Ärzteschaft

Bessere Gesundheits­versorgung für Menschen in prekären Lebenslagen

Dienstag, 10. Februar 2015

Düsseldorf – Für eine bessere gesundheitliche Versorgung von Menschen in prekären Lebenslagen hat sich die Ärzteschaft in Nordrhein-Westfalen ausgesprochen. Aus unterschiedlichsten Gründen hätten zum Beispiel Wohnungslose, Flüchtlinge, Langzeitarbeitslose oder auch Behinderte vielfach einen eingeschränkten oder gar keinen Zugang zur medizinischen Regelversorgung, erklärten die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe, die in Zusammenarbeit mit der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen und dem Landesgesundheitsministerium gestern in Düsseldorf eine Fachtagung zum Thema veranstalteten.

„Menschen in prekären Notlagen, die sich oftmals am Rande der Gesellschaft befinden, sind auf einen schnellen, unbürokratischen und niederschwelligen Zugang zum Gesund­heitswesen angewiesen“, erklärte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke. Analysen von Erkrankungsraten und Sterblichkeit aus der Gesundheits­berichterstattung des Bundes belegten, dass soziale Ungleichheit zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf die Lebenserwartung gehöre. Deshalb sei es eine gesamtgesell­schaftliche Aufgabe, für einen bedarfsgerechten und gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitswesen auch für Menschen in prekären Lebenslagen zu sorgen. Dabei müssten nachhaltige Lösungen alle Versorgungsebenen und Akteure mit einbeziehen.

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Die Landesgesundheitskonferenz NRW, deren Mitglied die Ärztekammer Nordrhein ist, beschäftigte sich im November 2014 mit der Versorgung von Menschen in prekären Lebenslagen und verabschiedete einen Maßnahmenkatalog zur Überwindung von Zugangshürden zum Gesundheitssystem. Die Veranstaltung der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe wertete Kammerpräsident Henke vor diesem Hintergrund als „eine Art Auftakt zu einem Dialog von Fachpublikum sowie der Öffentlichkeit zu diesem Thema“.

„Wir müssen für diese Menschen eine Brücke ins Gesundheitssystem schlagen“
„Gerade der Umgang mit dieser Zielgruppe zeigt, wie viel die Versorgungssysteme wert sind“, sagte Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Die Entschließung der Landesgesundheitskonferenz sei ein Bekenntnis zu einem solidarischen und sozialen Gesundheitssystem. Ähnlich wie Henke betonte auch Steffens den Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Krankheit. „Wir müssen für diese Menschen eine Brücke ins Gesundheitssystem schlagen“, erklärte die Ministerin. Dabei müssten auch die gesell­schaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick kommen. Es nütze nichts, wenn man nur im Gesundheitswesen versuche „zu reparieren“. Noch sei Hilfe für diese Zielgruppe oft eine Sache von engagierten Einzelnen. „Das kann nicht reichen“, meinte Steffens. Es müssten durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst Strukturen geschaffen werden. „Wir müssen uns das als reiche Gesellschaft leisten.“

„Armut macht krank und Krankheit macht arm“, erklärte Nico Dragano vom Centre for Health and Society der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf den Teufels­kreis. In Zahlen bedeute das, dass sozial benachteiligte Frauen bis zu 8,4 und Männer bis zu 10,8 Jahre kürzer lebten als wohlhabende Frauen und Männer. Menschen in prekären Lebenslagen hätten in der Regel einen erhöhten Versorgungsbedarf. Aller­dings benötigten sie vielfach andere Zugänge zum Gesundheitssystem. Sie nutzten das System anders und agierten anders als der Durchschnittspatient.

„Wir müssen auf den Bedarf fokussieren und Angebote machen, die passen“
Draganos Institutskollege Stefan Wilm führte am Beispiel einer Familie, die er in seiner Kölner Allgemeinarztpraxis betreut, aus, dass häufig Scham über die eigene Armut die Menschen aus den Wartezimmern fernhalte. „Hier habe ich als Arzt versagt“, erklärte Wilms. Es sei ihm offenbar nicht gelungen, in seiner Praxis eine Struktur zu schaffen, in der sich auch diese Patienten aufgehoben fühlten. „Wir müssen auf den Bedarf fokussieren. Dabei spielen die niedergelassenen Ärzte eine große Rolle. Wir müssen Angebote machen, die passen.“

Als gute Beispiele für diesen Ansatz zeichnete die Akademie für öffentliches Gesundheitswesen gestern „zwei hervorragende Leuchtturmprojekte“ aus, wie Akademieleiterin Ute Teichert sie beschrieb.  Das Gesundheitsamt Hamburg-Eimsbüttel erhielt den Preis für sein „Präventionsprogramm Lenzgesund“, das im sozialen Brennpunkt vernetzte frühe Hilfen rund um Schwangerschaft, Geburt und erste Lebensjahre anbietet. Das Gesundheitsamt Dortmund wurde für sein Projekt „Wenn Wohnungen unbewohnbar werden. Vermüllung, Wohnungsverwahrlosung und pathologisches Horten“ ausgezeichnet. Da Ursache für Wohnungsverwahrlosung häufig psychische Erkrankungen, wie Sucht, Psychosen, Depressionen oder das „Messie-Syndrom“ sind, werden Mitarbeiter des Gesundheitsamtes in Dortmund gezielt geschult, um diagnosedifferenziert vorzugehen.

Versorgung von Flüchtlingen: Pragmatische Lösung in Köln
Auf die zum Teil unzureichende medizinische Versorgung von Flüchtlingen wies die Leiterin des Gesundheitsamtes Köln, Anne Bunte, hin. Zurzeit seien in Köln etwa 5.400 Flüchtlinge in Notaufnahmeeinrichtungen untergebracht. Dort habe man das Versorgungs­problem mithilfe der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) relativ pragmatisch lösen können.

Ziel sei es gewesen, ein ärztliches Sprechstundenangebot zu schaffen, „eine tragfähige Lösung im Regelsystem“, wie Bunte erklärte. Inzwischen hätten sich 60 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte bereit erklärt, sich außerhalb ihrer regulären Sprechstunden an der Versorgung der Flüchtlinge zu beteiligen. Diese erhielten für den Arztbesuch einen Krankenschein vom Sozialamt. Die Ärzte rechneten die Behandlungen auf der Grundlage der Gebührenordnung für Ärzte zum 1,0fachen Satz über die KV ab. © HK/aerzteblatt.de

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