Politik

Bundesregierung: Kein Anlass für Änderung bei Krankschreibung

Montag, 16. Februar 2015

Berlin – Die Bundesregierung will die Regeln für Krankschreibungen in Deutschland nicht ändern. Ein Sprecher des zuständigen Arbeitsministeriums sagte am Montag in Berlin, man halte die Regelung so, „wie sie ist, für angezeigt, sinnvoll und nützlich“. Auch die Arbeitgeber sehen keinen Handlungsbedarf.

Das Ministerium reagierte auf Äußerungen von Wissenschaftlern der Universität Magdeburg, die für eine Lockerung der Regeln bei Krankschreibungen plädiert hatten. Beschäftigte sollten sich für die Dauer von bis zu einer Woche selbst krankmelden können, zitierte die Welt am Sonntag das Forscherteam.

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Eine Studie habe ergeben, dass viele Arztbesuche nur erfolgten, um die ärztliche Bescheinigung zur Krankschreibung zu erhalten. Falle ein Teil davon weg, würden die Hausärzte entlastet und könnten sich besser um die Behandlung von Patienten mit langwierigen Erkrankungen kümmern. Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn zeigte sich dafür aufgeschlossen.

Der CDU/CSU-Fraktionsvize Michael Fuchs sagte der Bild-Zeitung vom Montag dagegen: „Es muss für Unternehmer die Möglichkeit geben, Krankschreibungen zu überprüfen. Sonst ist ein Missbrauch nicht ausgeschlossen.“ SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach argumentierte: „Die Gefahr ist zu groß, dass Erkrankungen nicht frühzeitig behandelt werden.“ Gerade in einem frühen Stadium einer Erkrankung sei ein Arztbesuch sinnvoll.

Unterstützung für den Vorschlag aus Magdeburg kam hingegen vom Hartmannbund. „Ich würde die Ausweitung der Frist für eine eigenständige Krankschreibung ausdrücklich begrüßen", erklärte dessen Vorsitzender Klaus Reinhardt, in Berlin. Bei der Frage überflüssiger Arztbesuche müsse insbesondere über die Arbeitsunfähig­keitsbe­scheinigung gesprochen werden. Eine entsprechende Neuregelung komme angesichts überlasteter Praxen Ärzten und Patienten gleichermaßen zugute, zeigte sich der Hartmannbundvorsitzende überzeugt.

Der Leiter der Magdeburger Studie, Wolfram Herrmann, verteidigte seinen Vorstoß. Er erwarte keinen massenhaften Missbrauch, sagte er dem Sender MDR Info. Unter­suchungen zeigten, dass viele Patienten sich ohnehin nur wenige Tage krankschreiben ließen und allein wegen des Krankenscheines zum Hausarzt gingen. „Von diesen Patienten könnten wir die Ärzte entlasten", sagte Herrmann. Auch zeigten Erfahrungen in Norwegen, wo Patienten ohne Krankenschein acht Tage zu Hause bleiben dürften, dass sich der Krankenstand dort nicht erhöht habe. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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klausenwächter
am Sonntag, 5. April 2015, 13:36

Se faire mettre en arret de traivail fait etre cense etre malade.

Der ausschließlich wegen einer kurzen Krankschreibung erfolgende Arztkontakt ist nicht zweckmäßig. Wartezeiten für schwerwiegend Erkrankte lassen sich durch eine freizügigere Regelung der Fehlzeiten vermindern. Die Krankschreibung bringt die Absicht des Vorsprechenden zur Geltung.
isnydoc
am Dienstag, 17. Februar 2015, 11:48

... und die verflixte 17!

Schätze das Systemverständnis des Kollegen Schätzler
bedarf noch einer Korrektur:
Es sind keineswegs die Rentner, die verzweifelt Gesprächspartner in den Arztpraxen suchen ... es sind ökonomische Notwehrakte der Kassenärzte, die zur Behandlung von Kranken durchschnittlich viele Gesunde als Kompensation benötigen, um z.B. nicht regresspflichtig zu werden.
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 16. Februar 2015, 23:05

Karnevaleske Burleske?

Da hat der Vorsitzende des Hartmannbundes (HB), Kollege Dr. med. Klaus Reinhardt, mal wieder nicht mitbekommen, worum es eigentlich geht? „Ich würde die Ausweitung der Frist für eine eigenständige Krankschreibung ausdrücklich begrüßen", erklärte er etwas einfältig. Doch Hintergrund ist, dass Wissenschaftler der Universität Magdeburg nur für eine Lockerung der Regeln bei Krankschreibungen plädieren, weil sie das deutsche System der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit Lohnfortzahlung ignorieren bzw. ausgerechnet und ausschließlich mit Norwegens staatlichem Einheitsversicherungs-System vergleichen wollten. Sozialpsychologisch kann man vielleicht eine Parallele zwischen Norwegen und Deutschland dahingehend erahnen, dass dort mit Erna Solberg eine weibliche Ministerpräsidentin und bei uns in Deutschland Frau Dr. Angela Merkel als Bundeskanzlerin regieren. Mögliche Parallelen aber in der Gesundheits-System-Forschung konstruieren zu wollen, ist m. E. völlig fehl am Platz.

