Medizin

Studie sieht Anticholinergika als Demenzrisiko

Dienstag, 27. Januar 2015

Seattle – Die Einnahme von Medikamenten mit anticholinergischen Wirkungen, dazu zählen urizyklische Antidepressiva, ältere Antihistaminika und Mittel gegen Harnin­kontinenz, war in einer prospektiven Beobachtungsstudie an älteren Menschen mit einer erhöhten Rate von späteren Demenzerkrankungen verbunden. Der dosis-abhängige Effekt weist auf eine ursächliche Wirkung hin, die die Publikation in JAMA Internal Medicine (2015; doi: 10.1001/jamainternmed.2014.7663) jedoch nicht abschließend beweisen kann.

Medikamente, die die Wirkung des Neurotransmitters Acetylcholin im Gehirn blockieren, haben häufig negative Auswirkungen auf die kognitive Leistung der Patienten. Die Nebenwirkung ist seit langem bekannt, sie wurde jedoch bisher als reversibel eingestuft, da sich die Patienten in der Regel nach dem Absetzen der Medikamente von ihren Verwirrtheitszuständen erholen.

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In jüngster Zeit sind jedoch Zweifel an dieser Interpretation aufgetreten. So berichtete Malaz Boustani von der Universität in Indianapolis in Alzheimer's & Dementia (2013; 9: 377–385), dass ältere Menschen, bei denen eine milde kognitive Einschränkung diagnostiziert wurden, in den drei Monaten zuvor 2,7-fach häufiger als andere mit anticholinergischen Wirkstoffen behandelt worden waren. Zuvor hatten Marie-Laure Ancelin vom französischen Forschungsinstitut INSERM in Montpellier und Mitarbeiter in der 3-City Studie herausgefunden, dass Senioren, die kontinuierlich mit anticholiner­gischen Wirkstoffen behandelt werden, später häufiger an einer Demenz erkrankten (Archives of Internal Medicine 2009; 169: 1317-1324).

Zu den betroffenen Wirkstoffen gehören nicht nur die klassischen Anticholinergika wie Atropin. Auch trizyklische Antidepressiva wie Doxepin, die nicht nur zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden, gehören dazu. Ebenso Antihistaminika der ersten Generation wie Diphenhydramin und Doxylamin, die heute in nicht verschreibungs­pflichtigen Schlafmitteln enthalten sind. Antimuskarinika wie Oxybutynin werden zur Behandlung der Harninkontinenz eingesetzt, die mit dem Alter häufiger auftritt.

In der 3-City Studie hatten 7,5 Prozent aller Senioren anticholinerge Medikamente erhalten. Auch unter den Teilnehmern der Adult Changes in Thought oder ACT-Studie waren sie vielen Patienten verordnet worden. Die ACT-Studie untersucht die Risikofaktoren für eine Demenzentwicklung im Alter, und die Ergebnisse, die Shelly Gray von der Universität des Staates Washington in Seattle jetzt vorstellt, sprechen erneut dafür, dass anticholinerge Wirkstoffe dazu gehören könnten.

Die Forscherin analysierte die Daten von 3.434 Teilnehmern im Alter über 65 Jahre, die zu Beginn der Studie noch keine Zeichen einer Demenz hatten. Während der mittleren Nachbeobachtungszeit von 7,3 Jahren entwickelten dann 797 Teilnehmer (23,2 Prozent) eine Demenz, bei 637 Patienten lautete die Diagnose Morbus Alzheimer. Der Abgleich mit den Arzneimittelverordnungen ergab, dass das Risiko auf eine Demenzerkrankung mit der Menge der eingenommenen anticholinergischen Wirkstoffe zunahm.

Die Assoziation war dosisabhängig. Teilnehmer in der obersten Kategorie hatten ein um 54 Prozent erhöhtes Risiko (Odds Ratio 1,54; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,21-1,96). Laut Gray könnte bereits die Einnahme von Doxepin in der Tagesdosis von 10 mg/die oder Diphenhydramin in der Tagesdosis von 4 mg/die oder Oxybutynin in der Tagesdosis von 5mg/die über mehr als drei Jahre das Demenz-Risiko erhöhen.

Gray rät den Ärzten, bei älteren Patienten nach Möglichkeit auf andere Wirkstoffe auszuweichen. Als Alternative zu trizyklischen Antidepressiva würden sich selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Citalopram oder Fluoxetin anbieten. Statt Diphenhydramin sollten die Ärzte auf Antihistaminika der zweiten Generation ausweichen (Die Epidemiologin übersieht dabei allerdings, dass trizyklische Antidepressiva und Antihistaminika heute zumeist in anderen Indikationen eingesetzt werden. Für Oxybutynin und andere Antimuskarinika zur Behandlung der Harninkontinenz fehlt es ebenfalls häufig an guten Alternativen.

Auch wenn eine Dosis-Wirkungsbeziehung für eine mögliche Kausalität spricht, lässt sich das Risiko in der klinischen Anwendung aus den Ergebnissen einer Beobachtungsstudie nur schwer abschätzen. Der Editorialist Boustani setzt sich deshalb für die Durchführung von randomisierten klinischen Studien ein, die Nutzen und Risiken anticholinergischer Medikamente an einer größeren Patientenzahl über einen längeren Zeitraum untersuchen müssten. © rme/aerzteblatt.de

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