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„Wir brauchen verlässliche Wege, damit der Patient im Notfall weiß, wo er hingehen soll“

Donnerstag, 26. Februar 2015

Magdeburg – Ein Gutachten der Deutschen Krankenhausgesellschaft hat die Diskussion darüber wieder aufflammen lassen, wer am stärksten belastet ist durch die Versorgung von ambulanten Notfallpatienten: Die Ärztinnen und Ärzte in Klinikambulanzen? Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, die Kranke außerhalb der Sprechzeiten in Arztpraxen, Notfallpraxen nahe der Krankenhäuser oder durch Hausbesuche versorgen?

5 Fragen an Hermann J. Rothkötter, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg

DÄ: Herr Prof. Rothkötter, die Deutsche Krankenhaus­gesellschaft hat gerade kritisiert, dass die nieder­gelassenen Ärztinnen und Ärzte ihrem Sicherstellungs­auftrag nicht ausreichend nachkommen und die Notfallambulanzen der Krankenhäuser deshalb außerhalb der Sprechstundenzeiten viel zu viele Patienten versorgen müssten ­– ohne dass diese Versorgung ausreichend bezahlt würde. Wie sind Ihre Erfahrungen mit solchen Notfällen am Universitätsklinikum Magdeburg?
Rothkötter: Wir sehen in den Abendstunden und an den Wochenenden sehr viele Patientinnen und Patienten, die mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern in die Notaufnahme kommen. Und das, obwohl wir in der Nähe unseres Campus ein Medico­soziales Zentrum haben, in dem niedergelassene Kollegen im ärztlichen Bereitschafts­dienst zur Verfügung stehen.

Dieses Angebot ist der Notfallaufnahme der Klinik vorgeschaltet. Aber es ist ebenfalls regelmäßig sehr stark frequentiert. Das gilt besonders in Zeiten wie diesen mit vielen Infekten. Ein Kollege hat mir gerade erzählt, dass in der Bereitschaftsdienstpraxis allein letzten Sonntagnachmittag 38 Patienten versorgt wurden.

Was wir auch erleben ist, dass Patienten in die Notaufnahme kommen, die keine Notfälle sind, aber keinen zeitnahen Termin beim niedergelassenen Facharzt erhalten haben und nun mit einem Problem zu uns kommen. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr 35.000 Patienten in unserer Zentralen Notaufnahme versorgt.

DÄ: An vielen Universitätskliniken versorgen auch die regulären Ambulanzen beziehungsweise Polikliniken sehr viele Patienten. Wie ist das in Magdeburg?
Rothkötter: Bei uns versorgen beispielsweise die Augenklinik, die Orthopädie oder die Dermatologie sehr viele ambulante Patienten. Einerseits können wir dort schlecht von überlaufenen Ambulanzen sprechen, weil wir diese Patienten mit einer Überweisung ja annehmen. Andererseits behandeln wir weit mehr Patienten als geplant. Der Zulassungs­ausschuss hat eine Obergrenze von 61 000 ambulanten Fällen pro Jahr festgelegt. Wir kommen aber auf bis zu 80.000 Fälle. Versorgungsengpässe haben dazu geführt, dass wir teilweise auch Patienten mit einer Überweisung des Hausarztes akzeptieren, weil sie sonst keinen zeitnahen Facharzttermin erhalten würden.

DÄ: Wie könnte man diese Probleme des Terminmangels und der Überlastung im ambulanten wie im stationären Bereich Ihrer Meinung nach lösen?
Rothkötter: Wir müssten sehr viel klarer prüfen, wo die heutige Sektorentrennung zwischen Klinik und Praxis nicht mehr richtig ist. Warum können Krankenhäuser dort, wo sie doch ein Versorgungszentrum in der Fläche sind, ambulante Patienten nicht von vornherein mitbetreuen? Für Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern könnte man an verschiedenen Orten sehr gute Modelle entwickeln, um den Arztmangel im ambulanten Bereich auszugleichen.

Natürlich ist die Situation in Städten mit vielen Krankenhäusern und vielen nieder­gelassenen Ärzten eine andere. Aber in den ländlichen Regionen können niederge­lassene Ärzte die ambulante Versorgung oft nicht mehr allein bewältigen, und zwar nicht nur im hausärztlichen Bereich, sondern auch im fachärztlichen.

