9.668 News Medizin

Medizin

Best buy: WHO will für wenig Geld chronische Erkrankungen verhindern

Montag, 19. Januar 2015

Genf – Die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und chro­nische Atemwegserkrankungen muss nicht teuer sein. Nach Ansicht der Weltgesund­heitsorganisation (WHO) reichen ein bis 3 US-Dollar am Tag pro Einwohner, um die Zahl nicht-übertragbarer Erkrankungen deutlich zu senken. Ein „Global Status Report“ erklärt, wie dies gehen könnte.

Früher hatten die UNO und ihre Tochterorganisation WHO nach günstigen Mitteln gesucht, um Hunger und Infektionskrankheiten zu bekämpfen. Das öffentliche Bild wurde beherrscht von armseligen Hütten in den Randgebieten der Sahara, die regelmäßig von Dürre bedroht wurden. Wenn sie nicht am Hunger starben, erlagen sie Infektions­krankheiten. Inzwischen leben auch in Afrika immer mehr Menschen in Großstädten. Das Elend ist vielerorts geblieben, doch das Gesicht hat sich verändert. Es gibt weiterhin viele Gegenden, in denen gehungert wird. Doch ebenso viele Menschen sind auch in ärmeren Ländern heute übergewichtig. Sie ernähren sich ungesund, bewegen sich zu wenig und setzen sich Genussmitteln wie Tabak und Alkohol aus.

Anzeige

Nicht übertragbare Krankheiten sind für zwei Drittel der weltweiten Todesfälle verantwortlich
Die Folge ist eine steigende Zahl von nicht-übertragbaren Erkrankungen (NCD). Unter diesem Begriff subsummiert die Weltgesundheitsorganisation Herz-Kreislauf-Erkran­kungen, Krebs, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen. Laut WHO waren NCD im Jahre 2012 für 38 Millionen oder zwei Drittel aller 56 Millionen weltweiten Todesfälle verantwortlich.

Mehr als 40 Prozent dieser NCD-Todesfälle (16 Millionen) traten vor dem 70. Lebensjahr auf. Sie werden deshalb als vorzeitige Todesfälle bezeichnet. Fast drei Viertel aller NCD-Todesfälle (28 Millionen), und die Mehrheit der vorzeitigen NCD-Todesfälle (82 Prozent), traten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auf.

Während sich Hunger durch Nahrung und Infektionen durch Antiinfektiva bekämpfen lassen, gibt es gegen NCD keine Patentrezepte. Es gibt aber eine Reihe von Maßnah­men, die von den Regierungen eingeleitet werden können, dabei aber nicht viel kosten. Zu diesen „best buys“ zählt die WHO das Verbot sämtlicher Tabakwerbung, den Aus­tausch von Transfetten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die Einschränkung der Werbung für Alkoholika, die Förderung des Stillens, die Förderung des Bewusstseins für eine gesunde Ernährung und Sport.

Aber auch die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs gehört zu den Maßnahmen, die mit wenig Aufwand eine große Wirkung erzielen können. Mit der Ausnahme der Zervixkarzinom-Screenings sind dies Empfehlungen, die bisher auch in den reicheren Ländern kaum umgesetzt wurden.

Türkei, Ungarn und Argentinien mit erfolgreichen Präventionsmaßnahmen
Doch die WHO kennt Beispiele, in denen Länder mit “best buy” Erfolge erzielt haben. Herausgehoben werden Länder wie die Türkei, Ungarn und Argentinien, die bisher nicht allgemein mit gesundheitspolitischen Maßnahmen in Verbindung gebracht werden. Die WHO lobt die Türkei jedoch für die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen und das Totalverbot für Tabakwerbung, Verkaufsförderung und das Sponsoring von Veran­staltungen.

Binnen fünf Jahren seien die Raucherquoten um relativ 13,4 Prozent zurückgegangen. Ungarn wird für die Besteuerung gesundheitsschädlicher Bestandteile von Nahrungs­mitteln wie Zucker, Salz und Koffein hervorgehoben. Viele Hersteller hätten aufgrund der „Gesundheitssteuer“ die Zusammensetzung ihrer Nahrungsmittel geändert, und der Umsatz der besteuerten Nahrungsmittel sei deutlich zurückgegangen, heißt es in dem WHO-Report.

Argentinien gehört neben Brasilien, Chile, Kanada, Mexiko und den USA zu den Ländern, die Maßnahmen gegen den hohen Salzgehalt in Brot eingeleitet haben. In Argentinien sei der Salzgehalt im Brot um 25 Prozent gesunken.