Ein Blick auf die Landkarte genügt: Norwegen hat eine Fläche von 385.199 km² bei einer Einwohnerzahl von gut f ü n f Millionen Menschen (5.156.451 Einw. - Stand 1.10.2014). Deutschland dagegen beherbergt auf einer etwa zehn Prozent k l e i n e r e n Fläche von 357.340 km² eine Einwohnerzahl von gut a c h t z i g Millionen Menschen (80.767.000 Einw. - Stand 31.12.2013). Das ist knapp sechzehn Mal so viel!

Medizinsoziologisch und sozialmedizinisch ist die Bevölkerungsdichte für jedwede Versorgungsforschung essenziell: Sie beträgt in Deutschland 226 Einwohner pro km². Dagegen liegt die norwegische Bevölkerungsdichte nur bei 13 Einwohnern pro km². Dadurch entstehen wesentlich l ä n g e r e Wege, Versorgungsdisparitäten bzw. auch klimatisch bedingte Anfahrt-Hindernisse als in Deutschland. Viele medizinische Krankheits- und Versorgungs-Probleme müssen in Norwegen dies- und jenseits des Polarkreises deshalb besonders während der Wintermonate in der Basisversorgung mittels n i c h t ä r z t l i c h e r Intervention bewältigt werden. Deshalb die wesentlich selteneren, direkten Arzt-Konsultationen.

Doch die aktuelle Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa), pünktlich zur "Fünften Jahreszeit" mitten im Karnevalstrubel, bezieht sich auf eine Verlautbarung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OVGUM):
"Warum gehen wir in Deutschland so häufig zum Arzt?
11.02.2015 - Magdeburger Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse einer deutsch-norwegischen Vergleichsstudie zur Inanspruchnahme hausärztlicher Leistungen am 17. Februar der Öffentlichkeit und am 18. Februar vor Fachkollegen...Die Inanspruchnahme ambulanter ärztlicher Versorgung ist in Deutschland im internationalen Vergleich ungewöhnlich hoch. Deutsche gehen durchschnittlich 17 Mal im Jahr zum Arzt, die Norweger dagegen nur fünf Mal."
http://www.med.uni-magdeburg.de/Presse/Pressemitteilungen/17_18_02_2015+h%C3%A4ufige+Arztbesuche-p-12990.html

"Dass durch eine eigenständige Krankmeldung der Beschäftigten die Zahl der Fehltage nicht nach oben schnellt, zeigen Erfahrungen aus Norwegen", behauptet Dr. Wolfram Herrmann, Leiter des Magdeburger Forscherteams. Dabei wird vergessen, dass im norwegischen Krankenversorgungs-System der gläserne Patient bereits Wirklichkeit ist. Ausnahmslos alle personenbezogenen Daten werden dort erfasst, evaluiert, zertifiziert und kontrolliert. Eine eigenmächtige Krankschreibung ohne triftige Gründe wird durch eine engmaschige Sozialversicherungs-Kontrolle konterkariert. Allein deshalb ist eine Vergleichbarkeit mit Deutschland gar nicht gegeben.

Das hindert die Veranstalter allerdings nicht, genau darüber ein Symposion abzuhalten:
http://www.med.uni-magdeburg.de/unimagdeburg_mm/Downloads/Pressestelle/News/2015/Abschlusssymposium+18_02_2015-p-39486.pdf

In den Bereich von "Quatsch Comedy-Club" reicht allerdings, dass die dpa einfach "karnevalistisch" behauptet, "Arbeitgeber verlangen in der Regel ab dem vierten Tag der Krankheit eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU). Drei Tage kann ein Beschäftigter also nach eigener Entscheidung ohne 'Krankenschein' zu Hause bleiben." Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/fachbereiche/allgemeinmedizin/article/879275/entlastung-hausaerzten-forscher-lockerung-krankmeldung.html
Die Lebens- und Tarifvertrags-Wirklichkeit sieht anders aus: Alle Flächentarifverträge sehen a b dem dritten Tag des "Krankfeierns" eine ärztliche Nachweispflicht vor. Und diese gilt zur Überraschung vieler Patienten für die ersten drei K a l e n d e r t a g e und n i c h t nur für die Arbeitstage. Wer nach freiem Wochenende sich beim Arbeitgeber krank meldet, muss eine AU für den Montag als 3. Tag vorlegen. Dies gilt beim freitäglichen "Blaumachen" entsprechend. Nach SBG V dürfen Ärztinnen und Ärzte allerdings nur in A u s n a h m e f ä l l e n rückwirkend krankschreiben.

Aber der HB, die dpa-Redakteure und OVGUM-Forscher können getrost weiter ihre Narrenkappen tragen! Die Freiheit von Forschung und Wissenschaft erlaubt das schließlich. Und übrigens, die 17 Arztbesuche pro Jahr für jede GKV-Versicherte in Deutschland verursachen mehrheitlich unsere Rentnerinnen und Rentner als multimorbide Patienten, weil sie sonst niemand mehr zum Reden haben. Aktive Arbeitnehmer und eingespannte Familienmitglieder haben für so etwas i. d. R. keine Zeit.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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