DÄ: Stimmen Sie denn der DKG zu, die gefordert hat, man solle die ambulante Notfallversorgung direkt den Krankenhäusern übertragen?
Rothkötter: Ich finde, dass die Notfallversorgung in den Regionen zwischen den beiden Sektoren abgestimmt sein sollte. Wir brauchen verlässliche Wege, damit der Patient im Notfall weiß, wo er hingehen soll. Ob das einer Klinik vorgeschaltete Bereitschaftspraxen der Niedergelassenen sind oder ein Stadtkrankenhaus, das für die ambulante Notfallver­sorgung ausgestattet wird: Entscheidend scheint mir zu sein, dass wir alle an diesen Stellen ein bisschen besser als bisher planen könnten. Wir wissen doch zum Beispiel, wann Grippewellen zu erwarten sind. Wir wissen, dass dann sehr viele Patienten als Notfälle kommen werden. Es sollte doch möglich sein, dass wir uns an einen Tisch setzen und gemeinsam überlegen, wie wir diese vielen Patienten dann bewältigen können. Das ist eine Vision, die sich einfach aus den Anforderungen in einer Region wie hier ergibt.

Ambulante Notfallversorgung: Patienten behandeln – aber am richtigen Ort

Klinikambulanzen sind überlastet, weil der Bereitschaftsdienst nicht funktioniert? Falsch, dessen Reformen greifen doch? Vom Streit über die zeitgemäße Versorgung von Patienten, die zur Unzeit kommen. Hier spricht der automatische Anrufbeantworter von Doktor Gundel.

DÄ: Ohne despektierlich sein zu wollen: Es mag sein, dass der Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte nicht immer optimal funktioniert. Aber die Notfallambulanzen der Kliniken gelten eher als schlecht organisiert. Folglich müssen Patienten oft lange warten und haben nicht unbedingt das Gefühl, dass sie nach dem Schweregrad ihrer Beschwerden an die Reihe kommen.
Rothkötter: Eine Zentrale Notaufnahme kann man schlecht planen. Am Uniklinikum muss eine Vorhaltung für alle Bereiche realisiert werden. Die wirklichen Notfälle, die versorgt werden müssen, sind zeitintensiv, und dadurch kann es für andere Patienten zu Wartezeiten kommen. Außerdem wird in der Zentralen Notaufnahme die gesamte Diagnostik gemacht, inklusive Labor und Bildgebung, was im niedergelassenen Bereich nicht der Fall ist.

Die Belastung des Personals in den Notfallambulanzen ist hoch. Teilweise ist die Versorgung auch sehr gut organisiert, so dass zum Beispiel zu vorhersehbaren Stoßzeiten ein großes Team im Dienst ist. Aber man könnte trotzdem im Sinne des Servicegedankens noch mehr tun. Wir müssten zum Beispiel allen Patienten, die mit einem Problem in die Notfallambulanz kommen, klar vermitteln, wie die Standard­versorgungswege sein werden, wie sie also behandelt werden.

Ideal wäre es, wenn erst einmal eine breite allgemeinmedizinische Diagnostik stattfände und dann eine spezialisiertere. Das heißt: Es gibt an der Klinik eine große allgemein­medizinische Notfallambulanz, die rund um die Uhr geöffnet ist. Dort untersucht die Patienten als erstes ein Generalist, also ein entsprechend qualifizierter Hausarzt oder hausärztlich orientierter Internist, macht eine erste Beratung und klärt, was weiter zu geschehen hat. Damit die Patienten sich im Klinikum zurechtfinden, brauchte man beispielsweise für ältere Menschen möglicherweise auch eine Art Scout, der sie zur Weiterbehandlung oder gegebenenfalls auf eine Station begleitet, damit sie nicht über den Campus irren.

Eine so strukturierte allgemeinmedizinische Ambulanz hat noch einen großen Vorteil: Man kann dort sehr gut Medizinstudierende einbinden, die auf diese Weise eine grundlegende Notfallversorgung kennenlernen. Ich habe selbst vor vielen Jahren in einer allgemeinmedizinischen Praxis famuliert und kann mich noch sehr gut erinnern, wie viel ich dadurch gelernt habe, dass ich zwischendurch die Medizinischen Fachangestellten am Empfang vertreten habe. © Rie/aerzteblatt.de

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