Das sind global gesehen jedoch Ausnahmen. In den meisten Ländern ist es bisher bei Plänen geblieben. Doch in 56 Ländern haben die Regierungen Initiativen zur Reduktion des Bewegungsmangels ergriffen, 60 Länder haben nationale Pläne gegen ungesunde Ernährung, 69 Länder wollten den Tabakkonsum und 66 Länder den schädlichen Alkoholkonsum reduzieren. In immerhin 42 Ländern gebe es Überwachungssysteme, die die Fortschritte bei den neun freiwilligen globalen Zielen (9 voluntary global targets) der WHO registrieren. Diese Ziele waren 2011 auf der Generalversammlung der UNO verkündet worden, deren Tochterorganisation die WHO ist.

  • Ziel 1 ist eine 25-prozentige Reduktion der vorzeitigen Todesfälle an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder chronische Atemwegserkrankungen.
  • Ziel 2 ist eine Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums gegebenenfalls im nationalen Kontext um mindestens 10 Prozent.
  • Ziel 3 fordert eine Senkung der Prävalenz von Bewegungsmangel um 10 Prozent.
  • Ziel 4 sieht vor, dass die Bevölkerung die Aufnahme von Salz oder Natrium um 30 Prozent senkt.
  • Ziel 5 strebt eine Verringerung in der Zahl der Raucher um relativ 30 Prozent an.
  • Ziel 6 will die Zahl der unbehandelten Hypertonie um 30 Prozent senken.
  • Ziel 7 ist ein Stopp des derzeitigen Anstiegs von Diabetes und Übergewicht
  • Ziel 8 fordert, dass mindestens die Hälfte aller Menschen Medikamente und Beratung zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen erhalten (blutzuckersenkende Medikamente eingeschlossen).
  • Ziel 9 sieht vor, dass mindestens 80 Prozent aller öffentlichen und privaten medizinischen Einrichtungen mit Basistechnologien und lebenswichtigen Medikamenten, einschließlich von Generika, ausgestattet sind, um NCD behandeln zu können.
© rme/aerzteblatt.de
Drucken Versenden Teilen
9.668 News Medizin

Nachrichten zum Thema

28.01.15
Typ 1-Diabetes: App macht Diabetologen zum Follower
Rockville – Die US-Aufsichtsbehörde FDA hat die Vermarktung einer App erlaubt, mit der Diabetiker ihre kontinuierlich gemessenen Blutzuckerwerte per Smartphone an andere Personen schicken können. Die...
28.01.15
Deutliche regionale Unterschiede bei der kardialen Mortalität
Berlin – Deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern bezüglich der kardialen Mortalität belegt der 26. Deutsche Herzbericht 2014, der sich auf die Daten von 2012 bezieht und den die Deutsche...
27.01.15
Framingham: Cholesterin erhöht Koronarrisiko bereits im mittleren Lebensalter
Durham – Wer Mitte der 30er oder 40er Lebensjahre einen erhöhten Cholesterinwert hat, erkrankt nach dem 55. Lebensjahr häufiger an einer koronaren Herzkrankheit (KHK). Dies ergab eine Analyse der...
26.01.15
Diabetesmedikament bald auch in Europa als Diätmittel erhältlich
London – Die seit Dezember in den USA zugelassene „Diätspritze“ Saxenda wird demnächst auch in Europa erhältlich sein. Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der europäischen Arzneimittel-Agentur...
26.01.15
Deutsche bewegen sich zu wenig
Berlin – Am Schreibtisch, beim Online-Shoppen und vor allem vor dem Fernseher: Die Deutschen verbringen nach Einschätzung von Experten zu viel Zeit im Sitzen – im Mittel mehr als sieben Stunden an...
22.01.15
Berlin/Wiesbaden – Eine bestmögliche Vernetzung der Krebsmedizin mit der Krebsforschung fordert die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Nur so könne es gelingen, neues Grundlagenwissen in...
19.01.15
Bio-Herzprothese Carmat: Patient verlässt Klinik nach 5 Monaten
Paris – Ein 68-jähriger Mann, der am 5. August letzten Jahres in Nantes eine Bio-Herzprothese erhalten hat, konnte nach Auskunft des Herstellers jetzt die Klinik verlassen. Er ist der zweite Mensch,...

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Mehr zum Thema


Themen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Merkliste

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in