Medizin

Bewegungsmangel „tödlicher“ als Adipositas

Donnerstag, 15. Januar 2015

Cambridge – Extremer Bewegungsmangel ist in Europa für doppelt so viele vorzeitige Todesfälle verantwortlich wie eine Adipositas. Dies ergab eine neue Analyse der EPIC-Studie im American Journal of Clinical Nutrition (2015;  doi: 10.3945/ajcn.114.100065). Bereits eine maßvolle Aktivität von 20 Minuten am Tag könnte dies verhindern.

Die 519.978 Teilnehmer der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition Study (EPIC), die primär den Einfluss der Ernährung auf das Krebsrisiko untersucht hat, waren zu Beginn der Studie auch nach ihren täglichen Aktivitäten in Beruf und Freizeit befragt worden. Ulf Ekelund von der Universität Cambridge und Mitarbeiter haben die Angaben in einen Index einfließen lassen, der die Teilnehmer nach ihrer körperlichen Aktivität in vier Kategorien (inaktiv, mäßig inaktiv, mäßig aktiv, aktiv) einteilt. Die Daten wurden dann mit den 21.438 Todesfällen in Beziehung gesetzt, zu denen es in der Nachbeobachtungszeit von median 12,4 Jahren kam.

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Ergebnis: Bereits eine maßvolle Aktivität – beispielsweise ein forciertes Gehen über 20 Minuten mit einem Kalorienverbrauch von 90 bis 110 Kilokalorien – senkte die Sterblich­keit um 16 bis 30 Prozent. Der Effekt war in allen Gewichtsgruppen (Body-Mass-Index BMI oder Bauchumfang) nachweisbar. Er war bei schlanken Menschen sogar etwas ausgeprägter als bei Übergewichtigen.

Die Vermeidung der körperlichen Inaktivität (der unteren der vier Kategorien) würde nach einer Berechnung von Ekelund 7,35 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle vermeiden (bevölkerungsbezogenes attributables Risiko, PAF). Auf Gesamteuropa bezogen wären dies immerhin 676.000 Todesfälle pro Jahr weniger (von insgesamt 9,2 Millionen Todes­fällen).

Der Einfluss wäre doppelt so hoch wie für die generelle Adipositas, definiert als BMI von 30 oder höher. Ekelund errechnet hier einen PAF von 3,66 Prozent oder 337.000 Todesfälle pro Jahr. Die Vermeidung einer Inaktivität (also der unteren der vier Kategorien) könnte laut Ekelund die durchschnittliche Lebenserwartung in der Bevölkerung um 0,70 Jahre erhöhen. Die Vermeidung einer generellen Adipositas brächte 0,34 Jahre.

Noch besser wäre es natürlich, wenn es keine inaktiven und keine adipösen Menschen in Europa gäbe: Es käme dann zu 10,58 Prozent weniger vorzeitigen Todesfällen und die Lebenserwartung wäre um 1,03 Jahre höher. Wird statt des BMI der Taillenumfang als Grundlage für eine viszerale Adipositas genommen, würden sogar 13,01 aller vorzeitigen Todesfälle vermieden und die Lebenserwartung würde um 1,28 Jahre ansteigen.

All diese Zahlen sind natürlich vor den Einschränkungen einer prospektiven Beobach­tungs­studie zu sehen, die eine Assoziation herstellt, der nicht notwendigerweise eine Kausalität zugrunde liegt. Auch wenn Ekelund einige andere Ursachen wie Rauchen, Alkohol und etliche Ernährungsfaktoren ausschließen kann, bleibt die Möglichkeit, dass Übergewicht und Inaktivität Marker für andere Verhaltensweisen und sonstige Risiken sind, die für die erhöhte Mortalität verantwortlich sind, in der Studie aber nicht erfasst wurden.

Interessanterweise waren die Assoziationen in den verschiedenen europäischen Länden sehr unterschiedlich. In Griechenland war der Einfluss der Inaktivität sehr groß. Allge­meine und viszerale Adipositas scheinen dort vor allem den Männern weniger zu schaden. Ähnlich war die Situation bei Frauen aus Frankreich. Den Frauen in Spanien scheint dagegen eine körperliche Inaktivität nicht zu schaden, berichtet Ekelund. An den beiden deutschen Zentren in Heidelberg und Potsdam war der Einfluss von viszeraler und genereller Adipositas höher als der einer kompletten Inaktivität. © rme/aerzteblatt.de

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