Politik

Krankenhäuser: AOK fordert vermehrte Zertifizierung von Zentren

Freitag, 20. Februar 2015

Berlin – „Ein Strukturwandel im Krankenhaussektor ist dringend notwendig.“ Diese Meinung vertrat heute der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem bei der Vorstellung des Krankenhaus-Reports 2015 des AOK-Bundesverbandes. Denn im stationären Bereich gebe es nicht nur Überkapazitäten, eine Unterfinanzierung sowie gute Anzeichen für breite Qualitätsunterschiede an den Krankenhäusern. „Wir haben auch einen fortgehenden Spezialisierungsprozess, einen regionalen Bevölkerungswandel und zunehmend kritische Patienten, worauf die Krankenhausplanung bislang unzureichend reagiert hat“, sagte Wasem.

Als „überraschend“ bewertete er es, „wie langsam sich der Prozess des Strukturwandels vollzieht. Ich hatte gedacht, nach der Einführung des DRG-Systems würde es viel schneller gehen.“ Er forderte die Politik auf, „nun die richtigen Weichenstellungen zu setzen“. Eine wichtige Dimension im Rahmen des Strukturwandels sei dabei die Qualität der erbrachten Leistungen.                                                     

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Bessere Überlebensrate in zertifizierten Brustkrebszentren
Diese Ansicht vertrat auch der geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbandes, Uwe Deh: „Wir brauchen mehr Stringenz und Verbindlichkeit bei den Qualitätsvorgaben für Kliniken.“ Schon heute gebe es funktionierende Ansätze, auf denen die Politik eine qualitätsorientierte Klinikreform aufbauen könne. Als Beispiel nannte Deh die Zertifi­zierung von Zentren zur Behandlung von Brust- und Darmkrebs. Hier hätten die Beteiligten durch freiwilliges Engagement bereits ein gutes Stück des Weges zurück­gelegt. Würde man diesen Ansatz konsequent weiterverfolgen und nur die zertifizierten Zentren für die Behandlung vorsehen, hätten Patienten und gute Kliniken davon schnell einen Nutzen.

„Die Überlebensrate von Patientinnen, die in von uns zertifizierten Brustkrebszentren behandelt wurden, liegt nach vier Jahren bei 90 Prozent. Bei Behandlungen außerhalb zertifizierter Zentren sind es dagegen nur 83 Prozent“, sagte Simone Wesselmann, Leiterin des Bereichs Zertifizierung der Deutschen Krebsgesellschaft. „In den zertifizierten Krankenhäusern sehen wir zudem deutlich eine Abnahme der Heterogenität der Ergebnisse zwischen den Zentren. Unnötige Therapien werden vermieden.“

Behandlungsqualität ist Patienten wichtiger als Nähe des Krankenhauses
Für die Zertifizierung als Brustkrebszentrum muss eine Klinik eine Mindestmenge von 50 Eingriffen pro Operateur gewährleisten. Viele Krankenhäuser seien aber weit davon entfernt, diese Anforderung der Deutschen Krebsgesellschaft zu erfüllen, sagte der Forschungsbereichsleiter Krankenhaus des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Jörg Friedrich. Die Verteilung der zertifizierten Zentren für Brustkrebs innerhalb Deutschlands sei jedoch bereits gut: „79 Prozent aller Brustkrebs-Patientinnen werden heute schon an zertifizierten Zentren behandelt.

Zwei von drei AOK-Patientinnen mit Brustkrebs entschieden sich heute für ein zertifi­ziertes Zentrum, obwohl andere Krankenhäuser näher lagen, die dieselbe Leistung ebenfalls erbringen. „Die Entfernung vom Wohnort ist für die Patienten nur ein Kriterium bei der Krankenhauswahl. Die erwartete Versorgungsqualität ist häufig wichtiger“, betonte Friedrich. „Der Anteil der Patienten, die weiter fahren, um eine besondere Qualität zu erhalten, steigt von Jahr zu Jahr“, ergänzte Wasem.

AOK: „Es mangelt nicht an engagierten Ärzten“
Für die Ärzte sei das Audit der Deutschen Krebsgesellschaft eine Wertschätzung ihres Engagements, meinte Wesselmann. Denn mit der Zertifizierung würden die eigenen Ergebnisse sichtbar. Dabei erinnerte sie daran, dass „diese Zertifizierung ja auch durch Leistungserbringer ins Leben gerufen wurde“.  

„Ein qualitätsgetriebener Strukturwandel funktioniert – trotz der fehlenden Orientierung aus der Gesundheitspolitik“, resümierte Deh. „Wir sehen daran: Klare Spielregeln führen zu besseren Behandlungsergebnissen.“ Dabei mangele es nicht an engagierten Ärzten, Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen. Es mangele auch nicht daran, dass sich die Patienten für Veränderungen interessieren. „Es mangelt aber noch ein bisschen an den Rahmenbedingungen, die helfen, den Strukturumbau auf den Weg zu bringen“, befand Deh und forderte: „Wir brauchen klare Rahmenbedingungen, die das Gute vor dem Schlechten schützen.“

Wasem: „Zentrenbildung wird keine Kosten senken“
Wasem wies darauf hin, dass es „bei der Verwendung des Begriffs ‚Zentrum‘ viel Wildwuchs gibt. Jede Klitsche kann ‚Zentrum‘ genannt werden.“ Auch Deh forderte „klare Rahmenbedingungen, damit es zu keinem Etikettenschwindel kommt“. Es sei deshalb gut, dass die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Krankenhausreform in ihren Eckpunkten den Zentrumsbegriff neu fassen wolle.

„Es ist jedoch illusorisch“, betonte Wasem, „dass durch eine zunehmende Zentrenbildung die Kosten sinken werden.“ Es könne höchstens gelingen, dadurch den Kostenanstieg zu bremsen, da in diesem Bereich noch Effizienzreserven durch eine größere Bündelung lägen.“ © fos/aerzteblatt.de

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