9.647 News Medizin

Medizin

Hepatitis C: Zweifel am Sinn eines Bevölkerungs­screening

Mittwoch, 14. Januar 2015

New York - Die Empfehlung der US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC), angesichts der guten Therapieergebnisse mit neuen Wirkstoffen, alle älteren Erwachsenen auf Hepatitis C testen zu lassen, wird nicht von allen Experten geteilt. Im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2015; 350: g7809) melden sich Kritiker zu Wort.

Die CDC hatte bereits 2012, kurz nach Einführung der ersten beiden direkt antiviral wirksamen Wirkstoffe (DAA), den Protease-Inhibitoren Telaprevir und Boceprevir, ein allgemeines Bevölkerungsscreening angeregt. Getestet werden sollten alle US-Ameri­kaner der Jahrgänge 1945 bis 1965. In diesen Altersgruppen werden drei Viertel der etwa 2,7 Millionen Amerikaner vermutet, die sich vor Entdeckung des Virus über Blutkonserven oder auf anderem Weg infiziert haben könnten (MMWR 2012; 61(RR04): 1-18).

Anzeige

Da die Erkrankung in der Regel chronisch verläuft und nach etwa 20 Jahren zur Zirrhose und nach 30 Jahren zum Leberkarzinom führen kann, ist aus Sicht der CDC eine Behandlung sinnvoll, die mit Telaprevir und Boceprevir (in Kombination mit Interferon) bei 70 Prozent erfolgreich ist. Die seither eingeführten DAA versprechen sogar Ausheilungs­raten von mehr als 90 Prozent. In den USA hat sich die US Preventive Services Task Force der CDC-Empfehlung angeschlossen. Auch die Weltgesundheitsorganisation befürwortet seit dem letzten Jahr ein Screening.

Drei US-Forscher und die Medizinjournalistin Jeanne Lenzer, New York, halten die Empfehlung für voreilig. Sie verweisen darauf, dass auch ohne Therapie nur etwa 20 Prozent aller Hepatitis C-Infizierten eine fortgeschrittene Lebererkrankung entwickeln. Bei den anderen 80 Prozent würde die Erkrankung bis zum Lebensende nicht symptomatisch werden. Für Lenzer steht auch nicht fest, dass die Behandlung ihr Ziel tatsächlich erreicht. Eine SVR12 (sustained virological response), also die Virusfreiheit 12 Wochen nach dem Abschluss der Therapie, ist ihrer Ansicht nach keine Garantie für eine Ausheilung der Virusinfektion, und sie bedeutet nicht immer, dass sich die Leber von der Hepatitis erholt (Hier gibt es Gegenbeispiele in der Literatur, aber offenbar keine validen Langzeitunter­suchungen).

Die neuen Medikamente seien zwar besser verträglich als Interferon (das in einigen Kombinationen nicht mehr benötigt werde), doch sie seien nicht frei von schweren Risiken und Nebenwirkungen, schreibt Lenzer gemeinsam mit Ronald Koretz, einem Emeritus der David Geffen School of Medicine und John Ioannidis, Stanford Universität, und Kenneth Lin Georgetown Universität, Washington.

Bevor 60 Millionen Amerikaner auf Hepatitis C getestet werden, sollte nach Ansicht der Autoren zunächst eine größere randomisierte Studie prüfen, ob das Screening und die eventuelle Behandlung tatsächlich die Prognose verbessern. Eine solche Studie müsste nach den Berechnungen der Wissenschaftler 120.000 Personen umfassen. Sie könnte bereits nach vier Jahren eine Reduktion der Todesfälle an Lebererkrankungen um 30 Prozent erkennen. Eventuell sei eine Verlängerung um zwei weitere Jahre notwendig.

Die Kosten für eine solche Studie könnten dadurch begrenzt werden, dass die Rekru­tierung auf Patienten beschränkt würde, die sich aus anderen Gründen beim Arzt vorstellen. Ein kostengünstiger Endpunkt sei die Analyse der Todesregister. Aufgrund der allgemeinen Empfehlung zum Screening – in New York sind die Kliniken bereits gesetzlich verpflichtet, allen Patienten der Jahrgänge 1945 bis 1965 ein Screening anzubieten – sei das Zeitfenster für eine solche Studie jedoch kurz. © rme/aerzteblatt.de

Drucken Versenden Teilen
9.647 News Medizin

Nachrichten zum Thema

13.01.15
Bethesda – Die Einführung neuer direkt antiviral wirksamer Medikamente erhöht nicht nur die Heilungschancen der Patienten, sie verkürzt auch die Therapie, deren Dauer nach den Ergebnissen einer Phase...
06.01.15
Hepatitis-B-Impfung in China zeigt Wirkung
Peking – Die Impfung von Neugeborenen gegen Hepatitis B konnte in China ein deutliches Absinken von Lebererkrankungen und -karzinomen bewirken. Forscher um Chunfeng Qu am Cancer Institute &...
24.11.14
Infektions­krankheiten bleiben auch ökonomisch eine große Herausforderung
Berlin – Der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung in den Industrienationen beruht im Wesentlichen auf einem hohen Lebensstandard mit guter Hygiene, Impfprogrammen und wirksamen Antiinfektiva....
14.11.14
Rotterdam – Ein anhaltendes virologisches Ansprechen (sustained virological response, SVR) zeigt bei einer chronischen Hepatitis C nicht nur die Beseitigung der Krankheitsauslöser an. Die Patienten...
13.11.14
Indianapolis – Eine Kombination aus drei neuen direkt wirkenden Virustatika (DAA) hat in einer Studie 33 von 34 Empfängern einer Lebertransplantation von einer Hepatitis C kuriert, von denen die...
10.11.14
St.Louis – Für Patienten mit einer nichtalkoholischen Steatohepatitis (NASH) deutet sich erstmals eine medikamentöse Therapie an. Der Farnesoid-X-Rezeptor-Agonist Obeticholinsäure hat in einer...
24.10.14
Berlin – Mit der Veröffentlichung einer „Berliner Erklärung“ ging heute in Berlin die Europäische Konferenz zum Thema Hepatitis C zu Ende. Die zentrale Botschaft der Unterzeichner: „Hepatitis C ist...

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Mehr zum Thema


Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in