflegebevollmächtigte der...
05.09.14
Berlin – Um den Bürokratieabbau im Praxisalltag voranzutreiben, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ein Online-Portal ans Netz gebracht. Es soll Ärzten, Psychotherapeuten und Körperschaft...
19.05.14
Dresden – Jeder Handgriff muss abgehakt werden: Der Paritätische Wohlfahrtsverband in Sachsen hat eine ausufernde Bürokratie in der Pflege beklagt und Abhilfe verlangt. Das Personal müsse heute mehr...
15.04.14
Weniger Bürokratie in der Pflege
Berlin – Die ambulante Pflege und die Pflege im Krankenhaus sollen künftig mit weniger Bürokratie auskommen. Darin sind sich Bundesgesundheitsministerium, Landesministerien, Pflegeverbände und...

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

popert
am Sonntag, 18. Januar 2015, 12:33

Nur ein Feigenblatt

Herrn Mittmann ist zu seiner mühevollen Arbeit und seinen Erfolgen und Einsichten zu gratulieren und zu danken.
Trotzdem ist das Projekt nur ein Feigenblatt. Als ich vor 25 Jahren eine Hausarztpraxis gründete, hatte ich fast keine Lernzeit für Bürokratie nötig. Keine EDV, kaum Formulare (außer Rezepten, AU, Abrechnungsschein und Überweisung), keine DMP, keine Gesundheitsvorsorgen, keine Diagnosecodierungen... und bei Stromausfall konnten wir selbstverständlich mit Kerzen weiterarbeiten.
Heute ist alles aufgeblasener und fehleranfälliger. Und der Nachwuchs braucht mindestens 6 Monate allein für die Kenntnis basaler Bürokratie - wen wundert es, dass die Angst vor der Praxis haben?
Die Bürokratie führt inzwischen ein Eigenleben: die drei-bis 4fache Benennung des gleichen Sachverhaltes auf den Heilmittelrezepten ist weder evidenzbasiert noch pragmatisch, sondern dient nur als Ablehnungsanlass und zur Finanzierung von outgesourcten Inkassobüros nach dem Motto: je komplizierter das Formular, desto mehr Fehler, desto weniger muss die Kasse zahlen.
Also: zunächst ist die Notwendigkeit der MDK-Beschäftigung selbst zu hinterfragen, und nicht seine Forderungen; ohne RSA bräuchten wir keine Diagnosekodierungen ohne die Bürokratiekosten auch keine Regresse! Warum sind die Deutschen die Einzigen, die glauben, man müsste die Ärzte abschrecken?
Wenn der hausärztliche Nachwuchs so gering bleibt wie jetzt, dann werden die Sofas, Juristen und MDK-Ärzte die Kranken gerne mit Formblättern heilen - oder?

Mehr zum Thema


Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in